"Denn ich glaube, dass Politik mehr sein kann - mehr sein muss - als die Verwaltung der gegebenen Verhältnisse, dass es um mehr gehen muss als um Machterhalt." - Aminata Touré - "Wir können mehr sein: Die Macht der Vielfalt"
Aminata Touré ist eine beeindruckende Persönlichkeit: Geboren 1992 in einem Flüchtlingsheim in Neumünster - als diese gerade überall in Deutschland brannten - wächst sie als Tochter zweier Geflüchteter aus Mali mit ihren drei Schwestern auf. Schon von klein auf bekommt sie Rassismus und Willkür zu spüren, denkt, sie muss sich "anstrengen", um in Deutschland bleiben zu dürfen und beschließt, nachdem sie ihren deutschen Pass erhalten hat, sich nie wieder mit Flucht und Migration auseinander zu setzen - bis sie es dann eben doch tut, und wie! Sie studierte Politikwissenschaften, arbeitete als Referentin für eine Bundestagsabgeordnete, ist seit 2017 Landtagsabgeordnete in Schleswig-Holstein und seit 2019 Vizepräsidentin des Parlaments. Sie ist damit die erste afrodeutsche sowie jüngste Vizepräsidentin eines deutschen Landtages. So eindrucksvoll! Doch Aminata Touré möchte mehr sein als nur klug, eloquent und erfolgreich: Sie möchte vor allem nicht die Einzige sein, nicht immer als glanzvolles Beispiel dafür herhalten müssen, dass man es "eben doch schaffen kann". Mit ihrem Buch ist ihr da ein wirklich guter, empowernder und großer Schritt in die richtige Richtung gelungen.
"Wir können mehr sein: Die Macht der Vielfalt" ist eine Mischung aus Autobiographie und politischem Sachbuch. Einerseits erzählt Aminata Touré viele persönliche Dinge aus ihrer Kindheit und Jugend, lässt uns Lesende an ihren Zweifeln und Träumen teilhaben und spickt ihre Kapitel mit Lyrik und einem sehr, sehr berührenden Text ihrer Mutter. Andererseits berichtet sie aber auch von ihrem Leben und Wirken als grüne Politikerin, gibt sehr nahbare Einblicke in ihre Tätigkeit als Abgeordnete und übt fundiert sowie gekonnt Kritik an der Zurückhaltung junger, diverser (linker) Personen, wenn es um politische Teilhabe geht. Die Autorin motiviert die Leser*innen dazu, sich nach ihren Möglichkeiten politisch zu engagieren, laut zu sein und vor allem nicht zu denken, man wisse zu wenig, um politisch mitwirken zu können. Das in Kombination mit ihrer intersektionalen Perspektive hat diesem Buch einen ganz besonderen und weitreichenden Charakter verliehen.
Ich ziehe meinen Hut vor Aminata Touré, ihrer politischen, antirassistischen sowie feministischen Arbeit, vor ihrem täglichen Einsatz für marginalisierte Personen und diesem wirklich starken Buch. "Wir können mehr sein: Die Macht der Vielfalt" ist ein Must Read für mich!