In einer Zeit, in der die politische Landschaft im Umbruch ist und die Volksparteien zerfallen, werden ausgerechnet die Grünen zum Hort der Stabilität, staatstragend und seriös. Habeck und Baerbock sind die Stars der deutschen Politik und versprechen, Antworten auf die Megafragen des 21. Jahrhunderts zu geben. Sogar das Kanzleramt ist in Reichweite. Aber funktionieren ihre Konzepte? Retten sie wirklich die Welt? Die Antworten von Grünen-Kenner Schulte sind erstaunlich: Die Parteispitze gibt sich zwar kämpferisch und radikal, in Wirklichkeit aber achtet sie sorgfältig darauf, ihr Klientel nicht zu überfordern. Und das sind längst nicht mehr die Latzhosen oder Wollpullis tragenden Hardcore-Ökos, sondern wir alle.
Naja, ganz OK. Wie ein sehr sehr langer taz Artikel, mit ein paar netten Insider-Bonmots, und grundsätzlich nachvollziehbaren Einschätzungen — aber es fehlt der tiefere strategische Blick, ebenso wie eine tiefere Erkenntnis darüber *wie* die Grünen denn nun wirklich das Land verändern wollen.
Großartige Analyse, die die Grünen kritisch beleuchtet. Hilft dabei, das Selbstverständnis der Partei besser zu begreifen. Hauptkritikpunkt ist, dass ihre Forderungen nicht radikal genug seien, um die Klimakrise einzudämmen und dem muss ich mich leider anschließen. Allerdings endet es auch durchaus versöhnlich und betont, die Leistung, Ökologie in den Vordergrund des politischen Diskurses gerückt und eine neue politische Kultur etabliert zu haben. Sehr klug, kritisch aber auch wohlwollend.
Ich hab mir etwas anderes von dem Buch erwartet, weniger Vergangenheitsbewältigung und mehr Fokus auf das, was kommt und mit dem Parteiprogramm zu erwarten ist. Mehr Bezug zum Buchtitel - der kommt nur am Ende und etwas zu kurz😅
Im Buch werden eher - in viele kurze Kapitel eingeteilt - einzelne Aspekte der Partei beleuchtet und hinterfragt (Baerbock, Habeck, Kontrolle in der Partei, Ambivalenzen, Vielfalt im Personal, Kommunikation uvm.)
„Die grüne Macht“ bezieht Ereignisse bis zum Jahr 2020 ein und stellt viele Thesen zur bevorstehenden Bundestagswahl auf - deren Ausgänge wir inzwischen kennen. Vor allem die aktuelle Regierungsbeteiligung führen derzeit zu großen Wandlungen in der Partei und deren Wahrnehmung - dadurch verliert das Buch etwas an Relevanz und Aktualität.
Womit ich nicht sagen möchte, dass es komplett überholt ist, da es scharfe Beobachtungen aufweist und nicht zu vernachlässigende Charakterzüge einzelner Personalien und der Partei identifiziert.
Auch wenn der Autor den Grünen eher sehr nahe steht, hält er eine notwendige kritische Distanz aufrecht. Ich mochte sein Auge für die Dinge, die in Interviews mit jeglichen Personen NICHT gesagt wurden.
Versöhnliches Schlusswort. Und das Fazit, dass die Grünen weder richtig „links“, noch „radikal“ und inzwischen auch nicht mehr „grün“ sind. Er klang mir ein bisschen enttäuscht.
Mit „Die grüne Macht“ legt Ulrich Schulte eine argumentativ überzeugende Analyse über die Wahlversprechungen und Inhalte der Grünen ab: hinterlegt mit vielen unterhaltsamen Blicken hinter die Kulissen, ergiebigen Interviews und einer fundierten Recherche! Auch wenn der Autor sichtlich von der Partei angetan ist, äußert er kritische Töne und gleicht die politischen Programmpunkte mit der Realität ab.
Leider langweiliger Inhalt und Schreibstil. Mit grundlegendem Wissen über die Grünen und die Entwicklung der letzten Jahre erfährt man wenig neues. Hab leider nach 160 Seiten das Buch abgebrochen.
