Ein atemberaubender Roman über Männer und Frauen und eine außergewöhnliche historische Figur, die beides war "Ich betrachte Sie in Ihrem seltsamen Jahrhundert voller Verwunderung. Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit glauben Sie offenbar, Sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein. "
Diese unglaubliche Geschichte von Männern und Frauen, Täuschungen und Intrigen, unwahrscheinlichen Affären, heimlichen Fluchten und dramatischen Triumphen ist die Geschichte des Chevalier d Eon de Beaumont, den es wirklich gab. Er war Diplomat, Soldat, Bibliothekar, Freimaurer, Degenfechter, Schriftsteller und Spion und verbrachte den größten Teil seines turbulenten Lebens als Frau. Bis zu seinem Tod rätselte ganz London, wer die militante Madonna, die in öffentlichen Degenkämpfen alle Männer in die Knie zwang, wirklich war.
Irene Dische is an American writer, born and raised in the Washington Heights district of New York City. She has studied Literature and Anthropology on the Harvard University. She was a freelance journalist (The New Yorker, The Nation). In the early 1980s, Dische moved to Berlin, Germany, and now she devides her time between Berlin and Rhinebeck, New York. A lot of her work is written in English, but often first published in German.
Irene Dische ist eine Amerikanisch, geboren und aufgewachsen in Washington Heights, New York City. Sie hat Literatur und Anthropologie studiert an der Harvard University . Sie war freelance journalistin (The New Yorker, The Nation). In den frühen 1980er Jahren zog sie nach Berlin, Deutschland, und jetzt lebt sie abwechselnd in Berlin und in Rhinebeck, New York. Viele ihrer Werke sind in englischer Sprache verfasst, aber zuerst in deutscher Sprache herausgegeben.
In bzw. zu der aktuellen Genderdebatte gibt es ja durchaus Kontroversen und wer glaubt, der „Streit“ um die Geschlechterrolle wäre eine neumodische Erfindung – nun, den muss Irene Dische mit ihrem Roman „Die militante Madonna“ (erschienen im Hoffmann und Campe Verlag; Übersetzung: Ulrich Blumenbach) enttäuschen.
Denn bereits Chevalier d´Éon (1728 – 1810) hat sich nicht eindeutig einer Rolle als Mann oder Frau zuordnen können bzw. wollen.
Als französischer Diplomat arbeitete er in London und hatte Zugang zur „Upperclass“. Da er sich gerne als Frau verkleidete, wurde von den Spiel- und Wettsüchtigen Engländern ein irres Wettgelage veranstaltet, welchem Geschlecht Chevalier denn nun angehört. Mit zynischer, spitzer Zunge lässt Irene Dische sich in Gestalt des Chevaliers darüber aus, was sie davon hält bzw. denkt – nämlich gar nichts *g*.
Generell ist der Roman aus der Sicht des Chevaliers geschrieben und ab und zu wendet sich der Gute auch direkt an das lesende Publikum; ein Kniff, der mir gut gefallen hat. Damit wird der geneigten Leserschaft ein ordentlicher Spiegel vorgehalten und darf sich bei den Passagen gleich die Frage stellen, wie er bzw. sie mit bestimmten Themen (der Zeit) „umgeht“. Mir hat die Autorin da öfter (nicht nur) ein Grinsen entlockt.
Wir folgen dem Chevalier munter durch die Zeit, erleben ihn als begnadeten Fechter, als Autor, als Mensch mit Herz und Gefühl. Garniert mit Klatsch und Tratsch der französischen und englischen adligen Gesellschaft.
Ein durchaus amüsantes Buch für alle, die mal ein bisschen „Yellow Press“-Literaturluft schnuppern wollen, ohne auch nur ansatzweise das niedere Niveau selbiger zu erreichen.
Definitiv lesenswert, da durchgehend (selbst)ironisch und überzeichnet, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Hat mich immer wieder zum Grinsen gebracht. Abzug für das abrupte und "klärende" Ende - damit geht dem Roman alle gewollte Modernität wieder verloren.
