Drei liebenswerte Außenseiter sind auf der Suche nach ihrem Platz im Leben: die 18jährige Agnesa, ein Wiener Mädel mit Migrationshintergrund und ohne Schulabschluss, der Computer-Nerd Eduard, den die Midlife-Crisis zum Stalker in den Weiten des WWW macht, und die Feministin Felicitas, die mit 69 immer noch rebellisch unterwegs ist, mittlerweile allerdings – der Liebe wegen – in der tiefen Provinz. Ihre Wege kreuzen sich und allen wird klar: Gemeinsam geht es besser, auch wenn dabei ein paar liebgewonnene Lügen auf der Strecke bleiben müssen.
Mieze Medusa, die wohl bekannteste österreichische Poetry Slammerin, lässt uns in ihrem neuen Roman „Du bist dran“ an einer Zeit voller Veränderungen im Leben dreier Menschen teilhaben:
Die etwas übergewichtige Agnesa, 18, hat Migrationshintergrund und lebt mit ihrer Familie in einer viel zu kleinen Wohnung in Ottakring. Sie hat die Schule abgebrochen, hilft jetzt im griechischen Restaurant ihrer Familie aus und führt ein freudloses Leben, einzig erhellt von der Musik ihres großen Idols Beyoncé. Eher zufällig eröffnet sich ihr die Chance, als Hilfskraft auf einem Bauernhof mit Gästezimmern in Bruck an der Laa zu arbeiten, und dadurch ändert sich ihr Leben schlagartig.
In Bruck lebt auch Felicitas, 69, die der Liebe wegen aufs Land gezogen ist. Die Autorin stattet diese Figur mit einer leisen, feinen Ironie aus - "Wer in Bruck an der Laa die Welt verbessern will, trifft sich in der Volksschule."(S. 23) Dazu macht der ihr eigene, in seiner Leidenschaft mittlerweile etwas abgekühlte, abgeklärte Feminismus Felicitas zu einer geistreichen und rebellischen Erzählerin: "Wenn schon Atombombe, dann wollten wir [Frauen] sie verschrotten! Und den Atomstrom gleich dazu. Danach ein Glas Rotwein und eine Zigarre rauchen und auf der dünnen Haut des Patriarchats ausdrücken. Weil ja eine Zigarre manchmal wirklich nur eine Zigarre ist."(S. 29)
Und dann ist da noch Eduard, ein typischer Computer-Nerd, voller Selbstzweifel beim Kontakt mit dem anderen Geschlecht, der nicht nur wegen seiner zu hohen Stimme den direkten Kontakt mit Menschen meidet. Er hält sich lieber in den Weiten des Internets auf, wo er via Webcam heimlich in das Leben anderer Menschen einsteigt. Auch den Gesundheitszustand seines Vaters überwacht er digital. "Ich schlafe einfach besser, wenn ich weiß, dass das Herz meines Vaters schlägt. Je mehr Daten durchs Internet schwirren, desto seltener muss ich anrufen."(S. 50) Mieze Medusa versteht es jedoch, Eduard trotz all dieser schrägen und befremdlichen Eigenschaften, zu einem liebenswerten Charakter zu machen, der einen durch seine (selbst-)ironischen Kommentare und Verweise auf Fantasy-Literatur und Filme immer wieder zum Schmunzeln bringt. "Manchmal arbeitet dein Freund für Mordor und ist trotzdem kein Ork."(S. 96)
Die Wege dieser drei Personen treffen sich in Bruck an der Laa, für alle drei wird das Zusammentreffen zu einem Wendepunkt in ihrem Leben. Sie sind jetzt - wie im Titel angekündigt - dran, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben. Ganz nebenbei rührt die Autorin auch an große Themen wie Eltern-Kind-Beziehungen, Datenschutz im Netz, Frauenrechte, erste Liebe, letzte Liebe, Pflege von Angehörigen, u.v.m. Mit sehr genauem Blick fängt sie Kleinigkeiten ein und setzt sie in wunderschöne Bilder um. So zum Beispiel, als Felicitas ihren geliebten Hermann im Krankenhaus besucht und Agnesa ihnen zusieht: "Wie in einer Großaufnahme sehe ich die Hände des Paares. Der Daumen, der über den Handrücken streichelt, als wäre er die Garantie für ein Happy End." (S. 184)
