Neben Denkmälern und Straßennamen zeugen zauberhafte Museumsobjekte von den einstigen Kolonien – doch wie sind sie zu uns gekommen und woher stammen sie? Götz Aly deckt auf, dass es sich in den allermeisten Fällen um koloniale Raubkunst handelt, und erzählt, wie brutal deutsche Händler, Abenteurer und Ethnologen in der Südsee auf Raubzug gingen. So auch auf der Insel Luf: Dort zerstörten sie Hütten und Boote und rotteten die Bewohner fast vollständig aus. 1902 rissen Hamburger Kaufleute das letzte, von den Überlebenden kunstvoll geschaffene, hochseetüchtige Auslegerboot an sich. Heute ist das weltweit einmalige Prachtstück für das Entree des Berliner Humboldt Forums vorgesehen.
Götz Haydar Aly is a German journalist, historian and social scientist.
After attending the German School of Journalists, Aly studied history and political science in Berlin. As a journalist, he worked for the taz, the Berliner Zeitung and the FAZ. Presently, from 2004 to 2005, he is a visiting professor for interdisciplinary Holocaust research at the Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main.
In "Das Prachtboot - Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten" beschreibt der Historiker Götz Aly anhand eines konkreten Beispiels deutsche Kolonialverbrechen. Götz Alys Urgroßonkel Gottlob Johannes Aly war als Militärgeistlicher Teil kolonialer Unterwerfungen von Südsee-Inselgruppen in den 1880er Jahren. Es entstand die Kolonie "Deutsch-Neuguinea". Eine der Inseln bekam den Namen Aly. Dieser familiengeschichtliche Hintergrund weckte das Interesse des Autors.
Von der Insel Luf stammt das titelgebende Prachtboot, das 1904 nach Deutschland gebracht worden ist und heute im Humboldt Forum ausgestellt ist. Die Zerstörung der Insel Luf und der Raub (gelegentlich Scheinkauf) der kulturellen Schätze wird exemplarisch illustriert. Götz Aly dokumentiert die verbrecherischen Vorgänge und prangert das Vorgehen der Museen in Vergangenheit und Gegenwart an.
Gerade im Verhalten der Museen in der Gegenwart schimmert Alys Wut durch. Er belässt es aber nicht dabei, sondern unterbreitet Vorschläge zu einem aus seiner Sicht angemessenen Vorgehen.
Ein lesenswertes, kompaktes Buch mit einem gut gewähltem Beispiel, welches ein großes Thema fassbar macht.
found this a very well-written fascinating and concise telling of german imperialism! loved the final line about walls coming down (re: berlin); sehr gut!
Dass mit der Nationalstaatsbewegung und dem vom Kaiserreich ausgerufenen Kampf um einen »Platz an der Sonne« die Begründung eines deutschen Kolonialreiches ausging, ist bekannt. Was das bedeutet hatte, nämlich all die Verbrechen, die mit Kolonialismus einhergehen, war und ist bekannt. Davon, dass dies bewusst ist, kann jedoch kaum die Rede sein. Frappierender Weise fehlt dieses Bewusstsein nicht nur allgemein in der Gesellschaft, selbst bei Fachleuten scheint dies kaum ausgeprägt. Anders ist es kaum zu erklären, dass im Humboldt-Forum Artefakte ausgestellt werden sollen, deren Besitzaneignung nur verbrecherisch zu nennen ist. Es ist ein großes Verdienst, dass Götz Aly sein Renommée und seine Bekanntheit nutzt, um hier exemplarisch am sogenannten Luf-Boot aufzuzeigen, wie Raub und Mord, genauer: Völkermord, denn hier wurde ein ganzes Volk ausgelöscht, zur Aneignung dieses beeindruckenden Artefaktes führten. Er entdeckt dabei keineswegs neue, bisher unbekannte Quellen, er schöpft aus offen zugänglichem Wissen. Er stellt sie aber in den Zusammenhang und zeichnet damit die verbrecherische, blutige Spur nach, die bis zum heutigen Tag führt und die ohne Zweifel vorhandenen Veridenste um die Bewahrung indigener Kulturartefakte überlagert. Eine Mühe, die man sich beim Humboldt-Forum nicht machen wollte, indem man kommentarlos mit dem Prachtboot glänzen wollte. Den Machern des Forums diese erneute Verhöhnung nicht durchgehen zu lassen und sie öffentlich und wirksam mit der Geschichte zu konfrontieren, ist das größte Verdienst dieses Buches. Gleichzeitig verfügt Aly über das unter deutschen Historikern seltene Talent, Geschichte erzählen zu können. Damit ermöglicht er es allen, die an dieser Historie interessiert sind (und das sollten wir alle sein), sich über die Anfänge der deutschen Ethnologie und deren unheilvolle Verquickung mit dem deutschen Kolonialstreben zu informieren.
