*enthält Spoiler*
Das Buch hat mich leider etwas enttäuscht. Zu Anfang fiel sofort die doch recht durchmischte Kommasetzung auf (dafür hat man doch einen Lektor?), ebenso wie der sehr mechanisch und unrealistisch wirkende Stil des Dialogs. Jede einzelne Sprechhandlung hatte einen forcierten, zweckmäßigen Anschein. Zudem, und das ist mein wohl größter Kritikpunkt, wirkten die Charaktere sowie auch die sie umgebende Welt unfertig und eindimensional. Während die meisten Charaktere durch meist nur einen einzigen Charakterzug definiert wurden (Diana=aufbrausend, Vesta=rachsüchtig, Vulcanus=fachidiotisch, Barra=böse, Henry=rechtschaffen, Apoll=leicht beeinflussbar, Venus=pfiffig,…), der nicht mal in seinen vollen Möglichkeiten erforscht wurde, was doch sehr langweilig zu lesen war, zumal es auch kaum eine charakterliche Entwicklung bei irgendeinem der Protagonisten gab, wirkte die Welt, besonders die, die in der Zukunft erschaffen wurde, wie ein billiger Pappaufsteller. Dem Autor scheint nicht bewusst zu sein, dass es in 100 Jahren wahrscheinlich mehr technologische Neuheiten als nur Ki‘s (und natürlich den coolen Weltraumschaum) geben wird, wenn man sich alleine die Explosion von technologischem Fortschritt in den letzten 30 Jahren anschaut, die nicht den Anschein erweckt, bald zu enden. Ihm ist hoffentlich auch bewusst, dass der Klimawandel größere Auswirkungen haben wird, als bloß Italien etwas heißer zu machen. Und ihm ist hoffentlich ebenso bewusst, dass eine Gesellschaft, die sich 100 Jahre lang weiterentwickelt hat, vom heutigen Ausgangspunkt aus, sehr wahrscheinlich eine diversere und inklusivere sein wird. Natürlich ist erzwungene Diversität nicht hilfreich, aber es ist schlichtweg unrealistisch, dass es in dieser Gesellschaft in 100 Jahren keinen einzigen Menschen zu geben scheint, der Teil der LGBTQ+ - Community ist, während immer noch sehr lustige Witze darüber gemacht werden, dass Frauen tatsächlich auch Sachen hinkriegen, und es ist ebenso unwahrscheinlich, dass eine Initiative, die die besten SchülerInnen der GANZEN Welt für ihre sehr wichtige Mission sucht, dann doch zu großen Teilen aus europäischen SchülerInnen zu bestehen scheint (dass Lily bzw. Venus zum Beispiel schwarz ist, wird auch erst so ab der Hälfte des Buches erwähnt, was nicht viel Sinn ergibt, da sie doch ein recht wichtiger Charakter ist). Außerdem ist es doch schlichtweg unfassbar, dass in der Zukunftsvision des Autors Prothesen, Rollstühle usw. quasi überhaupt nicht weiterentwickelt wurden, sodass SchülerInnen, die, wohlgemerkt, IN DER SCHULE so schwer verletzt wurden, dass sie bleibende Einschränkungen davongetragen haben, fortan nur noch „Geduldete“ auf dem Campus sein sollen. Auf die generelle Idee, offensichtlich emotional instabile Jugendliche zur Rettung der Welt in die Vergangenheit zu schicken, will ich hier nicht weiter eingehen, da sonst diese Review noch deutlich länger werden würde, trotzdem wollte ich den Punkt mal in den Raum werfen, da im Buch dafür keine adäquate Erklärung gegeben wurde. Zusammengefasst kann man erkennen, dass die erschaffene Welt nicht sonderlich viel Tiefe hat, und man muss sich ernsthaft die Frage stellen, warum der Autor die Geschichte nicht einfach in der Gegenwart oder auch nur 20 Jahre in der Zukunft hat spielen lassen, da er dann mit deutlich weniger Problemen dieser Art konfrontiert worden wäre. Nun noch einige Worte zum allgemeinen Schreibstil, die vorher noch nicht reingepasst haben: Der ganze Plot war sehr leicht vorhersehbar, was natürlich nicht zu letzt an den sehr berechenbaren Charakteren lag, doch auch durch die Zeitsprünge zwischen den Kapiteln, die an sich eigentlich eine gute Idee waren, wurden Rätsel, die der Leser noch gar nicht hatte anfangen können zu lösen, direkt offenbart, was die Leseerfahrung doch deutlich langweiliger gemacht hat. Zudem war die Art und Weise, in der die Frauen in dem Buch teilweise beschrieben wurden, etwas unangenehm und wirkte rückständig.
Als positiven Punkte möchte ich zuletzt noch anbringen, dass das eigentliche Konzept von einer Welt, die sich selbst nicht mehr retten kann, dafür aber sehr viel Energie dafür verwendet, andere Welten zu retten, sehr spannend ist. Es hätte zwar noch deutlich weiter ausgeführt werden können, durch zb. echte moralische Konflikte eines Charakters, aber die Grundidee war sehr gut. Auch war das Buch ca. ab Seite 400 deutlich besser zu lesen und hat sich nicht so sehr gezogen wie auf den Seiten zuvor.