Lin arbeitet seit Kurzem als Ärztin für ihren Verlobten Yong. Dieser verdient sein Geld mit illegalen Kämpfen, besonders mit seinem Champion, den er „Tier“ nennt. Es scheint nichts menschliches an ihm zu sein: er kämpft im Käfig um sein Überleben, wird in einem Verschlag gehalten, an einer Leine geführt und spricht nicht. Die junge Frau ist entsetzt, was man ihm antut. Doch als sie seine Wunden versorgt, entdeckt sie tatsächlich etwas anderes als Blutgier in seinen Augen.
Das Buch beschreibt plastisch, was Menschen einander antun können, wenn sie sadistisch, grausam und machtbesessen sind. „Tier“ ist seinem Besitzer willenlos ausgeliefert und fristet ein völlig menschenunwürdiges Leben. Er weiß selbst nicht mehr, wer er eigentlich ist. Dort sind nur Schmerzen, Aggressionen, der Blutrausch und bedingungslose Unterwürfigkeit. Er ist triebgesteuert und impulsiv. Die wenigen relativ klaren Momente werden sofort von seinen Peinigern zu Nichte gemacht. Das Leben in der Kampfarena und dem Käfig ist erschreckend, düster, roh, blutig und brutal. Das zu lesen ist definitiv nichts für schwache Nerven.
Ich fand es faszinierend „Tiers“ Gedankengängen zu folgen, die wirklich sehr überzeugend und authentisch rüber kommen. Meistens sind die Sätze aus seiner Perspektive kurz oder bruchstückhaft und wirken irgendwie „verschwommen“. Man bemerkt direkt am Scheibstil, wenn er klarer wird und verzweifelt versucht daran festzuhalten.
Auf der anderen Seite ist Lin, eine kluge, selbstbewusste Frau, die bis dato selbstbestimmt gelebt hat. Nun hat ihr Vater allerdings der Verlobung mit seinem Nachfolger zugestimmt, ohne sie nach ihrer Meinung zu fragen. Sie weiß, dass irgendwas nicht stimmt, weil er dies ansonsten niemals getan hätte. Doch sie geht der Sache nicht wirklich auf den Grund, sondern lässt sich von IHM ablenken. Sie will unbedingt herausfinden, was man mit ihm gemacht hat, wodurch er zum „Tier“ wurde und möchte ihm letztendlich helfen. Dabei fühlt sie sich auf unerklärliche Weise zu ihm hingezogen.
Mir hat gefallen, dass sie sowohl ihrem zukünftigen Ehemann als auch dessen Handlangern die Stirn bietet und ihnen ihre Meinung nicht vorenthält. Yong sind die chinesischen Traditionen allerdings anscheinend sehr wichtig und ihm passt es nicht unbedingt, sich von einer Frau reinreden zu lassen. Kurzum: Er ist ein ausgesprochen unsympathischer Widerling. Ich kann nicht nachvollziehen, wie Lin, die ihre Freiheit so sehr liebt, nicht mehr gegen Yong und ihren Vater aufbegehrt beziehungsweise Letzteren zur Rede stellt.
Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite spannend und atemraubend. Es geschehen einige unvorstellbare Dinge, die einem die Haare zu Berge stehen lassen. Psychische und physische Gewalt spielen eine sehr große Rolle, nicht nur gegenüber „Tier“. Zwischen ihm und Lin prickelt es gewaltig, die erotischen Szenen muss man schon als impulsiv und animalisch bezeichnen, bei denen vor allem er seinen Trieben folgt. Dark-Romance Fans sollten mal einen Blick drauf werfen!
Ja, das Buch hat mich in seinen Bann gezogen und ich habe es nicht aus der Hand legen können. Dennoch ist für mich die Herangehensweise an bestimmte Traumata irgendwie mehr als fragwürdig und nicht ganz verständlich. Ich kann mir vorstellen, dass Menschen, die ähnliches erlebt haben, grade davon extrem getriggert werden. Doch jeder geht schließlich anders mit Erlebtem um.