Verführerisch, sündig, ruchlos und grausam! Medea, die aus Rache, Enttäuschung und Eifersucht zur Mörderin wird, gehört zu den faszinierendsten Figuren der griechischen Mythologie. Die ambivalente Frauengestalt, die liebt und mordet, kämpft und zaubert, hat die großen Autoren und Philosophen von der Antike bis in die Gegenwart zu zahlreichen Interpretationen und literarischen Bearbeitungen angeregt. Die wichtigsten Texte sind in diesem Band versammelt.
„Mythos Medea“ ist eine Anthologie einer widersprüchlichen Gestalt der griechischen Sage von Euripides, der die Figur bekanntmachte, bis zu Ljudmila Ulitzkaja mit der neuesten Interpretation des Stoffes. Wobei ich sagen muss, dass ich den letzten Text nicht gelesen habe, weil ich mir die Spannung für das Lesen des ganzen Buches im April erhalten wollte.
Ich bin sehr erstaunt, wie viele bekannte und weniger bekannte Autoren sich dem Medea-Stoff zuwandten und wie vielfältig die Gestalt erzählt wurde. In diesem Buch sind 27 Autorinnen und Autoren versammelt, manche auch mit mehreren Werken. Die bekannteren sind z. B. Ovid, Seneca, Lessing, Nietzsche, Keller, Anna Seghers, Sylvia Plath, Helga Novak und Christa Wolf. Die Bandbreite reicht von der Medea, die keinen Ausweg sieht, über die Furie, die Wilde, die Hexe und Zauberin, die Barbarin, die Verzweifelte, die psychisch Kranke, die gehasste Fremde bis hin zur verlassenen Ehefrau und verleumdeten Unschuldigen. Manche Texte stellen den Kindermord in den Mittelpunkt, andere verzichten völlig darauf, einzelne setzen sich mit Jason auseinander. Neben Christa Wolfs Werk, das ich zeitgleich las, faszinierte mich besonders der Text von Max Zweig unter dem Titel „Medea in Prag“ von 1949.
Jede Zeit bringt andere Umstände hervor, die wiederum eine andere Deutung des Stoffes zulassen. Das war beeindruckend in der Vielgestaltigkeit. Die Erläuterungen des Herausgebers am Schluss zu den einzelnen Texten haben das Verständnis gefördert, denn manche Zusammenhänge lassen sich durch die Auszüge aus dem Gesamtwerk nicht verstehen.
Eigentlich lässt sich eine Anthologie nicht bewerten. Ich bewerte wie gewohnt meinen Lesegenuss, der durch das Unverständnis mancher Abschnitte, deren Sinn sich erst am Schluss in den Worten des Herausgebers etwas deutlicher herausstellte, getrübt wurde. Trotzdem ist das Buch empfehlenswert für einen Überblick über die Wandlung eines Themas in den unterschiedlichsten Epochen.