Was bedeutet es, in einem reichen Land in Armut aufzuwachsen? Zur „Unterschicht“ zu gehören und dafür ausgelacht und ausgegrenzt zu werden? Sich von seinem Herkunftsmilieu zu entfernen, aber die eigenen Wurzeln nicht verraten zu wollen? Und dennoch im neuen Milieu nie wirklich anzukommen?
Deutschland gibt sich gerne als ein Land, in dem Klasse unsichtbar ist. In dem die Chancen auf Bildung und Wohlstand für alle gleich sind. Klasse und Kampf räumt mit diesem Mythos auf. 14 Autor*innen schreiben in persönlichen Essays über Herkunft und Scham, über Privilegien und strukturelle Diskriminierung, über den Aufstieg und das Unwohlsein im neuen Milieu. Zusammen ergeben ihre Stimmen ein vielschichtiges Manifest von großer politischer Kraft.
Leider bin ich mit völlig falschen Erwartungen an dieses Buch gegangen, woran ich zum Teil selbst Schuld bin. Ich hätte mich vorher über die Autor:innen informieren müssen.
Ich bin davon ausgegangen, dass es hier endlich mal Perspektiven von Menschen gibt, die jetzt grade von Klassismus betroffen sind. Menschen ohne akademischen Abschluss, ohne Abi. Menschen, die von schlecht bezahlter Lohnarbeit abhängig sind (und zwar ein Leben lang und nicht nur Übergangsweise neben dem Abi/Studium) oder von knapper, staatlicher Unterstützung leben müssen. Die abgewertet, lächerlich gemacht und gegängelt werden, genau jetzt und nicht früher mal.
Stattdessen ist das hier nur ein weiteres Sprachrohr derer, die "es geschafft" haben. Die Autor:innen kommen alle aus der journalistischen, künstlerischen und akademischen Bubble. Nur deren Eltern halt oft nicht und das scheint dann schon auszureichen, um über die Themen im Buch schreiben zu können. Das Vorwort mit dem Versprechen der Diversität ist dabei fast schon Hohn.
Nichts gegen die Geschichten an sich. Sie sind ehrlich und oft auch gut geschrieben. Vielleicht ist es grade das, was man einer Hartz-IV-Empfängerin oder einem Kassierer nicht zutraut... aber das ist ja eigentlich auch wieder Klassismus pur. Und grade diese Perspektiven fehlen doch!
Fünf weiße Menschen, die über Rassismus diskutieren? Zu Recht ein Skandal, vielfach kritisiert. Aber beim Thema Klasse interessiert es so gut wie niemanden, dass fast nur Akademiker:innen öffentlich zu Wort kommen. Im Gegenteil, das scheint normal zu sein und zeigt, wie weit, lang und schwer der Weg noch ist. Arbeiter:innen und Menschen, die aus welchen Gründen auch immer keiner Lohnarbeit nachgehen (können), haben keine Plattform, keine Lobby, keine Stimme.
Schlecht ist das Buch deswegen nicht. Nur enttäuschend und für mich auch ziemlich unbrauchbar. Lest es trotzdem, grade wenn ihr vielleicht gar keinen Bezug zum Thema habt, so als kleinen Einstieg. Für mich ist aber klar, dass ich mich zukünftig besser informieren und keine Bücher über Klasse oder Klassismus mehr lesen werde, wenn die Perspektiven so einseitig sind.
"Class and struggle" is a collection of stories and essays by well-known German writers about class and its implications in modern-day Germany, and while the foreword is ridiculously undercomplex and thus plays directly into the cards of those who (wrongfully, IMHO) claim that class is not an issue anymore, the varied perpectives and aspects presented in the actual texts touch upon many differing facets of the class phenomenon. What I particularly enjoyed is that many texts mention that class and education aren't necessarily related, just as class and poverty - and that dignity is a key factor when it comes to the way people of different classes interact and how they view themselves.
