Der Titel „Es geht nur gemeinsam!“ von Jutta Allmendingers Buch ist mehr als eine soziale Forderung – er formuliert eine philosophische Wahrheit über den menschlichen Fortschritt. Wahre gesellschaftliche Freiheit verwirklicht sich nicht in der isolierten Autonomie des Einzelnen, sondern in der gegenseitigen Anerkennung und im gemeinsamen Streben nach einer gerechteren Ordnung für alle. Die Fesseln der Ungerechtigkeit binden nicht nur die Unterdrückten, sondern auch die vermeintlich Privilegierten an ein unvollkommenes System. Befreiung kann daher nur ein gemeinsamer Akt der Neugestaltung unserer sozialen Architektur sein. Geschlechtergerechtigkeit ist kein Nullsummenspiel, sondern eine notwendige Synthese, die die Gesellschaft als Ganzes zu einer höheren Stufe von Humanität und Vernunft erhebt.
Wie brüchig dieses Fundament gemeinsamer Verantwortung noch ist, hat die Corona-Pandemie wie unter einem Brennglas offengelegt. Sozialforschende warnten früh vor einem „Rollback“ in den Geschlechterverhältnissen – und die Realität gab ihnen recht. Als Kitas und Schulen schlossen, fiel die Gesellschaft in alte Muster zurück. Die Last der unbezahlten Sorgearbeit wurde erneut überwiegend von Frauen getragen, und die Schere zwischen den Geschlechtern öffnete sich weiter. Das geschah, obwohl viele Väter – und ich zähle mich zu jenen, die stets bis auf das Stillen alles im Haushalt übernehmen – sich längst als gleichberechtigte Partner verstehen. Doch gute Absichten ändern wenig an den Strukturen, die diesen Rückfall begünstigen.
Verstärkt wurde dieses Versäumnis durch eine Politik, die die Chance zur Neugestaltung ungenutzt ließ. Dass das Konjunkturpaket der Bundesregierung Gleichstellungsaspekte weitgehend ignorierte, zeigt, wie tief die alten Strukturen verankert sind – und dass echte Partnerschaftlichkeit politisch gestaltet werden muss.
Gerade vor diesem Hintergrund wirken die jüngsten Äußerungen von Friedrich Merz, der eine Geschlechterparität im Kabinett für verzichtbar hält, wie ein Rückfall in ein Denken vergangener Jahrzehnte. Sie markieren nicht nur eine konservative Machtlogik, sondern auch ein Symptom gesellschaftlicher Müdigkeit gegenüber der Gleichberechtigung. Wenn selbst auf der höchsten politischen Ebene der Gedanke des „gemeinsamen Fortschritts“ wieder infrage gestellt wird, dann stehen uns – wie Allmendinger warnend zeigen würde – schwierige Zeiten bevor.
Allmendingers Leitgedanke der geteilten Verantwortung reicht über die Geschlechterfrage hinaus. Er lässt sich unmittelbar auf die drängendste Herausforderung unserer alternden Gesellschaft übertragen: Auch die Sorge für unsere Ältesten darf nicht länger die stille, ungesehene Last Einzelner bleiben. Sie ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die wir nur gemeinsam und solidarisch bewältigen können.