Hatte Aly mit seinen Büchern über die Euthanasie, den Sozialneid als Triebkraft des Antisemitismus und die Parallelen zwischen 68ern und Nazis linke Selbstgewissheiten angegriffen, teilt er mit diesem Buch über die Verleugnung der Kolonialgräuel in die andere Richtung aus.
Die Auseinandersetzung mit den Kolonialgräueln des Deutschen Kaiserreiches fokusierte bisher im Wesentlichen auf "Deutsch-Südwest". Ignoriert wurde, dass auch im deutsch beherrschten Teil Neuguineas ein Schreckensregime herrschte, dass dem in "Südwest" oder dem Freistaat Kongo wohl kaum nachstand. Die Bevölkerung ganzer Inseln wurde massakriert oder zum Zwecke der Plantagenarbeit deportiert. Mit den schiffstechnischen und künstlerischen Meisterleistungen der Papuas bereicherten sich dieselben, die sie ausbeuteten oder physisch auslöschten. Hierauf gehen die beeindrucken Papua-Sammlungen deutscher Völkerkundemuseen zurück, doch die kehren die Herkunft der Objekte bis heute unter den Teppich. Das gilt gerade für das im Humboldt.Forum ausgestellte Prachtboot von Luf. Die Aufarbeitung ist dringend geboten.
Schon mal von der Insel Luf gehört? Sich irgendwann mal gewundert, wieso Meer bei Papua Neuguinea nach Bismarck heißt? Hier kann man lernen, wieso - wieso es für die Bewohner von Luf ein schreckliches Ende nahm - und wie wir heute noch mit diesem Teil unserer Geschichte nicht so recht umgehen wollen ...
Ein phantastisches Stück Weltkulturerbe, kritisch betrachtet - sollte man gelesen haben.
Meticulously researched and documented. Blessedly concise. And a blistering rebuke-not just of colonial era plunderers-but also of current museum administrators who refuse to deal in good faith with the provenance of their prized collections. Fantastic!
Mit diesem Werk widmet sich der durch seine Studien zum Nationalsozialismus bekannte Historiker Götz Aly einem düsteren Kapitel der deutschen Kolonialgeschichte in der Südsee, insbesondere in Deutsch-Neuguinea (1884–1914). Den Anstoß zu diesem Thema verdankt Aly seinem Urgroßonkel, einem Militärgeistlichen, der in den 1880er Jahren die koloniale Unterwerfung religiös legitimierte. Das Buch zeigt, dass viele heute in deutschen Museen ausgestellte Objekte – etwa im Entree des Berliner Humboldt Forums – koloniale Raubkunst sind. Aly beschreibt detailliert das brutale Vorgehen deutscher Händler, Abenteurer und Ethnologen. Am Beispiel der Insel Luf schildert er, wie deutsche Kaufleute 1902 das letzte kunstvoll gefertigte Hochsee-Auslegerboot an sich brachten, nachdem die lokale Bevölkerung durch das Niederbrennen von Hütten und Zerstörung von Booten nahezu ausgelöscht worden war. Detaillierte Analyse des kolonialen Raubes Gestützt auf zeitgenössische Quellen entlarvt Aly die sogenannte „Missionierung“ als systematische Gewalt. Er rekonstruiert „Strafexpeditionen“, bei denen Kriegsschiffe in Regionen entsandt wurden, sobald Einheimische angeblich deutsche Händler angegriffen hatten. Kokospalmen wurden gefällt, Hütten niedergebrannt, Kanus zerschlagen – Maßnahmen, die bewusst massenhaftes Sterben in Kauf nahmen, da sie den Menschen die Lebensgrundlagen entzogen. An Bord befanden sich oft ethnologisch interessierte Männer, die Kunst- und Gebrauchsgegenstände raubten oder gegen wertlose Waren eintauschten. Das Buch zeigt, dass selbst militärische Stellen die Vernichtung der indigenen Bevölkerung