Unsurprisingly, I particularly enjoyed the text by the wonderful Clemens Meyer who talks about his book-loving working class father and the repercussions on East German society when the wall came down and the whole economic system was remodeled. Other standout contributions come from psychologically strong authors like Bov Bjerg and Katja Oskamp.
This collection is a great conversation starter full of strong texts. Well-worth reading, contemplating, sharing. You can learn more about it in our latest podcast episode.
Deutschland gibt sich gerne als Land, in dem es keine Klassen gibt, in dem jede*r alles erreichen kann, wenn man sich nur genug anstrengt. Für viele Menschen sieht die Realität jedoch anders aus, sie stehen vor Schranken und Barrieren aufgrund ihrer sozialen, kulturellen und/oder geografischen Herkunft. In "Klasse und Kampf" werden 14 literarische Stimmen versammelt, die von Klassismus in ihrem ganz privaten Umfeld erzählen. Sie berichten von ihrem Hintergrund, teilweise vom Leben in Armut und Gewalt, von Aufstiegen und dem ewigen Gefühl, nirgendwo wirklich dazu zu gehören.
Wie in jeder Sammlung von Texten gab es auch hier Essays, Geschichten und Berichte, die mich mehr begeistert haben und welche, mit denen ich eher weniger anfangen konnte. Besonders gut und bereichernd waren für mich die Einblicke und Perspektiven, die Lucy Fricke, Sharon Dodua Otoo, Olivia Wenzel und Pinar Karabulut in ihren Kapiteln gewähren und aufzeigen. Allein für diese vier Texte hat sich das Lesen für mich schon gelohnt. Mir wurde damit die Gelegenheit gegeben, meine eigene Klassenzugehörigkeit und meine eigenen Privilegien zu reflektieren und zu hinterfragen. Andererseits gab es aber auch Beiträge, mit denen ich mich wirklich sehr unwohl gefühlt habe, die in meinen Augen durch ihre alleinige Fokussierung auf Klasse beispielsweise Rassismus, Ableismus und Sexismus reproduziert haben - und das völlig unreflektiert.
Insgesamt ist "Klasse und Kampf" sicherlich über weite Teile sehr lesenswert, insgesamt war das Buch aber letztlich nicht so divers und mehrstimmig, wie im Vorwort angekündigt und von mir erhofft. Zudem denke ich, dass ein Buch von/mit Menschen, die den Klassenaufstieg eben nicht geschafft haben, für mich einen größeren Mehrwert gehabt hätte. Als Einstieg in den Themenkomplex Klasse aber definitiv lohnenswert!
Eine interessante Auswahl verschiedener Betrachtungen der Auswirkungen der "Klasse" (sozialen Herkunft) in unserem Land - wie war das mit den gleichen Chancen für alle, egal woher? Diese sehr persönlichen Erzählungen, Essays und Erlebnisse haben eins gemein: Die Menschen dahinter (viele bekannte deutschsprachige Autor*innen der Gegenwart) haben den Klassismus selbst gespürt, in ganz unterschiedlicher Form - und heute sind sie soweit "aufgestiegen", dass ihnen zugehört wird, wenn sie darüber sprechen. Beeindruckt durch die Offenheit.
Seit der Pandemie wurde sich vermehrt den Auswirkungen der Klassengesellschaft auf Individuen gewidmet, im feuilletondeutsch: Klassismus. Nach u.a. Édourd Louis und Annie Ernaux hat der hiesige Buchmarkt dann nachgezogen.
Hab jetzt schon einige solcher Bücher gelesen und denke nun, dass diese Lektüren für die Mittelschicht mit Bücherwand sind, mit der Funktion, sich des Klassen-Voyeurismus zu ergötzen. Letztlich folgt daraus nichts, es kommt fast zu einer Entpolitisierung. Es sorgt vielleicht für Mitgefühl, aber verkörpert auch die neoliberale Doktrin, jede:r könne es schaffen.
