Valerie hat ganz gut gelebt, und so langsam schaut sie den Wirren der Liebe gelassen entgegen. Ganz anders ihr jugendliches Spiegelbild Luca: Er hat noch alles vor sich, was sie schon hinter sich hat. Die Frage, wie Liebe und Sex ein Leben prägen, bringt die beiden in einem besonders dramatischen Moment zusammen.
Simone Meier schreibt leicht und lustvoll. Sie malt farbige und nuancierte Bilder, schafft Protagonistinnen und Protagonisten, die aus der Wirklichkeit gegriffen scheinen, aber nicht so sehr, dass sie mit Komplexität überfordern. Sie schafft es, Themen wie soziale Ungleichheit und sexuelle Gewalt in einer Liebesgeschichte zu verpacken, ohne dass sie dadurch an Ernsthaftigkeit verlieren. Nicht alles fand ich nötig, es hatte ein paar Längen drin, aber es hat mir gut gefallen.
Es gibt Romane, die haben erst im Nachhinein einen Nachhall in der Herz- und Bauchgegend. So ist es mir mit „Reiz“ von Simone Meier, der Autorin von „Kuss“, ergangen. Ihr neuer Roman handelt von Valerie, einer lebenserfahrenen Journalistin Mitte fünfzig, und Luca, einem gefühlsgetriebenen und etwas blauäugigen jungen Erwachsenen. Sie hat genug von der Jugend, von dem beruflichen Druck und den Vergleichen, der Liebe und dem unweigerlich damit einhergehenden Schmerz. Er lässt sich fallen in seine erste Verliebtheit, seine Sehnsucht, den süßen Schmerz und gleichzeitig hadert er mit seinem Unvermögen, seinem Leben einen Sinn und eine Richtung zu geben. Beider Leben sind miteinander verbunden, ihre Erlebnisse und Erfahrungen sind wie ein Spiegel des jeweils anderen. Was kommt? Was war? Wie verändert man sich und wie ändert sich die Wahrnehmung im Laufe eines Lebens? Angesichts dieser Fragestellungen fing der Roman an, bei mir zu wirken und seine nachgelagerte Wirkung zu entfalten.
Weshalb konnte mich „Reiz“ nicht unmittelbar packen? Nun, der Schreibstil ist durchgehend eher trocken, sachlich und bisweilen analytisch und wirkt dadurch distanziert. Ich bevorzuge in Romanen jedoch eine emotionale Nähe zur Figur. So viel es mir schwer, mich auf Valerie und Luca einzulassen, ihrer Geschichte folgen zu wollen und mitzuerleben, was sie beschäftigt.
Erzählt wird jeweils abwechselnd aus der Sicht der beiden Figuren. Valerie erzählt mit bissigem Unterton, sie kann aber nicht verbergen, dass sie traurig, abgekämpft und zu einem gewissen Grad leer ist. Sie hatte berufliche Ambitionen, sie hat es weit gebracht, doch nun fühlt sich alles was sie tut, wie eine Kopie von bereits Dagewesenem an. Sie verliert die Lust daran, sich neu zu erfinden, frisch und jung zu klingen, in der und für die Liebe zu kämpfen. Sie sehnt sich nach der Ruhe und der Sorglosigkeit, die mit dem Älterwerden einhergeht. In weiten Teilen des Buches ist sie auf der Suche nach dieser Ruhe, sie bewegt sich noch auf beiden Ebenen – sie genießt die Zeit, die sie mit ihrer jungen Affäre verbringt, gleichzeitig schätzt sie das Zusammensein mit ihrem langjährigen Freund F., der ebenfalls genug hat von der Aufregung der Jugend.
Den absoluten Gegenpol bildet Luca. Er hat noch vor sich, was Valerie und F. Stück für Stück hinter sich lassen. Er möchte sich in die Liebe stürzen! Er wähnt sich verliebt in eine Zufallsbekanntschaft, der er seine Liebe gestand und die nun für ihn unerreichbar in Norwegen ist. Er muss sie kontaktieren, er muss sie wiedersehen und er muss sie für sich gewinnen. Ihn hat das Fieber der ersten Verliebtheit gepackt, gleichzeitig weiß er nichts mit seinem Leben anzufangen. Mal jobbt er in einer Fabrik, dann hilft er seiner Mutter, doch schwärmt er von „seinem“ Mädchen, doch immer bleibt er ziellos und in seinen Träumen gefangen. Romantisch-entrückt lesen sich diese Passagen und trotzdem blieb mir auch Luca seltsam fremd.
Schlussendlich schließt sich der Kreis auf eine sehr angenehme Art und Weise. Die Verbindungen zwischen den Figuren treten zutage und ein wohliges Gefühl von Zufriedenheit und Wärme machte sich in mir breit. Denn dieser Roman zeigt beispielhaft, wie man sich als Mensch verändert, wie sich Ansichten und Erwartungen verändern. Erwartungen anderer und Erwartungen an einen selbst. Es tat gut mitzuerleben, wie Valerie immer mehr zur Ruhe kommt und wie Luca Orientierung findet. Beide sind auf einem guten Weg und das ließ mich als Leserin glücklich zurück.
Was mir im Nachhinein jedoch im Besonderen gefällt ist, dass mich die Figuren nicht loslassen. Das liegt maßgeblich daran, dass der Roman so klug aufgebaut ist, dass ich erst jetzt so richtig wahrnehme, wie atmosphärisch dicht und vielschichtig er tatsächlich ist. Auch regt mich die Geschichte mehr als erwartet zum Nachdenken an – über meine eigene Wahrnehmung von Jugend und dem Erwachsensein. Was machte mein Lebensgefühl in der Jugend aus? Wie fühlt sich das Älterwerden für mich an? Welche Vor- und Nachteile haben beide Lebensabschnitte jeweils? Wo sehe ich Parallelen zwischen mir und Valerie und Luca? Das ist es für mich, was „Reiz“ trotz meiner Schwierigkeiten mit dem unnahbaren Schreibstil lesenswert macht. Dieser Roman regt dazu an, das eigene Leben zu reflektieren.
„Reiz“ von Simone Meier ist eine auf den ersten Blick eher nüchterne Reflexion über Jugend und das Älterwerden. Luca taucht ein in die Aufregungen des Lebens und der Liebe, Valerie hingegen hat so langsam genug von alldem. Wer Spannung sucht, wird hier nicht fündig werden. „Reiz“ ist ein ruhiger, nachdenklich stimmender Roman, der von den Figuren und deren Innenschau getragen wird. Gefühlvoll wird es für alle, die sich dennoch auf Valerie und Luca einlassen möchten. Dann offenbart der Roman seine ganze Fülle und Vielschichtigkeit und ist äußerst lesenswert.
Ganz wunderbar, witzig und melancholisch zugleich, mit höchst sympathischen Figuren. Der Schluss ist etwas vom Schönsten und Tröstlichsten, das ich seit langem gelesen habe!