Das Buch ist eine Beschreibung des Zustands der Partei in den Jahren 2020/2021 bis kurz vor der Nominierung Annalena Baerbocks als Kanzlerinnenkandidatin für die Bundestagswahl 2021 und die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im Frühjahr 2021. Daher konnte auch nicht mehr auf das Zwischenhoch in den Meinungsumfragen nach der Nominierung eingegangen werden sowie auf das anschließende Sinken wegen einiger (u.U. vermeintlicher) Fehler in der Außendarstellung. (Eingegangen wird jedoch auf den Corona-Knick in Umfragen und Wahlergebnissen.) Dieser Hinweis ist nicht unangebracht, denn im Buch werden die Grünen gewürdigt als eine Partei mit der zurzeit geschicktesten und professionellsten Öffentlichkeitsarbeit in der deutschen politischen Landschaft. Sie versucht, für viele gesellschaftliche Gruppen wählbar zu sein, beschönigt jedoch ggf. notwendige Kostensteigerungen und Verzicht für die Bevölkerung.
Der Autor versucht mit dem Mythos von Bündnis 90/Die Grünen als Partei der Besserverdienenden aufzuräumen, indem er auf die Einkommensverhältnisse deren Wähler:innenpotenzials eingeht. Allerdings bleibt er insbesondere hinsichtlich Beschulten und Studierenden in Bezug auf deren formal prekäre Lebensumstände oberflächlich, denn ausgeblendet wird dabei der Klassismus. Wer auf (nicht unerhebliches) Vermögen seiner Verwandtschaft zurückgreifen kann, dürfte finanziell besser dastehen als manch andere. Allerdings macht der Autor deutlich, dass an dem Klischee der Grünen als Partei bürgerlicher, weißer und westdeutscher Prägung etwas dran ist.
Nichtsdestotrotz treffen die Grünen den Zeitgeist, spätestens seit die Bewegung „Fridays for Future“ Eingang in die Popkultur gefunden hat. Beachtlich ist, dass dieser Bewegung die Grünen nicht radikal bzw. konsequent genug sind, sodass die Partei von einer ihrer prominentesten Angehörigen, Luisa Neubauer, öffentlich, auch in diesem Buch, kritisiert wird. Außerdem werden die aus Fridays for Future hervorgegangenen Klimalisten bei Landtagswahlen kurz erwähnt. Ihr bescheidenes Abschneiden bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz im Frühjahr 2021 konnte wegen des Redaktionsschlusses nicht mehr gewürdigt werden.
Ansatzweise kommt ein Generationenporträt zu Vorschein, wenn der Autor vor dem Hintergrund der Nominierung Baerbocks als Kanzlerinnenkandidatin Parallelen zu den relativ jungen, derzeitigen Regierungschefinnen Neuseelands und Finnlands zieht. Wieso er die zu dieser Generation ebenfalls zählenden, aktuellen dänischen Ministerpräsidentin auslässt (Mette Frederiksen ist drei Jahre älter als Baerbock, Jacinda Ardern gleichaltrig und Sanna Marin fünf Jahre jünger), ist nicht nachvollziehbar. War sie ihm unbekannt oder nicht liberal genug, um als Ausdruck weiblichen Regierungsstils als Vorbild angegeben zu werden?
Angesichts dessen geht der Autor auch auf Habitus und Distinktion des Wähler:innenpotenzials ein. Unter Einbeziehung des Zeitgeistes könnte es also sein, dass kleinste (Formel-)Kompromisse der Grünen in Regierungen von Elektorat und wohlmeinenden Medien massiv abgefeiert würden, obwohl man Vergleichbares anderen Parteien niemals durchgehen ließe. Zudem erscheint das Wähler:innenpotenzial eher diskurs- statt lösungsorientiert. Den Grünen wird bescheinigt, gut zuhören zu können; nach Beispielen für Problemlösungen muss man in diesem Buch lange suchen.
Als Fazit dieses Buches ist festzuhalten, dass den Grünen sich die historisch erste Chance bietet, eine Bundesregierung anzuführen. Erstmals in der Geschichte der Partei gibt es ein kohärentes Erscheinungsbild aus den richtigen Themen zur richtigen Zeit mit den richtigen Leuten. Die Grünen können eigentlich nur sich selbst schlagen. Und weil der Autor erkennen lässt, dass er Annalena Baerbock als Spitzenkandidatin der Grünen für wahrscheinlich hält, schwingt auch in diesem Buch die Frage mit, ob Robert Habeck nicht der beste grüne Bundeskanzler, den Deutschland nie hatte, wäre.