In ihrem neuen Roman unterhält uns Irene Dische mit dem Lebensbild des Chevaliers d’Eon de Beaumont. Seine Lebensdaten (1728 bis 1810) zeigen bereits an, dass die historisch verbürgte Person in Zeiten lebte, in denen sich heftige gesellschaftliche Umbrüche vollzogen. Als einer der wenigen französischen Aristokraten entkam er der Guillotine, die während und nach der französischen Revolution Jagd auf Reichtum und Adel machte, indem er wieder nach London flüchtete, das ihm schon vorher lange Zeit zweite Heimat war. Seine Lebenszentren waren London, Paris und das französische Land. Ein unsteter Charakter.
Das Leben des Chevalier war überaus bewegt. Er liebte es in Frauenkleidern aufzutreten und spielte ein Spiel mit der höheren Gesellschaft, vor allem der britischen, die hohe Wetten darauf abschloss, ob er ein Männlein oder ein Weiblein sei. Niemand wusste es genau außer seiner Mutter, die aber abgeschieden und friedlich und in Schweigen gehüllt fernab in Frankreich saß, während er als Interimsbotschafter des Königs Louis XV in London Hof hielt. In seiner Jugend spionierte er in Frauenkleidern am russischen Hof, als Soldat nahm er am Krieg teil, erlitt zwei Kriegsverletzungen und es ist mindestens eine militärische Heldentat verbürgt.
Der Kommentar: In „Die militante Madonna“ läßt Irene Dische ihre Figur d’Eon von ihrem Leben erzählen. Das war bunt und reich an Erfahrungen. Darunter manchen, die man selber nicht machen möchte. Die Zeiten waren noch irrer als die heutigen. Frankreich und England waren Zentren der Politik und der Kultur. Beides waren Monarchien, eine ist es bis heute. Frankreich jedoch hat sich weiterentwickelt. Damals aber, im 18. Jahrhundert war England weit liberaler als Frankreich. Deshalb lebte es sich dort viel leichter, wenn man ein Mann oder eine Frau des Geistes war, die Meinungs- und Pressefreiheit zu schätzen wussten. Allerdings wurden vor allem hinter den Kulissen Fäden gezogen. In den Intrigen, die gesponnen wurden, konnte man sich leicht verfangen. D’Eon würde lakonisch sagen: „Mal verliert man, mal gewinnt man“.
D’Eon spricht gespreizt. So sprachen die Gelehrten halt. Mit dieser Sprache muss man können. Aber selbst in eine gewisse Gestelztheit der Sprache hinein setzt Irene Dische immer einmal wieder wundervolle Bonmots: „Miteinander zu lachen ist eine Umarmung“. Oder „[Heutzutage] wird die Schminke mit dem Chirurgenmesser aufgetragen“, wenn d’Eon Zwiesprache mit dem Leser hält. Was er manchmal macht. Aber nicht zu oft.
Irene Dische macht deutlich, was für eine Ausnahmeerscheinung ihre Figur zu ihrer Zeit gewesen ist. Blitzgescheit, gelehrt, sich wie ein Chamäleon in unterschiedlichste Lebensbedingungen einfindend, sei es im Soldatenleben, auf dem geschliffenen Parket der Diplomatie, der Hofbälle oder als Finanzberater und Jurist, als Schriftsteller und Ränkeschmied, als Degenfechter oder als schwache Frau. Immer hat d’Eon einen Plan und einen Gedanken im Kopf, der ungewöhnlich ist. Und immer wieder fällt er oder doch sie (??) durch seine Geschicklichkeit und Anpassungsfähigkeit auf die Füße. Historische Sidekicks machen den Roman vollends rund.
