Dies ist die Streitschrift zum Dirk Neubauer, der Bürgermeister der sächsischen Stadt Augustusburg, will unser politisches System umbauen. Die Demokratie erreicht die Menschen nicht mehr. Das will Neubauer ändern. Sein Weg aus der das System vom Kopf auf die Füße stellen, die Hierarchie von Bund, Ländern, Kreisen und Kommunen radikal aufbrechen, die Rolle von Parteien hinterfragen und alles, was geht, vor Ort entscheiden – durch die direkte Beteiligung von Bürgern. Dass dies möglich ist, haben er und seine Stadt bewiesen. Ein Buch, das aufrüttelt.
Wie kam ich drauf? Dirk Neubauer ist Bürgermeister in Augustusburg, was hier gleich um die Ecke ist und in dieser Funktion war er mir schon ein paar mal zu Ohren gekommen mit Dingen die in Augustusburg erreicht werden konnten. Dazu kam dann ein Beitrag bei ttt - Titel Thesen Temperamente, in dem das Buch vorgestellt wurde und er dazu interviewt wurde. Dabei kam er sympathisch rüber und das Thema interessiert mich eh. Nur meckern oder sich ewig über gewisse Dinge ärgern ist ja auch langweilig und hier sollen ja auch mal ein paar Lösungsansätze enthalten sein.
Worum geht es? Dirk Neubauer beschreibt hier zum einen seine Erlebnisse aus 7 Jahren kommunaler Arbeit und auch der Arbeit in der SPD auf Landesebene. Daraus zieht er Schlüsse woran es krankt, warum viele Bürger sich abwenden und zu reinem Protest übergehen und welche Auswirkungen dies für unser aller Zukunft hat, wenn sich daran nichts ändert. Für diese Änderungen hat er konkrete Vorschläge im Gepäck und diese betreffen sowohl die Politiker, als eben auch uns Bürger.
Wie ist es? Alles ist in einer relativ einfachen, verständlichen Sprache gehalten, was ihm auch wichtig ist, denn mit Fachchinesisch schließt man eben auch Leute aus und gerade das sollte man ja in einer Demokratie vermeiden, so dass eben jede:r Bürger:in die Möglichkeit zur Partizipation hat. Er hat in den 7 Jahren sehr viele Dinge erlebt und erläutert anhand dieser schlüssig woran es krankt und wie er sich Besserungen vorstellt. Durch diese Anekdoten ist es auch kein langweiliges, trockenes Buch. Ich habe es recht flüssig gelesen (2*100 seiten in einem Rutsch). Die Vorschläge ergeben für mich meistens Sinn, ich kann es also im Großen und Ganzen empfehlen, nur an der einen oder anderen Stelle hätte nochmal ein besseres Lektorat erfolgen müssen.
Lieblingstellen Gibt es einige, wie zB. im Koalitionsvertrag die Digitalstrategie nahc und nach untergegangen ist oder sich Projekte verzögern und verteuern, weil etwas geprüft, beantragt oder erst im nächsten Jahr beschieden werden kann. Wie der:die Bürger:in zu dem Status gekommen ist, dass er in allen Feldern auch erwartet, dass sich der Staat um alles kümmert und wie das eben nicht funktionieren kann. Warum es die AfD, Querdenken oder FFF eben jetzt gibt und wie man damit umgehen sollte. Am Ende würde ich hier aber wohl 1/4 des Buches abschreiben, deshalb nur dies:
Während die Politik vom Kümmern zum Ermöglichen wechselt, müssen wir das Jammern gegen ein produktives Einmischen eintauschen. Das mag einfach klingen, ist aber ein Riesenschritt und eine Herausforderung zugleich. Denn: Die Voraussetzung für echte Veränderung besteht zunächst darin, wieder streiten zu lernen! Damit meine ich nicht die kommunikativen Gefechte, wie wir sie in der regel aus den sozialen Netzwerken kennen. Denn daraus entstehen meist nur freudlose und ziellose Endlosdebatten, in denen Fakten keine Rolle mehr spielen. Die keine Lösungen kennen. Und kein Ergebnis. Oft tragen sie nur dazu bei, die bestehenden Gräben noch weiter zu vertiefen. Ich meine auch nicht endlose Tiraden über alles, was wir nicht wollen. Solche gebetsmühlenartig vorgetragenen Wiederholungen führen nur selten zu positiven und produktiven Impulsen. Nein. Ich meine die Fähigkeit, fakten basiert und fair, aber dennoch hart in der Sache um Lösungen zu ringen, die auf einer gesellschaftlichen Mehrheit basieren. Die das Wir vor dem Ich sehen und die auch dann geeignet sind, Probleme zu lösen, wenn eine solche Lösung mit schmerzhaften Folgen verbunden ist.
Es war ganz interessant die Probleme eines Lokalpolitikers zu sehen. Allerdings finde ich, dass der Titel „rettet die Demokratie“ viel zu groß für den Inhalt des Buches und sehr oft erinnert es einfach an eine Lobschrift seines eigenen Machens und Schaffens.