Sexualstrafrecht als Gradmesser unserer Gesellschaft: Der ehemalige Vorsitzende Richter am Bundesgerichtshof über Sexualität aus juristischer Perspektive
Was ist “normales” Begehren, was ist strafbares Verhalten? Wann hat der Staat das Recht auf Kontrolle der Intimsphäre? Wann nicht? Wo braucht das Sexualstrafrecht Reformen?
Das Strafrecht bestimmt, was „normales“ und was „abweichendes“, strafbares Sexualverhalten ist. Aber wo genau verläuft die Grenze zwischen Sex und Crime? In seinem neuen Buch zeigt der ehemalige Vorsitzende Richter des Bundesgerichtshofs, dass die Frage nach "Schuld" und "Krankheit" im Sexualstrafrecht viel komplexer ist, als es die politische und gesellschaftliche Diskussion vermuten lässt. Denn die strafrechtliche Definition etwa von Vergewaltigung und Missbrauch ist auch ein Spiegel moralischer, ökonomischer und politischer Machtverhältnisse. Und damit wird dieses Rechtsgebiet zum Verhandlungsort gesellschaftlicher Normen.
Das Ergebnis von Fischers messerscharfen juristischen Analysen: Ein Rechtsstaat muss gerade im Sexualstrafrecht Komplexität nicht nur aushalten, sondern absichern - doch genau daran hapert es oft.
“Der Mensch hat keine ‘natürliche’ Sexualität, die außerhalb von Kultur, Moral, Ordnung und Gesellschaft steht. Und trotzdem ist der Mensch immer auch ein Affe.” Thomas Fischer
Thomas Fischer, Jahrgang 1953, war bis April 2017 Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Sein jährlicher Kommentar zum Strafgesetzbuch, die Beckʼschen Kurzkommentare, gilt als die Bibel des Strafrechts. Mit seinen Kolumnen für ZEIT-ONLINE und den SPIEGEL wurde er einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, zudem ist er Teil des SWR 2-Podcasts “Sprechen wir über Mord?!“.
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Thomas Fischer, born in 1953, was presiding judge at the Federal Court of Justice in Karlsruhe until April 2017. His annual commentary on the German Criminal Law Code, the Beckʼschen Kurzkommentare, is considered the bible of criminal law. His columns for ZEIT-ONLINE and SPIEGEL have made him known to a wider public, and he is also part of the SWR 2 podcast " Sprechen wir über Mord?!".
“Wer seiner eigenen Moral nicht mehr traut oder trauen kann, wird die verlorene Sicherheit nicht im Strafrecht wiederfinden.”
An interesting read, very precise German, and while the author has a view on some topics I disagree with, it’s a worthwhile read, highlighting where the need for definition and precision in criminal law clashes with feelings, identity and provability.
In seiner rechtspolitischen Analysen "Sex and Crime" geht der ehemalige Vorsitzende Richter am Bundesgerichtshof Thomas Fischer auf die Tücken des neuen Sexualstrafrechts ein. Dabei kritisiert Fischer v.a. die immer weitere Verästelung des Sexualstrafrechts, welche die Justiz zunehmend vor unlösbare Aufgaben stellt, was seiner Ansicht nach das Risko von Fehlurteilen und Willkür erhöhen wird. Sehr lesenswert - gerade auch für Nicht-Juristen wie mich