Fazit: Ein rundum gelungener historischer Roman, voller Geschick komponiert und sehr gekonnt gerafft, denn Irene Dische schreibt keinen ausufernden Roman über die Französische Revolution, gleichwohl sie vorkommen muss, weil sie in die Lebenszeit des Chevalier fällt. Auch schreibt Dische keinen Roman über Queerness. Wer dies erwartet, ist bei der militanten Madonna falsch. Doch Queerness kommt vor, weil sie ein Teil des Lebens des Chevalier d’Eon de Beaumont gewesen ist. Der sich hiermit mit mir bekannt gemacht hat. Auf allerschönste Art und Weise. Danke, Irene Dische! Besser gehts nicht.
Ich habe das Buch nur fertig gelesen um mit meiner Book Challenge vorwärts zu kommen. Nicht meins, teils problematisch und nicht fortschrittlich, obwohl ich den Eindruck habe, es möchte genau das sein.
Eine wirklich interessante und faszinierende Geschichte. Wie lange sind wir Menschen doch schon verrannt in unsere Geschlechterkategorien… Und wie lange gibt es schon Menschen, denen sie egal sind und die ihre Identität zwischen dem binären System aufbauen!
Man könnte sagen, dies ist ein biografischer Roman, denn es geht darin um Chevalier d’Eon de Beaumont, ein Mann bzw. eine Frau mit vielen Gesichtern, der im 18. Jahrhundert gelebt hat. Ich verwende für ihn das maskuline Substantiv, weil er, historischen Quellen zufolge, männlichen Geschlechts war, auch wenn man sich zu seinen Lebzeiten da nie sicher sein konnte. Er erzählt über sein Leben und seine Erlebnisse. Da geht es um seine Geschäfte und Intrigen und um sein Verhältnis zu anderen Zeitgenossen, beispielsweise zu König Louis XV von Frankreich. So schildert er auch seine Begegnungen mit Pierre de Beaumarchais, wobei laut seinen Worten die Beziehung zu ihm sehr zwiespältig und kompliziert war. Auch die Witwe Cole, bei der er zeitweilig lebte, hat es wirklich gegeben. D‘Eon schildert die Ereignisse kurzweilig. Sein Leben ist turbulent, und genauso erzählt er auch darüber. Aber er bleibt eigentlich immer sehr distanziert und lässt sich nicht wirklich in die Karten schauen. Die Beschreibungen der verschiedenen Charaktere, mit denen er zu tun hat, sind meist eher oberflächlich. Da gibt es beispielsweise seinen Freund Morande und einen Lord X, der seinen Namen nicht genannt haben möchte, und beide spielen eine große Rolle in Eons Leben, aber ich muss gestehen, dass ich aus keiner der genannten Personen wirklich schlau geworden bin. Es geschieht sehr viel in diesem Roman, aber letztendlich dreht sich alles um die Wetten, die auf Eons wahres Geschlecht abgeschlossen wurden. Was mir jedoch am meisten Rätsel aufgegeben hat, ist nicht, ob Eon nun ein Mann, eine Frau oder auch beides gewesen ist, sondern in welcher Form er zu den Lesern des 21. Jahrhunderts spricht. Ich zitiere: „Jetzt, wo ich jahrhundertealt bin und schon vor langer Zeit den endgültigen Sieg über meinen Pierre Caron de Beaumarchais für mich reklamiert habe, in dem ich ihn überlebt und mich unter die wirklich langlebigen Genies wie Voltaire und Franklin eingereiht habe, jetzt wo die Wetten auf mein Geschlecht längst Vergangenheit sind und die Börse in Jonathons Kaffeehaus zu Staub zerfallen ist, jetzt wo sich absolut niemand mehr an mich erinnert, kann ich mich bei Morande für seine Hilfe am Ende meines sterblichen Lebens bedanken.“ Später geht es dann um seinen Tod, über den er ebenfalls eine Bemerkung macht. In welcher Form spricht er zu den Menschen in der Gegenwart, als Geist oder aus dem Grab heraus? Die Sichtweise ist originell wenn auch etwas kompliziert. Ansonsten habe ich auch immer mal wieder Logikfehler in der Geschichte entdeckt, die mich gestört haben. Letztendlich ist es ein kurzweiliger, historischer Roman mit biografischen Zügen, der amüsant zu lesen ist, mich aber nur mittelprächtig beeindrucken konnte.
