Von heimlichen Begegnungen bis zum Christopher Street Day, vom §175 bis zur Ehe für alle – die Wege schwulen und lesbischen Lebens in Deutschland waren steinig, und sie sind bis heute weniger geradlinig, als unsere Vorstellung von Liberalisierung vermuten lässt. Benno Gammerl legt die erste umfassende Geschichte der Homosexualität in der Bundesrepublik vor. Eindringlich beschreibt er die Lebens- und Gefühlswelten von gleichgeschlechtlich liebenden Menschen seit den 1950er Jahren und lässt Männer und Frauen verschiedener Generationen zu Wort kommen. Ein lebensnaher und einsichtsreicher Blick auf eine spannende Geschichte, der Historikerinnen und Historiker bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt haben.
Anders fühlen war eine sehr angenehme Überraschung. Als Soziologe habe ich die Lektüre sehr interessant gefunden, es fehlen immer noch Texte über die Geschichte Schwulen und Lesben sowohl auf Deutsche- als auch auf internationale Ebene. Das Buch ist sehr gut geschrieben, fachlich und gut recherchiert, und gleichzeitig für alle zugänglich. Die Nachforschung von Emotionen mit historischem Blick ist wirklich interessant. Politische und soziale Ereignisse beeinflussen den Alltag von uns allen; der Blick auf die Gefühle schafft eine neue, sehr bereichende Art, gesellschaftliche Entwicklungen und Menschen besser zu verstehen. Sehr empfehlenswert.
Diese Gefühlsgeschichte der Homosexualität macht ei eine Perspektive jenseits von Verfolgung und Aktivismus auf. Das wird z.B. im ersten Teil deutlich, in dem Gammerl die These der internalisierten Homophobie angesichts rechtlicher Diskrminierung und gesellschaftlicher Ausgrenzung thematisiert. Die Internalisierungsthese basiere zunächst einmal auf den problematischen Annahmen, dass Selbsthass und Ekel unnatürliche Gefühle seien sowie nur das selbstbewusste Outing ein legitimes Verhalten sei. Den Ekel vor dem Männerküssen beschreibt Gammerl stattdessen als intuitiven Selbstschutzmechanismus, als körperliche Intelligenz, um Gefahren aus dem Weg zu gehen und trotzdem Formen von Intimität ("außer Küssen ist alles erlaubt") zu erleben. Genauso kompliziert sei die Frage nach dem Wissen: Unkenntnis hat in den 1950er/60er Jahren bestimmte Erfahrungen erst ermöglicht (die nicht homosexuell konnotiert waren), während Wissen Annäherungen erschwerte. Gesellschaftliche Gefühlsregeln seien auch nie ungebrochen angeeignet worden. Tatsächlich gelang es den Erzählpersonen in Auseinandersetzung mit Normen Selbst- und Lebensentwürfe zu entwickeln und Formen des Begehrens einzuüben. So ein Buch würde ich auch gerne mal schreiben. Der Ton und Stil ist im positiven Sinne unakademisch, obwohl Gammerl auch immer wieder in theoretische Diskussionen interveniert. Methodisch ist die Verbindung aus Oral History und Analyse von zeitgenössischen Zeitschriften innovativ, da beide Quellen genutzt werden, um Perspektiven wechselseitig zu hinterfragen. Die langen Auszüge aus zwei Interviews, die in fünf Portionen dargeboten werden, schaffen auch eine Nähe zu den Interviewpartner*innen.