Eigentlich könnte alles gut sein zwischen Julia und Faizan. Seit einigen Wochen sind die beiden ein Liebespaar – wenn Faizan denn nur in diesem Land bleiben dürfte. Als Asylbewerber aus Pakistan sind seine Chancen auf ein Hierbleiben gleich null. Und so entschließt sich Julia, ihren Freund zu heiraten, obgleich sie eigentlich niemals und unter keinen Umständen jemals heiraten wollte. Doch wenn sie geglaubt hat, dass mit einer Ehe nun alles gut wird, hat sie sich geirrt. Beklemmend-spannend erzählt Joachim Zelter von der End- und Aussichtslosigkeit eines Asylverfahrens, wo auch eine Ehe kein hinreichender Grund mehr für irgendetwas ist. Sein Roman beschreibt einen kafkaesk-kalten Kosmos akribischen Rechts, in dem die beteiligten Menschen – in einem endlosen Kraftakt – immer mehr an Autonomie und Substanz verlieren, bis kaum mehr etwas von ihnen übrig ist. Menschenwürde? Sie erweist sich in Zelters neuem Roman zunehmend als Konjunktiv.
Joachim Zelter was born in 1962 in Freiburg/Breisgau, Germany. He studied and taught English Literature in Tübingen and at Yale. In 1997, he decided to dedicate his full time to writing.
His work consists mainly of narrative prose, which often has a penchant for political satire or features tragicomic elements. His first published books include Briefe aus Amerika (1998), a postmodern novel which playfully overdraws the clichés of America, as well as Die Würde des Lügens (2000), a novel which explores the ambiguities of truth and fiction. Further book publications include Schule der Arbeitslosen (2006), a dystopian novel about a boot camp drilling unemployed people, Der Ministerpräsident (2010) and untertan (2012), an adaptation of Heinrich Mann’s classic The Loyal Subject.
In recent years, Zelter has written stage adaptations of his prose, as well as theatre plays that were performed on stages in Germany and Austria. He has received many awards for his literary work, among which a scholarship from the federal state Baden-Württemberg in 2005, and a nomination for the German Book Prize in 2010 for his novel Der Ministerpräsident. His books were translated into numerous languages.
Meine Meinung Manche Geschichten benötigen viele Seiten, um erzählt zu werden und mache, so wie diese hier, trifft auch mit wenigen Worten und Seiten alles auf den Punkt.
Die Geschichte um Julia und Faizan ist eine Liebesgeschichte, eine tragische Liebesgeschichte in Zeiten von Corona und der Rückführung von Flüchtlingen, die nicht länger in Deutschland geduldet werden, weil ihr Geburts- und Herkunftsland scheinbar ein sicheres ist.
Es ist eine Geschichte über eine Ehe, die keine Scheinehe ist, und doch geschlossen wurde, damit zwei liebende Menschen zusammenbleiben können. Doch man braucht keine Hellseherkugel um zu wissen, dass auch das nicht helfen wird.
„Nichts Freiwilliges sei mehr im Leben seiner Tochter gewesen, sondern eine getriebene Not. Nicht die eigene, sondern die Not des anderen, die irgendwann zur eigenen Not wurde. Das sei eine Ehe. Einer trage des anderen Not. Von wegen Scheinehe. Alles andere als eine Scheinehe. Alles sei aufeinander bezogen gewesen. Die ganze Zeit. Was man Faizan angetan habe das habe man auch ihr angetan. Wenn seine Rechte verletzt wurden, dann gleichzeitig auch ihre. Wenn man ihn aus dem Land geschafft hatte, dann am Ende auch sie …“ (Buch S. 153)
Diese so wahren und treffenden Zeilen sind ein seltener emotionaler Ausbruch im Schreibstil des Autors. Umso mehr verleihen sie dem Gesagten an Kraft. Dies sind für mich die Schlüsselzeilen eines eher im nüchternen Schreibstil geschriebenen Buches, das seinen Finger genau auf den wunden Punkt der ganzen Misere setzt!