Einige wirklich gute, eindrückliche Texte. Leider aber auch einige, die meiner Auffassung nach nicht in diesen Band passen oder mir einfach thematisch und/oder stilistisch nicht gefielen. Außerdem fehlen Triggerwarnungen unter anderem zu den Themen Gewalt und sexualisierte Gewalt.
Kurzmeinung: Lohnt sich auf jeden Fall. Vllt wäre es mal wieder Zeit, auf dem Gebiet "Klassenunterschiede - Klassenschäden" politisch sich weiterzubewegen. Was heiß vielleicht, sogar ganz bestimmt!
Im Vorwort der Anthologie „Kampf und Klasse“ wird gesagt „Der Kapitalismus ist eine Modernisierungsmaschine, die den absoluten Wohlstand mehrt, aber ihr Güter systematisch ungleich verteilt“. Darum geht’s also, sagt man sich und fängt frohgemut an zu lesen. Na ja, nicht ganz, merkt man früh und blättert in das Vorwort zurück. Dort findet man andere erhellende Zitate, die erklären, warum man textlich nicht nur den reinen Klassenkampf bekommt.
„…. ist es angesagt, über Themen wie Race und Gender zu sprechen; das weniger coole Thema ist Klasse“ (Bell Hooks) und
„Die Kategorien Race, Gender und Class sind eng miteinander verbunden.“ (Das stimmt).
Aha. Jeder der vierzehn Autoren und Autorinnen schreibt über seine Sache, die entweder mit Gender, Race oder mit Class zu tun hat. Ja, man muss Vorworte auch lesen, damit man keine falschen Erwartungen hat!
Die vierzehn Autoren Arno Frank, Lucy Fricke, Christian Baron, Francis Seeck, Pinar Karabulut, Anke Stelling, Sharon Dodua Otoo, Bov Bjerg, Katja Oskamp, Martin Becker, Oliva Wenzel, Clemens Meyer, Schorsch Kamerun und Kübra Gümüşay, in der Reihenfolge wie die Stories auftreten, haben mich ganz unterschiedlich angesprochen.
Es gab nur wenige Kurzgeschichten, die mir richtig unter die Haut gingen, und das waren diejenigen, die sich einwandfrei mit dem Thema Klasse beschäftigten.
Ob man davon erzählt, wie man sich auf dem Bau krumm und kaputt schuftet oder darum Nachteile in Kauf nehmen zu müssen, weil man das Studium nur mit Hilfe von Nebenjobs finanziert bekommt, ob Kinder im Kinderheim nicht genug Fürsorge bekommen, nicht genug Geld da ist, den Vater anständig zu begraben, darum auf dem Amt rumgeschubst zu werden oder in anderer Weise eher eine zu verwaltende Nummer zu sein als ein Schicksal, etc. – immer geht es um Unterschiede, die allein deshalb gemacht werden, weil jemand nicht genug Geld hat, um mitzuhalten. Man ist abgeschrieben.
Selbst wenn man es „geschafft“ hat und finanziell aufgestiegen ist, riecht man nicht richtig, redet nicht richtig, kennt die gesellschaftlichen Codes nicht. Sind nicht die richtigen Bilder an der Wand, treibt man nicht den richtigen Sport, isst falsche Dinge und trägt nicht die richtigen Klamotten.
Immer geht es darum, nicht dazuzugehören. Zu den Gewinnern. Es geht darum, dass du ein Verlierer bist. Und dass du einer bleiben sollst. Und das treibt mir die Tränen in die Augen.
„Die aber unten sind, werden unten gehalten Damit die oben sind, oben bleiben Und der Oberen Niedrigkeit ist ohne Maß Und auch wenn sie besser werden, so hülfe es doch nichts, denn ohnegleichen ist Das System, das sie gemacht haben Ausbeutung und Unordnung, tierisch und also unverständlich.“
Solches schreibt Bert Brecht in der Heiligen Johanna der Schlachthöfe.
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. (Es hat sich nichts daran geändert, gar nichts!).
