Jens Mühling beginnt seine Reise im westlichen Teil der Ukraine. Er reist über Lwiw in die Karpaten, von dort ins berühmte Tscherniwzi (Czernowitz), wo er einen der wenigen verbliebenen jüdischen Intellektuellen besucht. In Kalyniwka gibt es ein wundersames Kreuz, dessen Geschichte er erzählt. Und er setzt die Suche nach religiösen Spuren in Uman fort, wo er sich einem riesigen Pilgerzug von Chassiden aus aller Welt anschließt, die zu Rabbi Nachmans Grab pilgern. Er reist dann nach Kiew, wo er mit Freunden den Park und das Anwesen des vertriebenen korrupten Präsidenten Janukowytsch besichtigt. In der Nähe von Odessas macht er sich auf die Suchen nach den Deutschstämmigen und findet auch welche. Von Odessa aus wagt er den Grenzübertritt auf die besetzte Krim. Er beleuchtet das Drama um einen verliehenen Skythenschatz, den nun sowohl die Ukraine als auch Russland von den Niederländern zurückfordern. Von der Krim aus fährt nach Saporischja, wo einst das Zentrum des ukrainischen Kosakenhetmanats war und dann ins Kriegsgebiet des Donbass, wo er seine Reise abschließt.
Mühling beschreibt das Bild einer zutiefst unzufriedenen Nation, die um ihre Identität ringt, dabei aber auch nach Schuldigen für ihr Unzufriedenheit sucht. Vor allem fällt der starke Antisemitismus auf, dem der Autor auf seiner Reise immer wieder begegnet und die Bereitwilligkeit, mit der selbst gebildete Menschen der absurdesten Propaganda Glauben schenken.
Häufig und in den unterschiedlichsten Zusammenhängen taucht in Gesprächen die resignative Erkenntnis auf, dass die vernünftigen, gebildeten Menschen entweder irgendwann im Lauf der letzten 100 Jahre ermordet oder deportiert worden sind oder freiwillig das Land verlassen haben.
Kein optimistisches Buch, aber eines, das vor der Realität nicht die Augen verschließt, indem es viele Perspektiven zulässt. Und so finde ich auch, dass die letzten Kapitel, in denen der Autor von seinem Besuch im Separatistengebiet und den Frontgebieten berichtet, die stärksten sind, wenn er Separatisten, einen Invaliden und einen Lebensmittelhändler über die aktuelle Situation zu Wort kommen lässt.
Trotzdem bin ich mit dem Bericht nicht richtig warm geworden. Der Stil war für einen Reisebericht sehr trocken, mir haben an einigen Stellen Details gefehlt, um mir Landschaften, Städte und Menschen richtig vorstellen zu können. Dafür hätte ich gerne auf die etwas bemühten Pointen am Ende mancher Kapitel verzichtet.
Auch die Schwerpunkte, die der Autor gesetzt hat, haben mich etwas enttäuscht. Erlebnisberichte aus der Sowjetzeit dominieren den ersten Teil so stark, dass ich häufig ungeduldig zur aktuellen Situation der Menschen zurückkommen wollte. Statt Anekdoten über Wunderkreuze und -rabbis wäre mir eine kurze Erklärung darüber, woran die Ukrainer heute glauben, wie wichtig ihnen die Kirche ist, was die ukrainische Orthodoxie ausmacht, viel lieber gewesen. Mehr Alltags-, mehr Gegenwartserfahrungen hätten den Bericht für mich noch interessanter gemacht.