Erwartet habe ich ein Sachbuch über eine interessante historische Persönlichkeit, bekommen habe ich hingegen eine fiktionalisierte Erzählung aus der 1. Person Singular. Das lese ich eigentlich ungern, weil dann einer verstorbenen Person Worte in den Mund gelegt werden. Der Roman fängt dann auch gleich mal damit an, die zeitgenössische Genderdiskussion niederzumachen. Auf eine differenzierte Verwendung von Pronomen wird hier auch verzichtet. Da frage ich mich doch, ob die Autorin ein echtes Interesse an der Thematik hat oder Chevalier d'Éon einfach skandalös genug fand, um einen Unterhaltungsroman schreiben zu können. Der Roman ist außerdem sehr unorganisert, er setzt mitten im Leben von Chevalier d'Éon an und erzählt dann ein paar Sachen. Es ist also nicht die Lebensgeschichte einer interessanten historischen Persönlichkeit, welche Genderrollen über den Haufen wirft, sondern vielmehr eine Ansammlung von Anekdoten, die selbstverständlich andere Figuren etc. referenziert, was dazu führt dass ich gar nichts geblickt habe.
Ich hatte mit meinem Buchhändler über das Blutbuch geredet, wir fanden es beide ein bisschen schwer zugänglich und ehrlicherweise eher affektiert als emotional - da gab er mir "Die militante Madonna" mit. Man vergisst manchmal in so polarisierenden Zeiten, wie viel simpler es ist, sich Themen durch Leichtigkeit zu nähern. Genau das tut die wilde Geschichte um den, die Chevalier, um Betrug und Politik, Leidenschaft und Spekulation. Was für eine fabelhafte Annäherung an das, wie es sein sollte. Selbstverständlich uneindeutig, fließend, alles mehr eine Eventualität als ein Dogma.
Bei der Hälfte abgebrochen, nach diversen Versuchen. Die Erzählung macht es einem unglaublich schwer, die Motivationen und Konstellationen der Figuren zu verstehen; fast wird vorausgesetzt, dass man die Lebensgeschichte der historischen Vorlage im Detail kennt. Was wohl tongue-in-cheek sein soll, ist letztlich nur anstrengend.
Das Leben des Chevalier d'Éon ruft geradezu danach, literarisch bearbeitet zu werden und es ist erstaunlich, dass dies nicht in breiter Manier geschieht. Daher ist Irene Dische sehr zu danken, diesen großartigen Stoff entdeckt zu haben. D'Éon wechselte als öffentliche Person immer wieder zwischen einer Rolle als Mann und Frau - sei es aus opportunistischen Gründen oder weil sein Auftrag als Agent der französischen Krone es erforderte. Diese Unklarheit über sein »wahres Geschlecht« ist eine tragende Säule des Romans und Geschick, diese Frage auch unklar zu lassen, gehört zu den bewundernswerten Aspekten in Disches Ausgestaltung ihrer Figur.
Irene Dische legt den Roman als Autobiographie an, die noch dazu mit dem Abstand von Jahrhunderten geschrieben wird. Das ermöglicht dem lyrischen Ich, immer wieder aus der Erzählung auszusteigen und die heutigen Leser:innen direkt anzusprechen. Das geschieht immer wieder, besonders genn, wenn in moralischen Fragen die Überlegenheit des 21. Jahrhunderts gegenüber dem 18. Jahrhundert bestritten wird (was, zumindest in den höheren Kreisen, in denen die Romanhandlung nahezu ausschließlich spielt, auch durchaus plausibel ist). Und es ist natürlich auch eine simple Lösung für einige störende Anachronismen (der historische d'Éon hätte beispielsweise wohl niemandes Kleidung und Putz mit einem Weihnachtsbaum verglichen).