Doch weil wir hier nicht Brecht, sondern die vorgestellte Anthologie rezensieren, ein letztes Zitat aus „Kampf und Klasse“:
„Ein Arbeiter sieht deine Bücher und erkennt, dass du dich für etwas Besseres hältst. Ein Akademiker sieht deine Bücher und erkennt, dass du es nicht bist.“
Mein Highlight ist die Story vom Bau „Antihelden“ von Clemens Meyer, dessen Schreibe ich hiermit auch einmal kennenlernen durfte. (begeistert).
FAZIT: Obwohl ich nicht alle diese Geschichten gleich gern mochte und auch nicht alle gleich gut geschrieben sind, ist die Begegnung mit dem Schmerz, den der Kapitalismus verursacht, vielleicht verursachen muss? - so extrem wichtig, dass ich keineswegs unter fünf Sterne bei meiner Beurteilung gehen möchte.
In 14 Essays/Kurzgeschichten mit überragenden Namen wie "Schinkennudeln" oder "Bremsklotz" berichten die Autor*innen meist, aber nicht nur, von ihren eigenen Erfahrungen mit Armut.
Einige Texte geben sehr persönliche Einblicke, wie z.B. "Fischfabrik" von Lucy Fricke, oder "Augenhöhe" von Pınar Karabulut. Manche zeigen auch intersektionale Ebenen auf, die sich mit Armut kreuzen. Was alle Texte zeigen, ist, dass Armut strukturelle Probleme und Benachteiligungen mit sich bringt und diese nicht individuell gelöst werden können. Und dass das Stigma, das immer noch mit Armut einhergeht, Empörung und Änderungswillen in der Breite der Bevölkerung verhindert.
Mein persönliches Highlight war die sehr berührende Erzählung "Totenwaschung" von Kübra Gümüşay.
ohne vorher viel über das buch zu wissen, habe ich ich es gekauft. „klasse und kampf" - unterschiedliche beiträge von autor:innen über ihre eigenen erfahrungen - klingt gut. doch wenn man sich genauer damit befasst, stellt man relativ schnell fest: die autor:innen sind mittlerweile alle relativ erfolgreich mit ihrer arbeit. dies ändert nichts an den erfahrungen, die sie früher gemacht haben oder an denen ihrer familienmitglieder. jedoch fehlt es an aktuellen stimmen. wo sind die menschen, die jetzt gerade arm in deutschland leben? wie können wir von ihnen hören? wie hätten genau diese autor:innen ihnen vielleicht eine stimme geben können? denn was wir hier haben sind sogenannte „erfolgsgeschichten". sie haben es aus der „unterschicht herausgeschafft". natürlich erzeugen die essays dennoch sichtbarkeit für betroffene menschen, indem sie das thema überhaupt erstmal aufgreifen, vielleicht auch ihren eigenen scham überwunden haben. und sie zeigen, wie sehr klasse, gender und herkunft zusammenhängen und intersektional betrachtet werden müssen, was auch ein wirklich wichtiger punkt ist. die geschichten berühren, sie erzeugen ein gewisses mitgefühl für die personen. wenn man sich noch nie selber mit dem thema klasse auseinandergesetzt hat bzw. auseinandersetzen musste, werden hier sicher wichtige denkanstöße und ansätze gegeben. denn viele menschen glauben immer noch, dass es heutzutage in deutschland keine klassengesellschaft mehr gibt. doch, gibt es! lest also gerne dieses buch, um euch ein bild davon zu machen, wie andere menschen leb(t)en und/oder aufgewachsen sind und vergesst dabei nicht diejenigen, die immer noch so leben. die es nicht "geschafft" haben. klassenbewusstsein ist enorm wichtig. und ich denke dieses buch macht einem schnell klar, mit welchen privilegien man aufwuchs, oder mit welchen eben auch nicht. zudem schreiben die autor:innen natürlich wahnsinnig toll, aber ich denke, das hatte hier gerade nicht die allerhöchste priorität. insgesamt also vier sterne, denn all in all ist es ja definitiv ein wichtiges und gutes buch! kleine letzte anmerkung noch: ich hätte eine trigger warnung am anfang sehr wichtig gefunden. ein essay behandelt den tod sehr explizit und es war teilweise nicht besonders einfach für mich zu lesen. hiermit also die trigger warnung: im buch wird vom tod gesprochen!
