Liebesroman. So lautet der Titel dieses Buchs und auch der Titel des Buchs, welches die Protagonistin Charlotte Moire geschrieben hat. Ihre Verlegerin ist begeistert, dass Romantitel dem Genrenamen entspricht. So beginnen die Verwebungen gleich auf dem Buchcover dieses kleinen Büchleins, es wird noch vernetzter, wenn man eintaucht in die drei Handlungsebenen, die uns Sylvie Schenk präsentiert.
Charlotte Moire, mittlerweile über 70 Jahre alt, wird nämlich zu einer Literaturpreisverleihung für ihr Werk auf eine Nordseeinsel eingeladen und gibt am Nachmittag vor der Veranstaltung noch ein Interview in einer Hotellobby. Geführt wird das Interview von einer sehr eindringlichen und fast schon verbal übergriffigen Journalistin. Sie fragt so gezielt und persönlich nach, dass Charlotte immer mehr an die reale Geschichte zurückdenken muss, die ihrem Liebesroman zugrunde liegt. Sie hatte nämlich eine Affäre mit einem verheirateten Mann und verbrachte mit ihm eine intensive Romanze in einem Irland-Urlaub. Zunehmend verwischen somit ihr eigentlicher Roman mit ihren Erinnerungen und der Situation in der Lobby. Das ist ziemlich clever konzipiert und hervorragend geschrieben.
Das Buch hat einiges in mir ausgelöst, was mich total überrascht hat, denn ich mit eher mit geringen Erwartungen ans Lesen gegangen. Interessant fand ich vor allem, wie unterschiedlich ich die drei Ebene gelesen habe. Während der eigentliche Roman rund um Lew für mich Fiktion war, die ich eher ungeduldig aufnahm in der Hoffnung, dass es bald mit Ludo und Charlotte in Irland und vor allem Charlotte und Interviewerin weitergehe. Dabei ist das ja auch nur Fiktion. Aber mein Leserhirn macht da Abstufungen, was ich als real empfinde. Dann verstehe ich auch eher, warum so viele Leser/innen diese innigen Beziehungen zu ihren Figuren knüpfen, es ihnen sogar wichtig ist, ob ein Charakter sympathisch oder unsympathisch im Buch ist. Aber hier bin ich auch in die Falle getappt, dass ich in der Fiktion einen Wahrheitsgehalt und eine Authentizität gesehen, die es tatsächlich gar nicht geben kann.
In wie weit können wir als Leser uns denn anmaßen, eine Figur in einem 130 Seiten Büchlein zu analysieren, um ihr Verhalten zu verstehen? „Diese Personen sind meine Kopfgeburten, zwangsläufig sind sie von mir geprägt, tragen Züge von mir, sogar der männliche Protagonist ist Teil von mir. In jedem Buch erfinde ich mich und Menschen, die mir nahe sind, neu.“ sagt die Charlotte an einer Stelle zu der Journalistin als das Interview immer mehr zu einer psychologischen Kriegsführung mit gespielter Freundlichkeit wird. Die Interviewerin stand lange für mich als Symbol für eine neugierige Leserschaft, die immer mehr über eine Figur und eine Geschichte wissen will, als das Buch und die Autorin es hergeben. Charlotte entgleitet die Deutungshoheit über ihre Geschichte durch die insistierenden Fragen der Journalistin. Obwohl sie es nicht will, verschwindet der fiktive Lew plötzlich hinter ihrem realen Ludo, den sie so geliebt hatte.
Warum ist das eigentlich in der Literatur so extrem, dass es der Leserschaft wichtig ist, ob ein Werk autobiographisch ist? Der Alter Ego des Schriftstellers, die Mary Sue der Schriftstellerin: warum ist das so wichtig für uns Leserschaft? Gewinnt ein Buch dann an Qualität, weil es echter ist (kann man den Begriff „echt“ überhaupt steigern?)? Diese Frage hat ich mir in dieser Form noch nie so gestellt. Warum fragt man bei einem Komponisten nicht, ob seine Musik autobiografisch ist? Diese im Buch gestellte Frage fand ich interessant. Bei den Lyrics ist das etwas anderes, da wird die Frage schon gestellt. Was sagt das generell über die Ausdrucksmöglichkeiten eines Künstlers aus? Macht es Schriftsteller/innen ganz besonders verletzlich, denn der Blick in ihre Seelen sind durch die Wörter viel klarer als das eine Musiknote oder Pinselstrich bewerkstelligen können.
Der Schluss ist dann noch besonders raffiniert und geht schon fast in Richtung Psychothriller. Ein wirklich unerwartet gutes Buch, welches man auf verschiedene Arten lesen kann: rein als Liebesroman oder als Psychokammerspiel oder als Reflexion über den eigenen Umgang mit fiktiven Figuren oder einfach nur zwecks guter Unterhaltung.