Pathos ist überall. Permanent sind wir bewegt, empört und berührt von der Welt – und wollen das auch mit allen teilen. Pathos bedeutet Macht. Wenn die eigene Bewegtheit andere bewegt, kommen die Dinge erst ins Rollen. Dann kann Pathos Veränderung bedeuten. Gleichzeitig spiegelt sein Einsatz auch die herrschenden Machtverhältnisse wider.Scharf und pointiert seziert Solmaz Khorsand die einzelnen Tonlagen des uns stets umgebenden Pathoskonzerts. Sie misst die Lautstärke der Wortführer und hört bei den leisen Äußerungen der Ausgeschlossenen genau hin. Sie spürt, wessen aufgeregtes Geheul Gewicht hat und wem man rät, doch bitte nicht so pathetisch zu sein. Sie zeigt den fein balancierten Kipppunkt, an dem sich entscheidet, ob Pathos zu Achtsamkeit führt oder zu Radikalisierung. Und nicht zuletzt tritt sie ein für ein Innehalten, ein Dämpfen unseres eigenen Lärms und einen realistischen Blick auf uns selbst, der dazu ermutigt, im richtigen Moment einfach mal den Mund zu halten.
Kennt ihr das Gefühl, wenn ihr einfach keinen Bock mehr habt? Wenn ihr schon so wütend seid, dass ihr euch hinsetzt und mal alles aus der Seele schreibt, weil ihr einfach nicht mehr könnt? Wisst ihr, wie sich das anfühlt, wenn du mal jemandem so richtig deine Meinung sagen möchtest, weil du den jetztigen Zustand nicht mehr aushältst? Genau das macht Solmaz Khorsand in Pathos. Sie hat einfach kein Bock mehr. Auf Heuchlerei, auf falsche Solidarität, auf vorgetäuschtes Interesse privilegierter Menschen. Sie ist ehrlich und direkt und wütend. Wütend, dass sich bis heute nichts verändert, obwohl marginalisierte Stimmen schon lange aufschreien; erst, wenn sich ihnen einer erbarmt, dann, dann erst darf ihnen zugehört werden. Vorher? Vorher müssen sie ganz höflich um Aufmerksamkeit bitten; und die garantiert man ihnen erst, wenn der Zeitpunkt und die Stimmung passt.
Untermalt mit ganz vielen Beispielen aus unserem Alltag, rechnet Khorsand in Pathos mit überpriviligierten Menschen ab. Ich hab schon lange kein so aggressives Buch gelesen und ich liebe jede einzelne Seite! Wirklich gelungen. Ich bin mir jetzt schon so sicher, dass es viele nicht ertragen werden; außer sie fühlen sich nicht angesprochen, was mich natürlich nicht wundern wird!
Einzige Kritik: Ich persönlich schreibe das N-Wort nicht mehr aus, nicht mal in Zitaten, auch wenn es passt. Das würde ich herausnehmen, weil die bloße Reproduktion schon dazu beisteuert, dass Menschen aus der Mehrheitsgesellschaft sonst glauben, sie hätten das Recht es eben in Zitaten uÄ auszuschreiben.
„Pathos per se kennt keine Ideologie. Es ist weder schön noch hässlich. Sauber oder dreckig. Alle können pathetisch sein. Ohne Zugangsbeschränkungen. Dem Pathos wohnt ein egalitärer demokratischer Zauber inne, wenn man so will …“. (Zitat) . Überall ist #Pathos. Und #solmazkhorsand macht uns ganz pathetisch darauf aufmerksam. Sie hat ein Mega-Buch geschrieben. Kurzum schlägt sie unserer Gesellschaft vor, „a bisserl weniger ergriffen von sich selbst zu sein“. . Die permanente „zur Schau-Stellung“ aller persönlichen Befindlichkeiten auf Social Media hat mittlerweile Maße angenommen, die auf keine Kuhhaut mehr passen. Permanent sind Massen von Menschen empört, entsetzt, moralisch betroffen, außer sich, hoch emotional, bewegt und weiß der Geier (oder weiß er nicht) was alles … von der Welt und alle Welt soll sich damit auseinandersetzen. Vor allem dann, wenn es sich um Reichweite oder persönliches In-Szene-Setzen handelt. . „Es ist ermüdend, dem Pathoskonzert auf Dauer zuzuhören. Insbesondere, wenn es einer Melodie folgt, die sich permanent wiederholt, da sie immer von denselben Akteuren gesummt wird.“ (Zitat) . Der Duden definiert Pathos folgendermaßen: feierliches Ergriffensein, leidenschaftlich-bewegter Gefühlsausdruck. Nur wovon sind die Menschen meistens ergriffen? – meistens von sich selbst. Breitenwirksam hauen sie mit ihren Befindlichkeiten um sich und vermarkten sich damit auch noch selbst (was mich extrem nervt) oder peitschen Themen in diverse Richtungen. Pathos bedeutet Macht und schlägt ein Gefälle, schreibt Khorsand, und Dinge gelangen erst ins Rollen, wenn sie eine Mehrheit bewegen. Erst dann werden Dinge in Frage gestellt. Erst dann interessiert sich die Öffentlichkeit. Erst dann beginnen Handlungsträger zu handeln. . Menschen, denen Weichheit zugeschrieben wird, die dürfen auch pathetisch sein, die verschaffen sich leichter Gehör, die verschaffen sich Raum, denen wird leichter Verständnis entgegengebracht. Stillhalten müssen meist marginalisierte Gruppen. Das Gesetz des Privilegs schwingt mit.