Faszinierendes Buch. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, wie man auf die Idee kommt, Klasse eher unpolitisch behandeln zu wollen, und auch über die Auswahl der Autor:innen und Texte konnte ich mich größtenteils nur wundern. Einige fand ich durchaus interessant, einen Großteil aber eher schlecht geschrieben und die Frage, ob das jemand nochmal lektoriert hat und was mir das jetzt sagen soll, hat sich mir öfter gestellt. Ich glaube, ein paar Ansprüche und ein tatsächliches Ziel für solche Veröffentlichungen zu haben (außer irgendwie schwammige Texte schreiben um #awareness zu raisen), würde nicht schaden. Dass die Klasse, über die geschrieben wurde, wohl nicht Teil der Zielgruppe zu sein scheint, scheint mir auch sehr merkwürdig und war wohl auch einer der Gründe, warum ich hiermit so wenig anfangen konnte. Und, so als kleine Anmerkung: in den Kurzbiografien der Autor:innen nichts zur sozialen Herkunft zu sagen, ist auch eher schwach, denn gerade darum soll es doch gehen, oder nicht? Warum zB Schorsch Kamerun hier vertreten ist, ist mir immer noch nicht klar. Zwar war all das bei der Auswahl der Autor:innen mMn schon irgendwie vorhersehbar, aber von Christian Baron, dessen vorherige Bücher ich alle sehr lesenswert finde, hätte ich doch etwas mehr erwartet. Ob ich Klasse und Kampf jetzt empfehlen würde.. tja, ich weiß es nicht. Wenn man Interesse hat, würde ich jedenfalls dazu raten, es nicht neu zu kaufen - das lohnt sich eher nicht.
Klasse und Kampf finde ich als Buch gut. In den kleinen Essays aus denen das Buch besteht lässt es sich sehr einfach lesen. Ich denke jeder kann zu der ein oder anderen Anekdoten in diesem Buch besser relaten als zu der anderen. Viele der Essays zeigen wie mürbe einen Arbeit im Proletariat macht. Wie ausgelaugt man sich bei oder während der Arbeit fühlt. Mein Vater hat immer gesagt: wenn man bei VW am Fließband arbeitet gibt man beim Anfang der Schicht sein Gehirn ab und einige vergessen es wieder am Ende mitzunehmen. Und eben diese Banalität wird in diesem Buch zumeist sehr erdrückend dargestellt. Die Realität der meisten Arbeiter:innen einfach wegen der physisch und psychischen Belastung keine Kraft mehr haben für Veränderungen. Es ist beschissen aber die Realität, und genau deswegen lohnt es sich für eine bessere zu kämpfen. Ich würde es Leuten empfehlen die vielleicht von arg theoretischen Sachen gerade genug haben aber trotzdem etwas im Bereich klasse lesen wollen. 3,7/5
Beiträge verschiedener Autor:innen über Klassismus, teils verbunden mit den Themen Rassismus und Sexismus. Mit einigen Texten konnte ich mehr anfangen, mit anderen weniger. Besonders in Erinnerung bleiben wird mir der Beitrag von Lucy Fricke.