nicht als Verlust für das „Schutzgebiet“ betrachteten. Händler und Sammler verschleierten systematischen Diebstahl, Hehlerei und Raubmord hinter Begriffen wie „erwerben“ oder „unter Schutz stellen“. Für das Luf-Boot fanden sich in den Archiven keine belastbaren Kaufdokumente, nur die Aussage eines Kolonialhändlers, es sei „in seine Hände übergegangen“. Aly schließt daraus, dass der überwiegende Teil der zwischen 1880 und 1914 nach Deutschland gelangten Objekte gewaltsam verschleppt wurde. Die ethnologische Sammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erscheint ihm daher als Monument der Schande. Aly schätzt, dass 80 bis 90 Prozent der Bestände deutscher ethnologischer Museen aus der Kolonialzeit stammen. Er fordert eine Umkehr der Beweislast: Deutschland müsse nachweisen, dass Objekte rechtmäßig erworben wurden. Bis zur Klärung der Provenienz und einer möglichen Rückgabe – wie es bereits teilweise bei den Benin-Bronzen an Nigeria geschehen ist – schlägt Aly vor, die Präsentation des Luf-Bootes im Humboldt Forum durch Zitate aus seiner aufklärenden Darstellung zu ergänzen.
Sehr gut recherchiert und den Lesefluss fördernd geschrieben, macht das Buch von Götz Aly auf die traurige und gewalttätige Geschichte der Objekte in deutschen Museen aufmerksam. Bei einem Besuch der angesprochenen Objekte fragt man sich, in großen ruhigen Ausstellungsräumen stehend, in welcher Stille diese Dinge dort präsentiert werden können, obwohl mit ihnen soviel passiert ist. Damit hat Aly ein Buch geschrieben, das nicht nur an Wissen bereichert sondern auch emotionale Ebenen erreicht. Unbedingt lesen!
Eher 4,5 Sterne. Spannendes Thema, sehr gut aufbereitet und unterhaltsam geschrieben. Muss unbedingt mehr von Götz Aly lesen. Einzige Kritikpunkte teilweise etwas redundant und ich hätte mir noch minimal mehr Auseinandersetzung mit seinem Vorfahren gewünscht. Aber grundsätzlich sehr spannend zu erfahren wie die Kolonialherrn damals versucht haben die Herkunft Bzw Art der Beschaffung vieler Kulturschätze zu verschleiern und sich daran bis heute wenig geändert hat.
Fands gut, flüssig zu lesen (nicht so hardcore akademische sprache) und stabile Haltung dahinter (speziell die Kritik an Parzinger und Humboldt Forum war gut). Mochte den Fokus auf den historischen Hintergrund des Luf-Boots, die klare der kolonialen Gewaltherrschaft im heutigen Papua-Neuguinea. Hätte gut gefunden wenn Aly noch die Geschichte seines Vorfahren, der ja Teil von kolonialen Verbrechen war, noch genauer eingeordnet hätte.
Mit großer Sorgfalt gibt Aly einen Einblick in einen Teil deutscher Kolonialverbrechen. Anhand des Luf Bootes zeigt er ein System von Gewalt, Ausbeutung und Vernichtung auf, mit dem deutsche Missionare, Händler und Forscher raubend durch die Welt zogen.
Dieses Buch eröffnet eine Debatte über Kolonialverbrechen, die in Deutschland zu lange verdrängt und verleugnet wurden.
Aly's wutschnaubendes, sauber recherchiertes und sehr gut lesbares J'accuse! stellt extrem unbequeme aber notwendige Fragen, sowohl nach dem Wesen des deutschen Kolonialismus im Kaiserreich als auch nach dem Umfang von Raubkunst in den Beständen der ethnologischen Museen hierzulande.
Wichtiger Beitrag zur Kolonialgeschichte, der sehr nachdenklich macht. Völkerkundemuseen müssen transparenter über die Herkunft und Aneignung fremder Kulturgüter informieren!