Die Natur rächt sich – Erdbeben, Vulkane, Zerstörung. Ein Teil der Menschheit flieht in den Weltraum. Auch Henry besteigt ein Raumschiff. Doch als er aus dem Kryoschlaf wieder erwacht, muss er feststellen, dass er sich immer noch auf der Erde befindet. Die Welt ist beängstigend geworden, kalt und feindlich. Und auch die Menschen haben sich verändert. Henry stolpert über die Relikte der Vergangenheit, dunkle Mythen und den Stoff, der diese neue Erde zusammenhält. Wird Henry sich ebenfalls verändern oder verändert das Eis ihn?
Verdammt gutes Buch. So gut, dass ich die letzten 140 Seiten bis 02:00 gelesen habe, weil ich nicht aufhören wollte, was erstaunlich ist, weil Sci-Fi eigentlich nicht mein Genre ist. Aber: „Eisschmelze“ ist eine gelungene Verbindung aus Sci-Fi und Fantasy, und ursprünglich habe ich den Roman geholt, weil mich der Schreibstil des Autors bei einer seiner Kurzgeschichten so gefesselt hat. Der hat mich auch jetzt wieder nicht enttäuscht.
Worum geht es? Um Henry, der eigentlich aus einem von Umweltkatastrophen und anderen schlimmen, menschenverursachten Dingen aus Berlin in einem Spaceshuttle in den Weltall fliehen will und stattdessen hunderte Jahre später aus dem Kryoschlaf aufwacht, um festzustellen, dass er die Erde nie verlassen hat. Um Arnia, die Henry bald kennen und lieben lernt und mehr kann, als viele um sie herum. Um die Blaue Gnade, die Dunkle Bitterkeit und Politik in einer Welt, die vom Eis geprägt ist.
Es geht wirklich sehr viel um Politik, ich habe das nicht erwartet. Genau wie ich nicht erwartet habe, dass die Blaue Gnade und die Dunkle Bitterkeit (basically zwei Kehrseiten einer Medaille, und diese Medaille ist sowas wie denkender Schleim mit Einfluss auf Leute …. Es ist cooler als ich das hier um 02:00 zusammenfassen kann, Okay?) so eine große Rolle spielen werden. Aber das war cool, spannend, abwechslungsreich, aufregend. Alle sind ein bisschen oder sehr große Arschlöcher, manche haben dabei halt ein Herz aus Gold und manche nicht. Das mochte ich wirklich sehr. Generell sind die Figuren alle sehr individuell und dreidimensional gezeichnet, und ihre Verflechtungen miteinander sind sehr spannend.
Vier Sterne sind es deswegen, weil es mir persönlich teilweise ein bisschen zu heftig war und ich auch die Vergewaltigungsszene, so vage und ungrafisch sie war, unnötig fand. Für alle mal ein paar Content Notes: Blut, Gore, Body Horror, Verstümmelung, Tentakel (Well….tentakelähnliche Dinger, aber nur am Rand), Vergewaltigung in Kapitel 47, Tod (mehrere Charaktere sterben), Schleim. Das ist sicher keine vollständige Liste, aber vielleicht Anhaltspunkte für die ein oder andere Person. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, findet glaube ich trotzdem sehr viel Aufregendes in diesem Roman.
Als Henry in seiner Schlafkammer im Raumschiff wieder zu sich kommt, ist nichts so, wie es geplant war: er wollte die Erde verlassen um vor den Folgen einer (nicht im Detail vorkommenden atomaren) Katastrophe zu fliehen. Stattdessen ist er immer noch auf der Erde, einer eisigen, stark veränderten Erde, und muss feststellen, dass das Raumschiff nie gestartet ist und er der einzige Überlebende des Schiffes.
Das heißt jedoch nicht, dass er allein auf der Erde wäre - das habe ich nach Leseprobe und Klappentext irgendwie so erwartet. Stattdessen trifft er recht schnell auf die Menschheit in der Zukunft. Einer harrschen, sehr lebensfeindlichen Zukunft, in der die Menschheit den Strom anbetet, aber kaum noch zur Verfügung hat, in der die Welt unglaublich geschrumpft ist und Augsburg von Gießen unvorstellbar weit weg ist für die Menschen. In dieser fernen, fremden Zukunft muss Henry sein Überleben navigieren und herausfinden, was er vom Leben will, hier, wo alles sich verändert hat.
Das Setting ist ziemlich gut ausgestaltet. Wie die Zukunft aussieht und wie Henry sich dadurch navigiert, welche zwischenmenschlichen Beziehungen er knüpft, liegt im Mittelpunkt des Romans. Weder die Katastrophe noch was eigentlich aus den anderen Raumschiffen geworden ist, werden richtig behandelt, was ich insgeheim ein bisschen erhofft hatte. Stattdessen hat das Ganze einen ganz anderen Vibe, ein bisschen Tribes of Europa, ein bisschen Vikings, ein bisschen Reisen in die Vergangenheit, wenn alte Technik in der neuen Welt auftaucht. Nicht nur aus Henrys Sicht wird erzählt, sondern auch ein paar Menschen aus der Zukunft haben POV-Abschnitte/Kapitel, was sehr interessante Einblicke in ihre Denkweise gibt. Die Ideen fand ich ziemlich innovativ und das Buch sehr spannend. Henry als Charakter war sehr eigenwillig, nicht unbedingt immer sympathisch. Das einzige, was ich zu spröde fand, war die romantische Beziehung, die eingeflochten war. Hier hätte ich gut und gerne auf einige Beschreibungen ganz verzichten können.
Kleine Contentwarnung (nicht nur fürs Buch, auch fürs Review und zugleich Spoiler): Vergewaltigung
Ich habe mich entschieden, das Buch abzubrechen. Nachdem ich in anderen Rezensionen noch eine Warnung für Kapitel 47 gelesen habe, bin ich nicht richtig motiviert, weiterzulesen. Ich bin eh nicht reingekommen :(
Nicht mein Geschmack. Zu viele Ideen, zu viel wird nur angedeutet oder übersprungen. Ich will nicht sagen, dass das Buch objektiv schlecht ist. Es ist einfach nichts für mich. Ich hätte es besser gefunden, wenn ein Autor mit mehr Erfahrung die Geschichte über mehrere Bücher erzählt hätte. Dann wäre mehr Platz für Feinheiten gewesen.
Habe das Buch nach knapp 100 Seiten geschlossen und habe keine Absicht, es zu beenden.