Der Impetus zur Lektüre dieses Buches hat mir die Apple+-Serie "For all Mankind" gegeben, da in dieser Alternate History-Serie einige Mitglieder der Mercury-13 (unter Ihnen Jerry Cobb und Jane Hart) als Charaktere agieren. Maiken Nielsen hat in ihrem, gut recherchierten Roman, die Lebensgeschichten einiger fiktiven Charaktere mit real existierenden Personen verknüpft, neben den Astronautinnen der Mercury-13 sind das insbesondere Wernher von Braun und einige Astronauten des Mercury- und Apollo-Programms.
Die Geschichte beginnt 1940 während des 2. Weltkrieges in Köln. Das junge Mädchen Martha hat sich mit ihren Eltern zerstritten, weil ihr ein Freund den Kopf verdreht hat. Als sie sich nach der Geburt ihrer Tochter Juni mit den Eltern versöhnen will, sind diese geflohen. Martha versucht ihre Eltern zu finden. Doch dann muss sie selbst fliehen. Auf dem Schiff nach Amerika begegnet sie Ben, der sich rührend um Martha und Juni kümmert. In New Orleans finden sie eine neue Heimat. Ben ist es auch, der Juni mit zum Flughafen nimmt und damit ihre Begeisterung für das Fliegen weckt. Trotz Gegenwind besteht Juni ihre Pilotenprüfung und beweist, was in ihr steckt. Als sie vom Raumfahrtprogramm der Amerikaner hört, weiß sie sofort, dass sie daran teilnehmen will. Sie möchte ins All. Aber Marthas Geschichte ist verbunden mit der des Raketenbauers Wernher von Braun, denn ihr Vater kam im KZ Mittelbau-Dora ums Leben, wo Zwangsarbeiter die V2 unter unmenschlichen Bedingungen in Serienproduktion herstellten, dort fand er und mehr als 20.000 andere Menschen den Tod. Die deutschen Ingenieure wußten um die barbarischen Umstände in ihrer Fabrik, haben aber nichts dagegen unternommen und konnten ihre Arbeit unter dem Schutz des amerikanischen Militärs in den USA fortsetzen, sie wurden zunächst nicht zur Verantwortung gezogen. Während Martha mit dieser Situation nicht zurechtkommt, werden Juni und die Frauen des Mercury-13-Programms nicht weiter von der NASA gefördert und werden nicht in das laufende Raumfahrtprogramm integriert, obwohl sie in allen Tests z.T. besser abgeschnitten haben als die Männer der Mercury-7. Es dauerte noch mehr als 20 Jahre (1983) als mit Sally Ride zum ersten Mal eine Amerikanerin mit dem Space Shuttle (STS-7) ins All flog...
Neben der Beschreibung der Engstirnigkeit, des vorhandenen Rassismus und Frauenfeindlichkeit in ihrer Lebensumgebung, besticht der Roman auch mit der Verzweiflung eines Opfers der Nazi-Diktatur, weil die Täter (die Peenemünder Raketenwissenschaftler) nicht zur Rechenschaft gezogen werden, sondern sie werden sogar, insbesondere Wernher von Braun, hofiert, um den Wettlauf zum Mond gegen die Russen zu gewinnen. Hier hat mir sehr gefallen, dass Maiken Nielsen die Bücher DES Experten für den Peenemünde-Komplex, Rainer Eisfeld, zur Recherche genutzt hat.
Was mir nebenbei gefallen hat, ist der einfache und lesefreundliche Schreibstil der Autorin und die liebevolle, emotionale und immer zu Herzen gehende Beziehung zwischen Mutter und Tochter, manchmal hat mir die Beschreibung dieser Beziehung und der sonnige, lebensfrohe Charakter Junis die Tränen in die Augen getrieben. Dass diese Beziehung einen Bruch bekommen hat, nur weil Juni erfahren hat, dass sie als Deutsche geboren wurde und nicht wie es Martha erzählt hat als Französin, fand ich jetzt etwas übertrieben.
Die zuckersüße Beziehung von Juni zu ihrem Jugendfreund fand ich etwas infantil, ebenso die Beschreibung der Charaktere der Mercury-13 Pilotinnen wurde in den schönsten Worten erzählt, manches Mal zu schön um wahr zu sein. Die Episoden um die Apollo-11 Mondlandung fand ich jetzt nicht so spannend, da man das alles nachlesen- oder sehen kann, dafür gab es in den letzten Jahren mehr als genug Material... (zumindest für einen Raumfahrt-Nerd wie mich).