Das Buch war inhaltlich anders, als ich erwartet hatte - weniger theoretisch, sondern es umfasst individuellere, persönlich wirkende "Geschichten", nah am Menschen. Diese geben einen guten Einblick für mögliche Ausgestaltungen von Klassismus, sodass die Lesenden beginnen, ein Gefühl bzw. Verständnis dafür zu entwickeln. Jedoch habe ich daraus nicht so viel gelernt, wie ich vorher vermutet hätte - für tiefergehendes und umfangreicheres Wissen muss eben weitere Lektüre hinzugezogen werden. Meine Lieblingstexte waren die von Lucy Fricke, Francis Seeck, Pinar Karabulut, Sharon Dodua Otoo und Kübra Gümüsay. Aus diesen habe ich am meisten mitgenommen, sie haben mich am meisten zum weiteren Nachdenken angeregt. Ihnen gebe ich 5 von 5 Sternen. Die anderen Texte bekommen 3 bis 4 Sterne, weswegen ich das Buch insgesamt mit 4 bewerte. Diese Texte waren ebenfalls interessant! Sie zeigen auf, hinter welchen Konstellationen Klassismus zu finden ist, wie sich dieser bemerkbar machen kann. Einige dieser Texte fand ich aufgrund ihrer Sprache schwer zu lesen. Gerade in einem Buch über Klassismus ist m.M.n. eine Sprache, die mit entsprechendem Hintergrundwissen erst entschlüsselt werden muss bzw. kann, eine Sprache, die sehr literarisch sein möchte, nicht notwendig.
Insgesamt ein interessantes Buch, dass sich zu lesen lohnt. Vielleicht einfach als Einstieg in das Thema.
the idea is fantastic. And some of the contributions are very interesting. The pool of the authors was kind of narrow though - a lot of them came from the same university (Deutsches Literaturinstitut Leipzig) and represent the highly educated fulltime writer. There is more variety out there.
Eine gute Sammlung verschiedenster Beiträge, die unterschiedliche Perspektiven auf Themen wie „Klassenunterschiede“, „Armut“, „Sozialpolitik“, „Menschenrechte“ et cetera anbieten. Einige Beiträge sind anekdotisch, persönlich ausschweifend, andere konzise und kämpferisch. Alle rufen sie letztlich mehr oder weniger direkt dazu auf, strukturelle Änderungen herbeizuführen, Köpfe, Augen und Ohren zu öffnen, damit für alle Menschen ein gerechtes und gutes Leben möglich ist.
Kurze Anmerkungen zu ausgewählten Beiträgen:
Die Sprichwörter, Anglizismen, aber auch der literarisch-kulturelle Verweis im Text von Bov Bjerg wirken schief und irgendwie fehl am Platz. Außerdem spielt die Kategorie der Klasse keine bestimmende Rolle in diesem Text — die Idee des Kampfes oder der Aufruf zu selbem ebenfalls nicht. Der Erzähler/ Protagonist ist lediglich der Sohn einer Haushälterin. Der Text macht nun aber nicht deutlich, ob das irgendwelche weitreichenden Konsequenzen für das Leben von Mutter und Sohn hat.
Olivia Wenzel präsentiert sich in ihrem Beitrag als ängstliche, inkompetente, nicht wirklich arme, aber seltsam arrogante Frau, die äußerlich der jeweiligen Situation angepasst auf leisen Sohlen durch die Welt schleicht („Mein Dialekt bahnt sich meistens wie von selbst seinen Weg, wenn ich Leuten zeigen will, dass ich mich keinesfalls im Hochstatus ihnen gegenüber wähne.“ - wohl dem, der den Luxus hat, sein Sprachregister der jeweiligen Situation anzupassen), andererseits innerlich den groben Kamm auspackt und alles beseitigt, was sie scheinbar nicht versteht — ganz besonders „absurd dumme Männer“ —(„Von Anfang an weiß ich intuitiv: Sie sind unzurechnungsfähig und eklig, dumm und arm, hoffnungslos verloren und selbst Schuld daran; von Anfang an habe ich keine Empathie.“). Zu diesem Beitrag fällt mir wirklich nichts mehr ein.
Kleine Anmerkung: Liebe Frau Wenzel, nur weil die Mutter bei Aldi einkauft und es nicht immer die neusten Markenklamotten gibt, ist man noch lange nicht Teil des Proletariats.