Die herrliche Arroganz, die immer dann großartig ist, wenn sie mit Esprit verbunden wird, mit der die Autorin ihren Helden Zeitgenossen und Lesepublikum beurteilen lässt, ist ein echtes Vergnügen und ich bin gerne den vielfältigen Abenteuern des Chevaliers gefolgt. Wagemutige Aktionen, gefolgt von Rückschlägen und immer wieder neuem Lavieren und Ausspielen gegenläufiger Interessen, während er sich selbst für allen überlegen wähnt - verbunden mit einer scharfen Zunge, die vor gewitzten Beleidigungen nicht zurückschreckt: Da ist Irene Dische eine wirklich grandiose Figur gelungen. Nicht unbedingt sympathisch, aber durchaus einnehmend. Seine nur allzu menschliche Vernarrtheit lässt ihn immer wieder offenkundig nicht sehr wohlmeinende »Freunde« besser behandeln als wahre Unterstützer - aber auch dies ist ja gerne eine Kehrseite eigenen Überlegenheitsgefühls.
Die verlagsseitig versprochene »Neuverhandlung des brandaktuellen Themas der Identität« sehe ich hier nicht und hier tut das Marketing dem Buch keinen Gefallen. Denn Dische verhandelt hier nichts, bestenfalls hält sie uns einen Spiegel vor. Einen Spiegel, in dem wir erkennen können, dass wir sooo viel toller als frühere Menschen nun auch wieder nicht sind, wie wir gerne tun. Auf jeden Fall aber gibt es hier einen sprachlich genussvoll zu genießenden, abenteuerlichen historischen Roman zu entdecken.
Und wie bei jedem guten historischen Roman gilt auch hier das Tucholsky-Zitat »Jeder historische Roman vermittelt ein ausgezeichnetes Bild von der Epoche des Verfassers.«
„Ich betrachte Sie in ihrem seltsamen Jahrhundert voller Verwunderung. Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit glauben sie offenbar, sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein. … In meiner Zeit und in meinen Kreisen sprachen wir, wie es uns gefiel, in den obersten Gesellschaftsschichten, am kultiviertesten Hof der Welt kleideten sich die Männer wie Frauen und die Frauen wie Männer, und niemand regte sich über solche Kinkerlitzchen auf.“ (6)
So spricht der Chevalier d’Éon de Beaumont die Leserschaft gleich an den ersten Seiten seiner Erzählung an. In einer theatralischen selbstgefälligen Sprache erzählt er die Geschichte seines turbulenten Lebens in der Zeit vom 1728 bis 1810. Der Chevalier war ein französischer Diplomat, Soldat, Freimauer, Schriftsteller und Degenfechter. Als treuer Diener und Spion des französischen Königs Ludwig XV. verweilt er einige Zeit unter dem Namen Lea de Beaumont am Hof der Zarin Elisabeth von Russland.
Da er genauso gern den Dragoneruniform wie auch weibliche Kleider trägt und sein wahres Geschlecht nicht verraten will, wurden in London, wo er zuerst als Interimsbotschafter weiterhin in Diensten des Ludwig XV. steht, mehrere Wetten mit extrem hohen Einsätzen abgeschlossen. Das Thema seiner Identität überwiegt in dem Roman, genauso wie sie auch sein wahres Leben beeinflusst und zum größten Teil bestimmt hat. Denn die Neugier über sein wahres Ich ist unermesslich und, genauso wie die unaufgelösten Wetten, ruft sie unterschiedliche Reaktionen in der Gesellschaft und dem Freundeskreis auf.
Ausführlich berichtet der Ich-Erzähler d`Eon über das gesellschaftliche Leben in London und Frankreich des 18. Jahrhunderts, über politische Intrigen und Machtspielen, ungewöhnliche Freundschaften, Liebe und Verrat. Bekannte historischen Persönlichkeiten, wie Voltaire oder Benjamin Franklin, durchkreuzen sein Leben, wichtige politische Ereignisse bestimmen es.
