Was für ein Buch! Oder in meinem Fall besser gesagt: Was für ein Hörbuch! Denn ich hörte mir „Der Hund“ von Akiz gesprochen von Leonard Hohm in der ungekürzten knapp sechsstündigen Fassung an. Es war besonders, und doch war ich davon nicht durchgängig begeistert.
Der Hund ist ein Ausnahmetalent. „Man erzählt sich, dass er während seiner ganzen Kindheit eingesperrt war, in einem dunklen Erdloch, in absoluter, rabenschwarzer Stille, irgendwo im Kosovo. Jahrelang. Seine einzige Verbindung zur Außenwelt war das Essen.“ Das hat ihn zu jemandem gemacht, der kochen kann, dass es einem das Herz zerreißt. Als er über Umwege im Luxusrestaurant El Cion in den Olymp der Sterneküche aufsteigt, entzündet er dort das hochexplosive Gebräu aus übermenschlichem Ehrgeiz, Größenwahn und wilden Träumen. Wüst, brachial und mit überschäumender Sinnlichkeit erzählt Akiz die Geschichte eines unvergesslichen Genies, das mit voller Wucht auf den Abgrund zusteuert. – Soweit der Klappentext, der nicht zu viel verspricht.
Diese Geschichte macht es einem allerdings nicht einfach. Der Autor schafft es, Geschmackserlebnisse so zu beschreiben, dass man davor nicht nur beeindruckt in die Knie gehen kann, sondern fast schon zu schmecken meint, was man da gerade liest. Während man noch ganz von diesem Sprachtalent verzaubert ist, das Geschmackswelten so ungemein intensiv nahezubringen vermag, folgt jedoch die Konfrontation mit Protagonisten, mit denen man eigentlich lieber nichts zu tun haben möchte. Sie gehen auf eine Art miteinander um und pflegen sich auf eine Weise zu unterhalten, dass man davon nicht einmal etwas lesen möchte. Aber weil man schon recht früh bemerkt, dass der Autor auch ganz anders schreiben kann, bricht man die Geschichte nicht naserümpfend ab, sondern bleibt dran – um eben noch mehr von diesen besonderen ‚anderen Momenten‘ zu lesen.
Dabei bekommt man Einblicke in die oftmals raue Welt der Gastronomie, insbesondere der Sternegastronomie. Da mein Herzbube in seinem ‚früheren Leben‘ unter anderem als Chefkoch tätig war und von dieser Zeit erzählte, war mir einiges von dem in diesem Roman geschilderten nicht so ganz fremd. Für Außenstehende bleibt es nichtsdestotrotz befremdlich. Man bekommt halt in der Regel nicht mit, wieviel Stress und welche unerbittlichen Regeln in der professionellen Küche herrschen können. Und das kollidiert ungemein mit der angenehmen Wohlfühlatmosphäre, die die Gastronomie bestenfalls für einen zaubert und dafür sorgt, dass man sich als Gast immer wieder gerne dort verwöhnen lässt.
Aber dieses Buch konfrontiert auch mit den dunkelsten Seiten der gehobenen Küche.Es werden Tiere derart grausam zu Tode gequält, um ausgefallenste kulinarische Ideen zu verwirklichen, dass man auf der Stelle dem Konsum jeglicher tierischer Produkte abschwören möchte. Wer schon den Gedanken an die Entstehung der Gänsestopfleber kaum ertragen kann, der hält nicht aus, wie Frösche gegart werden oder was dem zur Fettammer gemästeten Ortolan widerfährt. Es lässt an der Menschlichkeit zweifeln, dass diese sogenannten Delikatessen dennoch verzehrt werden. Unerträglich, was man in diesem Roman liest und von dem man sich wünscht, dass er reine Fiktion ist. Aber das befragen der Suchmaschine belehrt einen eines besseren und zurück bleibt pures Entsetzen.
„Der Hund“ ist ein Roman, der abstoßend und faszinierend zugleich ist. Nichts für schwache Nerven, aber dennoch auf seine ganz eigene Art besonders.