Armin Scholl, Kommunikationswissenschafter, definierte dies so: erst wenn genug Schwarze Körper unter weißen Knien ersticken, setzt sich etwas in Bewegung. . Dann plötzlich fühlen sich alle betroffen und bemüßigt darauf aufmerksam zu machen, denn alle wollen ein Stück vom Pathoskuchen. Doch wie ist es in diesem Fall mit dem Pathos? Ist er dort gut, und da schlecht? Oder umgekehrt? Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und das fundiert belegt ist. . „Und es ist auch möglich, einen Terroranschlag in der eigenen Stadt zu reflektieren, ohne dass es zu einem Wettkampf darin ausartet, wer seine Betroffenheit am Berührendsten mit der eigenen Biografie verknüpft, …., um das eigene Ich wieder ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.“ (Zitat) . Die Forderung von Khorsand das eigene Pathos gerne zwischen zu drosseln, sprich einfach mal den Mund zu halten, ist eine durchaus berechtigte! . Danke für dieses Buch – es hat mir aus der Seele und dem Herzen gesprochen! Eine dringend-eindringliche Lektüre mit Ironie und Angriff aus dem Hinterhalt und einem fetten Tritt auf die Zehen! . Highlight und 5+ Sterne! Uneingeschränkte Leseempfehlung!
Absolut lesenswert! Dieses Buch zeigt auf anschauliche Weise auf, was denn dieses Pathos sein kann und warum es nicht allen gleichermaßen "zur Verfügung steht". Andererseits zeigt Solmaz Khorsand auf, dass Pathos eben viel bewirken kann - wenn es unter den richtigen Umständen, von den richtigen Leuten, zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt wird...
"Pathos ist überall. Permanent sind wir bewegt, empört und berührt von der Welt und wollen das auch mit allen teilen. Am liebsten sofort. An liebsten mit ganz viel Reichweite."
'Pathos' ist eines der besten Bücher, die ich dieses Jahr gelesen habe. Auf nur knapp 130 Seiten greift Solmaz Khorsand etliche Themen auf, die sie unter dem Schirm des Pathos behandelt. Dabei schaut sie darauf, was Pathos eigentlich ist, wer sich pathetisch äußert, wer ein Recht auf Pathos hat und wer nicht, bei wem wir Pathos authentisch finden und was er bewirken kann.
Sie untermauert ihre Thesen mit einigen Beispielen aus Politik und Gesellschaft und zeigt auf, wie mangelnder oder zu viel Pathos von Personen im öffentlichen (digitalen) Raum bewertet werden. Ein konkretes Beispiel, bei dem öffentlicher Pathos tatsächlich etwas gebracht hat, ist die Änderung des S3xualstrafrechts in der Schweiz. Ein anderes, leider nicht ganz so erfolgreiches Beispiel, ist der jugendliche Protest in den USA gegen die dortige Waffenlobby, die National Rifle Association.
Auch geht Kolmaz darauf ein, dass es einen Trend vor allem von privilegierten Menschen dazu gibt, Pathos für Krisen zu nutzen, die gar keine sind - und dadurch anderen Menschen den Raum wegzunehmen, die auf tatsächliche Krisen aufmerksam machen.
Für mich war das ganze Buch sehr interessant und regt an zur Selbstreflexion, insbesondere im Umgang mit sozialen Medien. Zum Abschluss noch ein Zitat: "Deswegen zum Abschluss der pathetische Appell an all jene, die ihre Krise als Privileg im Dauerzustand leben: Nicht jede Befindlichkeit muss geteilt werden. Nicht jede Kränkung braucht eine Plattform. Nicht jedes Gefühl eine Bühne. Nicht jeder Gedanke ein Publikum."
Dieses Buch von Solmaz Khorsand ist wirklich lesenswert! Solmaz ist eine österreichische Journalistin und Autorin und arbeitet momentan für das Schweizer Magazin Republik. Mit diesem Essay diskutiert sie über "Pathos" und diese Diskussion reicht von der amerikanischen bis zur österreichischen Innenpolitik.
Was ist Pathos überhaupt? Pathos ist überall. Permanent sind wir bewegt, empört und berührt von der Welt und wollen das auch mit allen teilen. Pathos bedeutet Macht. Wenn die eigene Bewegtheit andere bewegt, kommen die Dinge erst ins Rollen. Dann kann Pathos Veränderung bedeuten. Gleichzeitig spiegelt sein Einsatz auch die herrschenden Machtverhältnisse von der Mehrheitsgesellschaften wider.
Das Buch zeigt was Pathos genau ist und es nicht allen Menschen im gleichen Ausmaß zur Verfügung steht. Es kann jedoch auch zum richtigen Zeitpunkt für gute Zwecke genutzt werden.
"Fazit: 'Ein Anliegen von einer Minderheit, das potenziell die Mehrheit betrifft, hat keine Chance, solange man nicht annähernd eine Mehrheit dafür findet.' Erst mit einer Mehrheit setzt sich der Dämpfer in Bewegung."