„Die militante Madonna“ ist jedoch keine Biografie des ungewöhnlichen Chevaliers. Es ist vielmehr ein Roman, der auf viele Parallele zwischen Damals und Jetzt aufmerksam macht und der heutigen Leserschaft ermöglicht, einen kritischen Blick nicht nur auf das Leben einer ungewöhnlichen, historisch belegten Figur zu werfen. Der Roman animiert uns auch mit einem kritischen Blick die „Kinkerlitzchen“ der heutigen Welt zu betrachten. Denn wir die Autorin in dem Sinne fast zum Schluss schreibt: „es geschieht nichts Neues unter der Sonne“. (165)
Mich hat die Figur des Romans fasziniert; ihr Wissen, ihre Gewandtheit, Kampfgeist und Anpassungsfähigkeit in allen Lebenslagen sind bemerkenswert. Der Roman hat mir viele fesselnde, lehrreiche Lesestunden beschert. Ich kann ihn wärmstens empfehlen!
Der Chevalier d’Eon, der sich auch Lea de Beaumont nannte, ist eine historische verbriefte, Persönlichkeit (1728 bis 1810). Bekannt war er zu seiner Zeit für sein allgemein unbekanntes Geschlecht – die einen kannten ihn als Mann, die anderen als Frau. In „die militante Madonna“ lässt Irene Dische ihn als Ich-Erzähler aus seinem bewegten Leben erzählen. Er spielt gekonnt mit dem Wechsel zwischen den Geschlechtern und lässt sich auf keine Rolle festlegen. In der theatralischen, selbstgefälligen Sprache seiner Zeit berichtet er über das gesellschaftliche Leben in London und Paris, Intrigen, Machtspiele und sein turbulentes Leben als Diplomat, Soldat, Schriftsteller, Spionin und Nonne. Ihm selbst ist es völlig egal, ob er als Männlein oder Weiblein betrachtet wird, doch die Neugier der Gesellschaft über seine wahre Identität führt z.B. dazu, dass die wettbegeisterten Engländer horrende Wetten über sein Geschlecht abschließen.
Der Roman zeigt, dass die Debatte um sexuelle Identität bzw. "Genderfluidität" nichts Neues ist und schon seit Jahrhunderten diskutiert wird. Sehr deutlich wird das auch dadurch, dass sich der Chevalier d’Eon hin und wieder direkt an die heutige Leserschaft wendet: „Ich betrachte Sie in ihrem seltsamen Jahrhundert voller Verwunderung. Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit glauben sie offenbar, sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein. … In meiner Zeit und in meinen Kreisen sprachen wir, wie es uns gefiel, in den obersten Gesellschaftsschichten, am kultiviertesten Hof der Welt kleideten sich die Männer wie Frauen und die Frauen wie Männer, und niemand regte sich über solche Kinkerlitzchen auf.“
Alles in allem hat mir das Buch ein paar unterhaltsame und durchaus amüsante Lesestunden verschafft, ist aber wahrscheinlich kein Roman für das breite Massenpublikum und mit Sicherheit kein unverzichtbarer Beitrag zur aktuellen Genderdiskussion.
Die Geschichte weist einige spannende Punkte auf. Leider konnte ich mich in keinen der handelnden Personen wirklich reinversetzen noch irgendwelche Sympathien entwickeln. Man hätte einiges draus machen können - so musste ich mich leider durchquälen.
