Ok, dieses Buch war anders als meine bisherige Lektüre zum Thema Rassismus. Dies liegt zum Einen daran, dass Autor Hamed Abdel-Samad Rassismus viel breiter definiert, als Tupoka Ogette in ihrem Buch "Exit Racism" oder Alice Hasters in "Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten". Beide Bücher kann ich übrigens wärmstens empfehlen! Die beiden Autorinnen verstehen unter Rassismus die Diskrimminierung aufgrund von Hautfarbe, die von weißen Menschen an schwarzen Menschen begangen wird. Denn Rassismus kann ihrer Auffassung nach nur aufgrund von institutioneller und struktureller Macht entstehen.
In "Schlacht der Identitäten" zieht der Autor die Definition der Europäischen Kommission gegen Rassismus und Intoleranz als Grundlage heran laut der Rassismus unter anderem auch aufgrund von Religion entsteht. Deshalb liegt sein Fokus auch vor allem auf dem Islam. Seine Hauptbotschaft ist, dass jeder Mensch zu Rassismus fähig ist, also auch schwarze Menschen gegenüber weißen Menschen, Muslime gegenüber Christen Vorurteile haben können: "Deshalb ist es nicht nur falsch, sondern auch gefährlich, den Rassismus als ein Privileg des weißen Mannes zu betrachten. Ebenso falsch ist es, die Definition von Rassismus dahingehend zu verändern, dass es sich dabei nicht länger um eine individuelle Erfahrung handelt, in der ein Mensch Opfer und ein anderer Mensch Täter ist, sondern einer ganzen Ethnie oder Gruppe die Rolle der Täter bzw. Opfer zugeschrieben wird. Solche pauschalen Zuweisungen sind die Ur-Wurzeln von Rassismus, denn sie kategorisieren und verstellen den Blick auf das Indivuum." (S. 83)
Hier würden nun einige Autoren vehement widersprechen, da dabei nicht immer Machtstrukturen zugrunde liegen. Und ich verstehe ihre Argumente durchaus. Aber: Der Ansatz von Abdel-Samad ist so viel symphatischer und menschlicher! Er spaltet die Menschen nicht in Opfer (Schwarze) und Täter (Weiße), sondern regt zur Selbstreflexion an und ruft zur Versöhnung auf. Denn die überwiegende Mehrheit der Menschen steht für Frieden und setzt sich gegen Rassismus ein. Zugleich gibt er damit Menschen, die Opfer von Rassismus geworden sind, eine Handlungsmacht und zeigt Wege auf mit Diskriminierungen umzugehen.
Damit möchte er keineswegs Rassismus relativieren, da er selber viel zu oft Opfer davon geworden ist. Aber er gibt auch offen zu selbst rassistisch gedacht zu haben, weil sich niemand von uns frei davon machen kann. Er spricht das aus, was ich mir in aktuellen Debatten oft gedacht habe ohne mich zu trauen es laut auszusprechen: "Doch oft bedienen sich Antirassisten leider der gleichen Mittel wie die Rassisten selbst. Sie polarisieren, indem sie die Gesellschaft in Gut und Böse einteilen. Sie überhöhen die eine Gruppe und verachten die andere, sie Grenzen Andersdenkende aus und sind im Namen der Toleranz vor allem eines: intolerant." (S. 69)
Obwohl ich seine Argumente zutiefst nachvollziehen kann, sind sie mir auf knapp 140 Seiten zu verkürzt dargestellt, wodurch es einfach an Tiefe mangelt. Außerdem sehe ich die Gefahr in "All Lives Matter" abzugleiten, womit dann niemandem mehr geholfen ist. Hier wäre es sicher sinnvoll gewesen diese breite Definition von Rassismus einzugrenzen und nur eine Gruppe zu betrachten wie die Muslime in Deutschland. Auch finde ich, dass er viel zu oft von sich auf andere schließt. Nur weil er sich von der Frage "Woher kommst du ursprünglich?" nicht angegriffen fühlt, muss das doch nicht für jeden Menschen gelten. Hier vergisst er für meinen Geschmack zu oft, dass jemand der in Deutschland geboren wurde, durchaus ein Problem mit dieser Frage haben kann, wenn sie ihm täglich gestellt wird. Aufgrund dieser Kritikpunkte gibt's drei Sterne und Applaus für seine Bemühungen Frieden zwischen den ganzen Gruppen zu stiften!