Auch wenn Passagen wie diese sehr berührend sind, gleitet der Roman nie ins Kitischige ab. Mieze Medusas Prosa wechselt nämlich mit großer Sicherheit zwischen gefühlvollen und scharfzüngigen Beobachtungen hin und her. So liegt zwar eine Ernsthaftigkeit in ihrem Schreiben, deren Schwere aber durch ihren Humor, der immer mit einem kleinen Augenzwinkern daherkommt, wieder aufgelöst wird. Ihre große Stärke ist dabei das Understatement, besonders wenn Felicitas erzählt: "Ich sitze im Theater und fühle mich wie Tantalos. Alles, was mich retten kann, ist außer Reichweite. [...] Ich habe einen guten Blick auf die Bühne, auf der nichts passiert. / Zeitgenössisch, also. Zeitgenössisches Theater." (S. 247)
Auch sprachlich ist der Roman wirklich ansprechend, liest sich flüssig und die Klarheit im Ausdruck beeindruckt – ein Erzählen ohne Firlefanz. Dazu blitzt in Mieze Medusas Prosa ihre Liebe zur Slam-Poetry auf. Kurze Sätze in rhythmischem Stakkato könnten, laut gelesen, auch zum Wortrap werden. „Wer will schon am Ende dastehen wir Prospero: Allein. Allen Zaubers entledigt. Mit keiner Kraft als der eigenen, und die ist wenig.“ (S. 252)
Fazit: Ein wirklich gelungener Roman, der unterhält, aber gleichzeitig zum Nachdenken anregt. Absolute Leseempfehlung!
PS: Und die apokalyptische Stimmung all jener, die, statt am Strand in der Sonne zu liegen, bei hochsommerlichen Temperaturen in der U-Bahn schwitzen und die Erderwärmung verfluchen, hat Mieze Medusa auch genial auf den Punkt gebracht: "Die Leute rempeln. Es riecht, wie es halt riecht, wenn eine Welt Richtung Abgrund kippt. Nach Klimawandel und Angstschweiß." (S. 194)
Uhh, dieses Buch fühlt sich wie ein Uniabschluss an, weil es so viele Jahre gedauert hat, bis ich es endlich fertiggekriegt habe. Der Anfang der Geschichte von meiner Beziehung mit diesem Buch ist sehr süß – ich habe es in einem Buchladen in Salzburg gesehen und mich in dem Cover ein bisschen verliebt.
Aber als ich zum Lesen kam, war es.. a drag. Ich gestehe, dass natürlich Deutsch eine Rolle gespielt hat, weil ich derzeit nur wenige Bücher auf Deutsch zu lesen probiert hatte, aber ich muss sagen – ich denke es könnte jene Sprache gewesen sein und die Schlussfolgerung wäre die gleiche – es ist ein langsames Buch. Man spürt keinen Drang es jeden zweiten Tag aufzuheben, wie es mit vielen anderen Büchern ist...
Ich könnte also sagen: it's not you, it's me, aber das wäre nicht ganz wahr. Ich denke in den 3 Jahren habe ich das Buch drei- oder viermal von vorne angefangen – mit der Hoffnung, dass ich jetzt "folgen" werde, was eigentlich passiert.
- Ja, der Gedanke, dass man über drei verschiedene Menschen in der 1.Person liest und dass die sich dann alle treffen, ist schon interessant, aber hier war es oft ganz einfach langweilig. Zwei von den drei Hauptfiguren waren mir gleichgültig. Am Anfang hatte ich auch Schwierigkeiten, zu verstehen, über welche Person ich jetzt eigentlich lese.
Und das Finale? Schön, dass Agnesa etwas über sich selbst verstanden hat, und man konnte so ein bisschen wholesomeness auch fühlen, aber eigentlich blieb ich ein bisschen leer, als ich das Ende gelesen hatte. Keine Freude, keine Trauer. Eine kleine Geschichte mit kleinen, unpersönlichen Menschen, hatte ich das Gefühl. Ich bin einfach froh, dass ich mein Deutsch trainieren konnte, weil die Sprache ganz schon schön war.