Über Faizan bekommen Geflüchtete ein Gesicht, ein Leben, ein Schicksal. Joachim Zelter schafft es die Tagik herauszuarbeiten, wie, in der Tat kafkaesk, sich die Situation der lediglich begrenzt Geduldeten darstellt.
Wir bekommen mit, wie Julia versucht durch verschiedene Anwälte Faizan zu helfen. Nicht nur, dass diese sehr teuer sind, keiner von ihnen ist in der Lage, Faizan Zeit und Recht zu verschaffen. Der Autor konfrontiert uns mit den verschiedenen Meinungen von Julias Familie und Freunden, mit Vorurteilen, Verständnis und Unverständnis. Er zeichnet die Realität in seinem Roman nach, die wahrscheinlich tagtäglich genau so immer und immer wieder stattfindet.
Wir werden Augenzeugen des unmenschlichen Aktes des Rückführungsprozesses Faizans, der, wie man schon oft in den Nachrichten gehört oder gelesen hat, nachts von zu Hause rausgeholt, einen paar minütigen Anruf tätigen durfte und dann direkt in ein Flugzeug nach Pakistan gesteckt wurde.
Trotz des recht nüchternen Schreibstils schafft es Joachim Zelter eine packende Geschichte zu erzählen, die ich fast in einem Rutsch gelesen habe und lange darüber nachdenken musste. Die Hoffnung, alles möge noch auf das Gute hinauslaufen zieht sich bis zum Schluss, der für mich trotzdem unerwartet kam.
Fazit Dem Autor ist ein sehr aktueller und eindringlicher Roman gelungen, der die Flüchtlingspolitik als genau das aufzeigt, was sie ist: unmenschlich! Ein sehr bemerkenswerter und lesenswerter Roman, den ich uneingeschränkt weiterempfehle!
I seem to be starting a lot of books lately. I don’t seem to have the smart-phone-scarred staying power to finish them. This book, however, had no problem drawing me back in with a few lines and keeping me reading (I’m a slow reader of German as it’s my second language). This is I think the fourth book I’ve read of Zelter’s and I’ll be reading more. This one is one of his best. His writing as always is finely crafted, his keynote style is expressing somehow the anxiety of living life, and in this case his subject is immigration, specifically a story about an asylum-seeker with shaky grounds in the process of finding a place here. Marriage is involved here, the Ausländeramt certainly is, and it comes together as a masterful novella. Joachim Zelter is a master at writing about what keeps people up at night. He could write a horror about preparing for a job interview, or being bullied in the workplace, about parents dealing with a hostile school principal. He has an empathy for the human experience and the ability to write tension-filled, eminently-readable novellas - a Kafka of the mundane, perhaps? Anyway, the book is about immigration and deportation and the humans caught up in this shitty process. I had one negative brush with the Ausländeramt during the process of me settling in Germany. I didn’t receive a letter they had sent (to the address of my fiancée and I), I was summoned to a ‘Verhör’ as there was obviously the suspicion that I wasn’t living with her as I said I was (she was my sponsor). The breathtaking hostility that I encountered (and this as someone with the privilege of being a white-skinned New Zealander) was extremely stressful, as I tried in my very basic German to explain that the Deutsche Post had obviously fucked up and mislaid the letter. So, the next time I talk to some young immigrant in the process of trying to find a foothold here in Germany, I’m just going to sympathise and say, ‘Good luck’ rather than question whether he has enough grounds for asylum, whether his home country is dangerous enough for him to justify him being here etc. It’s the job of the Ausländeramt to apply the law of the land to the situation. This book reminded me that my/our job is to treat him like a human in a horrible situation with an individual story. So, the book is almost faultless in my opinion, aside from the ending. His books tend to finish with someone riding a bike down a hill (der Ministerpräsident), or walking onto a stage (Imperia) or waking up from a bad dream (Wiedersehen). I guess I’m saying that his endings aren’t satisfying and I really want them to be. Maybe it’s a deliberate choice or necessary because of the constraints of the novella form perhaps, but if he could write great endings he would be one of the greats, I’m convinced of that. So, four and a half stars from me and I look forward to my next one, Professor Lear maybe.