Mir persönlich hat insbesondere der Beitrag von Sharon Dodua Otoo nicht gefallen (ich mochte auch ihren Roman „Adas Raum“ nicht, wie meine Rezension hier bei Goodreads zeigt). Sie klagt in einem wehleidigen Ton Missstände an, die ihrer Meinung nach besonders für alleinerziehende Künstlerinnen mit Migrationshintergrund gelten. Dass es grundsätzliche strukturelle Probleme in Deutschland gibt, wenn es um die Verteilung von Geld und Anerkennung geht, sehe ich ebenso wie sie. Allerdings zeigt ihre Geschichte nicht einfach, dass es einige Ungerechtigkeiten in Deutschland gibt, sondern dass Frau Otoo eben auch von einer Position aus spricht, in die sie sich selbst gebracht hat: Sie will als alleinerziehende Mutter mit vier Kindern als Schriftstellerin ein angenehmes, sorgenfreies Leben in Berlin leben. Sie möchte aber kein Geld weglegen und sparen. Sie mochte scheinbar ebenfalls während des Studiums nicht arbeiten gehen (so wie es millionen andere Student*innen tun/ tun mussten — es geht hier nicht darum, ob das richtig ist) und hat stattdessen diverse Kredite aufgenommen, die sie dann natürlich abbezahlen muss/ musste. Dafür, dass sie Unterhaltszahlungen für ihre Kinder nicht einklagt, liefert sie recht schwache, beziehungspsychologische Gründe. Und so weiter und so fort. Man möchte sie gerne schütteln und fragen, was sie denn denkt, wie ein Großteil der Menschheit lebt ? In welchem Land denn Milch und Honig fließen und jeder nur das beste Leben lebt ? Die meisten Künstler*innen (aber auch zum Beispiel Sportler*innen) können nicht von ihrer Kunst (ihrem Sport) leben. Ob das fair ist, ist die eine Sache. Dass dieser Fakt nicht neu ist, die andere. Hier klagt eine Frau, die in ihrem Leben oftmals unüberlegt eine Abzweigung genommen hat, darüber, dass niemand kommt und ihre Fehleinschätzung bereinigt. Da fehlt mir persönlich einfach jegliches Verständnis und Mitleid.
Die meisten Großmütter hätten ihr vermutlich so etwas gesagt wie: „Das Leben ist kein Ponyhof“.
Eine Fülle kleiner Fragmente aus diversen Stadien eines Menschenlebens finden sich in diesem Sammelband in unterschiedlichsten Formen und Gestaltungen. Die großen, alle Essays und Erzählungen durchdringenden Stichpunkte: Wut. Angst. Scham. Enttäuschung. Und so viel mehr.
Es sind Kindheitserinnerungen aus winzigen Wohnungen mit kleinen Fenstern und vollen Bücherregalen. Schulausflüge, die eine zusätzliche Doppelschicht bedeuteten. Abgetragene Kleidung. Aldi-Marken. Erfahrungen mit Schulkamerad:innen aus „besseren“ Häusern. Grenzen. Freiheiten. Ab und zu Selbstvergessenheit.
Die Widersprüchlichkeiten zwischen dem Wert eines Berufs und eines Studiums. Die unterschiedlichen Wertvorstellungen in Ost- und Westdeutschland. Die soziale Position gewisser Berufe entsprechend dieser Vorstellungen. Der wandelnde Selbstwert von Individuen, die den „Aufstieg“ anstreben – und Erfolg haben. Und der immer haftende Chip auf der Schulter.
Sharon Dodua Otoo, Bov Bjerg und Lucy Fricke sind nur einige von den Erzähler:innen, die mit ihren Geschichten sehr persönliche Seiten von sich an die anonyme Öffentlichkeit preisgeben. Bewundernswert, und zum Teil unglaublich verstörend – denn weiterhin den Tatsachen entsprechend.
Es ist schließlich tröstend zu lesen, dass die meisten herausragenden Individuen sich weiterhin in Zwischenwelten befinden – insofern man sich im weitesten Sinne mit den Geschichten identifizieren kann. Wer sich bei systemkritischen Themen unwohl oder gar nicht angesprochen fühlt, dem ist der Sammelband umso dringender zu empfehlen, denn „Klasse und Kampf“ bespricht ausschließlich akute gesellschaftliche Probleme, die im täglichen Gedankengut nicht fehlen dürfen.