REZENSION - Ein Transvestit am französischen Hof Ludwigs XV. sowie seines Nachfolgers und Enkels Ludwig XVI., ein Dragoner-Hauptmann in Frauenkleidern, erzählt uns in Irene Disches neuem Roman „Die militante Madonna“ seine sensationelle Lebensgeschichte – mehr als zwei Jahrhunderte nach seinem Tod. Mit diesem literarischen Kniff mischt sich die österreichisch-amerikanische Schriftstellerin scheinbar amüsiert in die aktuelle, als besonders aufgeklärt und tolerant erscheinende, gelegentlich auch hysterisch-übertrieben wirkende Gender-Debatte unserer Generation ein. Mit ihrer im Oktober beim Hoffmann & Campe Verlag veröffentlichten Romanbiografie über das wechselhafte Leben des Chevaliers Carles d’Eon de Beaumont (1728-1810) zeigt sie uns, dass diese Debatte um sexuelle Identität schon uralt ist und bereits vor Jahrhunderten teils intrigant und verbissen diskutiert wurde, andererseits Männer in Frauenkleidern und Frauen in Männerkleidung doch nichts Neues waren. „Zweihundertfünfzig Jahre nach meiner Zeit glauben Sie offenbar“, spricht uns der Erzähler direkt an, „Sie hätten die Wahlfreiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein. …. Die Sünde wurde aus Ihrem Wortschatz gestrichen, aber die Verdammung des Wortverbrechens ist geblieben.“ Zumindest ansatzweise auf seinen 1836 erstveröffentlichten und 1998 als Reprint erschienenen „Mémoires du chevalier d’Éon“ basierend, lässt die Autorin in ihrer keineswegs historisch korrekten Romanbiografie ihren Helden seine abenteuerliche Geschichte erzählen, die in seiner Rolle als männlicher Kaufmann bis zum Waffenhandel mit den amerikanischen Revolutionären unter George Washington und als „militante Madonna“ zur Aufstellung einer Amazonen-Brigade reicht, eine „schlagkräftige Truppe von achtzig Frauen, die fünf verschiedene Sprachen sprachen“, um als Frau mit Frauen in Amerika für Freiheit und Gleichheit zu kämpfen. Der Chevalier d’Eon de Beaumont war ein dem französischen König direkt unterstellter Gesandter, kämpfte als Mann im Siebenjährigen Krieg als Dragoner, spionierte als „schöne, geistreiche Frau mit kecken Brüsten, strahlend blauen Augen und blonden Locken“ am russischen Zarenhof und war bekannt für seine Fechtkunst mit dem Degen, ganz gleich ob als Mann oder Frau: „Auch in meinen Dreißigern, als ich noch gertenschlank und bildhübsch wie eine junge Frau war, konnte ich fechten, fluchen und rauchen wie ein widerlicher alter Mann.“ Bis zu seinem Tod wurden an der Londoner Börse Wetten über sein wahres Geschlecht abgeschlossen, die zu seinen Lebzeiten nie eingelöst wurden. Erst bei der Totenschau stellte man fest, dass d'Eon „nackt ein Mann war, ein normaler Mann, mein Geschlecht vom Alter verschrumpelt, aber nicht vom mangelnden Gebrauch, denn es hatte mir in meiner zweiten Lebenshälfte viel Lust bereitet“. So ging Charles d'Eon als erster berühmt gewordener Transvestit in die Geschichte ein, weshalb auch der „Eonismus“ in den Fachbüchern früher Sexualwissenschaftler als Terminus für den Transvestitismus stand. In Disches Roman erkennt der Chevalier seine Zweigeschlechtlichkeit trotz mancher Intrige und gesellschaftlichen Drucks als „großzügiges Gottesgeschenk“ an: „Ich war nie auf die Idee gekommen, das eine Geschlecht zugunsten des anderen aufgeben zu müssen.“ Einerseits ist Disches aktuelles Buch ein locker geschriebener und deshalb gut lesbarer, auch unterhaltender historischer Roman über eine überaus interessante und schillernde Persönlichkeit des ausgehenden 18. Jahrhunderts, deren schwieriges Schicksal uns heute kaum bekannt ist. Doch fehlen in Disches Roman die geschichtlichen Hintergrundinformationen, die zum besseren Verständnis der politischen und gesellschaftlichen Situation jener Zeit nötig sind und in einem erklärenden Anhang sinnvoll gewesen wären. Hierzu ist deshalb ergänzende Lektüre unbedingt empfehlenswert. Auch verliert der Roman durch die „Wiederauferstehung“ des Chevaliers als Ich-Erzähler mehr als 200 Jahre nach seinem Tod und dessen persönliche Einmischung in die aktuelle Gender-Debatte an Glaubwürdigkeit. Irene Dische zieht damit sogar die Ernsthaftigkeit der Thematik ins Lächerliche und neigt zur Überheblichkeit, wenn sie ihren Chevalier mit „erigiertem Zeigefinger“ sagen lässt: "Damit habe ich hier die älteste Geschichte der Welt in einer ihrer unzähligen Varianten nacherzählt, um Sie daran zu erinnern, nicht so arrogant zu glauben, Sie hätten die Freiheit erfunden, ein Mann oder eine Frau zu sein."
