Der wahre Künstler ist - ohne es zu wissen - sich selbst ein Rätsel, das er aber in jedem Werk aufs neue zu lösen versucht, und dessen Lösung ihm, subjektive betrachtet, niemals gelingt.
Wer es nicht besser weiß, könnte diese Biografie glatt für echt halten. Einzig der Umschlagtext weist darauf hin, dass es sich in Wirklichkeit um einen Roman handelt. Die Lebensgeschichte des englischen Adeligen und Kunstkritikers Sir Andrew Marbot ist nämlich reine Fiktion, bis auf das kleinste Detail von Wolfgang Hildesheimer erfunden. Marbot hat es nie gegeben, aber es hätte ihn geben können. Jedenfalls möchte man das gerne glauben, lässt ihn sein Biograf doch als idealtypischen Vertreter seiner Zeit und Klasse vor dem inneren Auge des Lesers erscheinen.
Ein Spross des englischen Hochadels, im Gegensatz zum philisterhaften Vater feinsinnig und mit außergewöhnlichen Talenten gesegnet, der in inzestuöser Liebe zu seiner Mutter, der schönen Lady Catherine entbrennt. Eine verbotene Liebe, die ihm in schicksalhafter Weise am Ende zum Verhängnis wird. Denn das Tragische im Fall Marbot ist einem generellen Unvermögen geschuldet, das auch als Impotenz bezeichnet werden kann. Keine Impotenz körperlicher, sondern vielmehr geistiger Natur, die dafür aber in zweifacher Hinsicht vorliegt. Zum einen in Form der, aus Angst vor einem gesellschaftlichen Skandal, nicht auslebbaren Beziehung zur Mutter. Eine Bindung von der sich Marbot nie wirklich lösen kann, mit dem Preis auf eigene Nachkommen verzichten zu müssen.
Um der Gefahr des libidinösen Vollzuges zu entgehen, stellt Marbot in einem Akt der Sublimierung seine gesamte Schaffenskraft in den Dienst der Kunst. Genauer gesagt, widmet er sich der Kunstkritik. Besonders interessiert ihn die Frage nach dem Ursprung künstlerischer Inspiration. Er geht dabei ganz neue Wege, indem er die Kunst unter psychoanalytischen Aspekten betrachtet, womit er in gewisser Weise die Moderne vorwegnimmt. Doch bleibt auch die (Ersatz-) Liebe zur Kunst unfruchtbar. Marbot erkennt, dass das tiefste Wesen der Kunst sich nur denen erschließt, die sie selbst erschaffen. Er kann zwar die Bedingungen der Entstehung eines Kunstwerks untersuchen, aber letztlich fehlt ihm die Erfahrung des kreativen Akts. Aus dieser Einsicht entspringt sein Entschluss seinem Leben ein Ende zu setzen.
Das ist kein Spoiler. Auf den mysteriösen Tod von Marbot wird gleich zu Beginn hingewiesen, ist er doch der Dreh- und Angelpunkt der angeblichen Biografie. Überhaupt stehen die entscheidenden Fakten von vornherein dem Leser zur Verfügung. Einen spannenden Handlungsbogen darf man also nicht erwarten. Das Buch ist in erster Linie ein intellektuelles Vergnügen, eine spielerische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse und der Malerei. Beachtlich ist zudem, wie nahtlos sich der fiktive Marbot in die historische Wirklichkeit des frühen 19. Jahrhunderts einfügt. So begegnet er einer Vielzahl berühmter Persönlichkeiten, u.a. auch Goethe, Schopenhauer und Lord Byron. Letzterer könnte übrigens als Modell für Marbot gedient haben, soll er doch eine ähnlich skandalöse Beziehung zu seiner Schwester gehabt haben. Allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass er tatsächlich künstlerisch produktiv war.
Darin besteht für mich auch die eigentliche Pointe des gesamten Romans. Dem Schriftsteller Wolfgang Hildesheimer gelingt, woran seine Figur Andrew Marbot scheitert: ein Kunstwerk.