"Klasse und Kampf", eine Essay-Sammlung sehr persönlicher Erzählungen und Perspektiven machen die Lebensrealitäten sozialer Herkunft greifbar. Besonders lesenswert empfand ich die Texte von Kübra Gümüsay, Sharon Dodua Otoo, Olivia Wenzel, Martin Becker, Pinar Karabulut und Francis Seek.
Der Klassenbegriff wird im Kontext der individuellen Lebensrealitäten (nicht als soziologische Analyse) diskutiert, kritisiert, auseinandergenommen, wieder neu zusammengesetzt, passt häufig nicht, ist überholt, nicht tragbar - und sowieso aufs Äußerste diskriminierend.
Leider sind in diesem Band nur Texte von Personen vertreten, die es „geschafft haben“, die also auf sehr eindrückliche Weise über ihre Vergangenheit und die Prägung ihrer sozialen Herkunft schreiben, was aber ist mit denen, die immer noch da sind, wo die anderen es „raus geschafft“ haben, die die sogenannten Klassengrenzen nicht durchbrochen haben und aufsteigen konnten? Was ist mit ihrer Wut, ihrer Angst, ihrer Scham, ihrer Verzweiflung über die gesellschaftlichen (hierarchischen) Strukturen, die Ungleichverteilung, die prekären Beschäftigungssituationen, dem lebensechten Monopoly, in dem sie eben nicht die gleichen Chancen haben, wie die anderen…?
Wo sind ihre Stimmen, die gehört werden wollen und gehört werden müssen?
ich glaub ich hab zu lang für das buch gebraucht, einige geschichten sind mir gar nicht mehr präsent, insgesamt hat es sich etwas zusammengewürfelt angefühlt
ein paar geschichten haben mich sehr berührt (hab sogar ein mal im Zug geweint, meine Sitzbachbarin hat dann aber alles wieder gerettet mit ihren struggi tipps - shoutout an die karlshöhe) , andere eher verwirrt (wie dieses review upsi)
hab in einem anderen review gelesen, dass die autor*innen ja aber alle nun eher akademiker*innen kreisen angehören, was in anbetracht der im vorwort versprochenen diversität schon ein großer verlust ist. fraglich nur, wie gerade von klassismus betroffene menschen dazu kommen sollen, beiträge in bücher zu verfassen
diese sammelbänder sind schon was feines, (für mich) vor allem wenn man es aus der perspektive des schreibens betrachtet. dann wird es interessant, weil man beobachten, bzw. lesen kann, wie unterschiedlich sich die einzelnen ausdrücken und wie sie zusammenhänge bilden in ihren eigenen erfahrungen.
als einführung in dieses große thema von klasse und klassenbewusstsein gut, weil es weniger theoretisch ist, und immer von dieser einzelperspektive ausgeht, für die sich dann die lesende person selbst den rahmen bauen kann.
vom schreibstil her, gefiel mir vor allem die geschichte von anke stelling. die war großartig geschrieben. vom inhalt her finde ich eigtl alles sehr wichtig.
Klasse und Kampf ist eine abwechslungsreiche Sammlung von Texten, die Themen wie Klassismus, Rassismus und das Gefühl des Abgehängtseins behandeln. Viele der Autor:innen haben inspirierende Schreibstile und überzeugen mich mit interessanten und augenöffnenden Texten. Allerdings sind sie meist höchstens Kinder von Individuen, die von Klassismus betroffen sind. Mich hätte interessiert, was tatsächlich direkt von Klassismus betroffene Personen über deren Lebensrealitäten zu berichten haben.
+ Bremsklotz von Arno Frank + Fischfabrik von Lucy Fricke + Fangfragen von Christian Baron + Augenhöhe von Einar Karabulut +Schinkennudeln von Bob Bjerg +Stammstrecke von Katja Oskamp +Totenwaschung von Kübra Gümüsay