Viele unserer heutigen Stars und Sternchen würden neben Chevalier d'Éon, einem Adligen aus dem 18. Jahrhundert, regelrecht blass aussehen. Er war Botschafter Frankreichs in England, Agent, Soldat, ein Hochstapler, Büchernarr, Freimaurer und genoss es, immer wieder als Frau zu leben.
"Die Natur hat mir das großzügigste Geschenk gemacht, äußerlich beiden Geschlechtern anzugehören. Hierher rührte die öffentliche Verwirrung. Ich war mit einer Stimme gesegnet, die für einen Mann als sehr hoch und für eine Frau als sehr tief galt. Ich war groß für eine Frau und klein für einen Mann. Hatte schöne Knöchel, sowohl für einen Mann als auch für eine Frau. Meine Uniform betonte meine Stärke und Beweglichkeit, ein Ballkleid hob meine Anmut hervor, und mein Alter spielte keine Rolle. Ich war nie auch nur auf die Idee gekommen, das eine Geschlecht zugunsten des anderen aufgeben zu müssen."
Die Gesellschaft akzeptierte das mit nicht mehr Geraune als heutzutage, doch immer wieder kam es durch Wetten mit ausufernden Einsätzen darüber, welches Geschlecht der Chevalier habe, zu Eklats. Seine Freunde, der Klatschjournalist Morande sowie der Dramatiker Beaumarchais versuchten dadurch an Geld zu kommen und fädelten eine Reihe Intrigen ein.
Es ist eine illustre Lebensspanne, die Irene Dische durch den Chevalier selbst erzählen lässt, der sich direkt an sein lesendes Publikum wendet. Es wird gelogen, betrogen, intrigiert und geschmeichelt, wobei die Hauptfigur sich noch zurückhält. Doch wie seine Freunde vorgehen, nur auf den eigenen Vorteil bedacht und ohne Rücksicht auf Verluste, lässt mich nur den Kopf schütteln. Was findet er an diesen entsetzlichen Menschen, dass er ihnen über Jahre hinweg die Treue hält?
So wenig man eine Antwort auf diese Frage erhält, so wenig erfährt man über die tieferen Beweggründe der einzelnen Figuren. Die Charaktere wirken blass, die einzelnen Personen bleiben nicht im Gedächtnis. In erster Linie ist es ein unterhaltsames Panoptikum, in dessen Zentrum der Chevalier d'Éon steht; ein Buch mit Klatsch- und Tratschgeschichten aus dem 18. Jahrhundert. Heutzutage liest man so etwas in der GALA ;-)
Irene Dische ist immer für eine gute Geschichte gut, mit viel Humor und Temperment werden die Geschichten erzählt. Und die Geschichte von Chevalier d'Éon hat ja einiges zu bieten, der Mann der immer mal wieder als Frau lebte, ein Spion des Königs war und wohl ein fleissiger Intrigant. Und hier erhält man die ganzen Intrigenreihe aus erster Hand, da Disch Chevalier d'Éon selbst erzählen lässt. Wer Spass am Ränkeschmieden hat, sich in der Zeit des militanten Madonna wohlfühlt wird hier auf seine Kosten kommen und sich amüsieren. Mir hat das keinen Spass gemacht, wer man mit wem zu welchem Zeitpunkt wann und gleichzeitig und irgendwie, Beleidigungen Possen etc. nicht mein Metier. Ich hätte gerne mehr über die Persönlichkeit erfahren und nicht die Klatschspalten vergangener Tage gelesen