Zugegebenermaßen bin ich kein Mensch, der gerne Literatur liest. Sachbücher und politische Werke sind eher mein Fall. Daher erwartete ich in dem Buch eine sachliche Auseinandersetzung mit der sogenannten Frauenliteratur. Schon zu Beginn erklärt die Autorin, warum auf dem Cover das Wort Frauen durchgestrichen ist – weil es keine „Frauenliteratur“ gibt. Es gibt Literatur, die von Frauen geschrieben wird, so wie es Literatur gibt, die von Männern geschrieben wird. die Bezeichnung Frauen Literatur funktioniert laut Autoren ähnlich wie die Unterscheidung zwischen Fußball und Frauenfußball. Man kann von mir aus behaupten, dass der Männerfußball qualitativ hochwertiger ist, weil er aggressiver, schneller und stärker ist. Aber was ist eigentlich die Begründung für die Bezeichnung Frauenliteratur?
Die Autorin erkennt zurecht, dass die Markierung von allem, was aus der Feder einer Frau stammt, als etwas Eigenes, Nebensächliches, fast Nischenhaftes, das nicht egalitär die große Bühne einnehmen darf.
Ein paar Zahlen aus dem Buch halfen mir, das Ganze einzuordnen:
„ [Eine Studie] die im Monat März 2018 über 2.000 Rezensionen aus 69 deutschen Medien (Print, Hörfunk und TV) sozialwissenschaftlich auswertete […] kam zu dem Ergebnis, dass Bücher von Männern doppelt so häufig besprochen werden wie Bücher von Frauen – und nicht nur häufiger, sie bekommen auch mehr Raum. Eine besonders aufschlussreiche Zahl: Männliche Rezensenten besprechen zu drei Vierteln Bücher von Männern und nur zu einem Viertel Bücher von Frauen. Die Rezensentinnen dagegen besprechen in ausgewogenem Maße Bücher von Männern und Frauen. Auch hier zeigt sich also: Was Frauen schreiben, scheint speziell an Frauen gerichtet zu sein, was Männer schreiben, rezipieren dagegen alle. Die Studie attestiert dem Literaturbetrieb ›ein strukturell nachweisbares, geschlechterbezogenes Bias, eine Voreingenommenheit‹. Das deckt sich mit den Ergebnissen anderer europäischer und internationaler Studien zu Geschlechterverhältnissen im Medienbetrieb.“
Die Autorin gewährt außerdem Einblicke in die Arbeitswelt der kreativen Klasse generell und der Autorinnen und Autoren im Speziellen. Sie zeigt, wie dort soziale Kontakte, Empfehlungen und die Aufnahme in sogenannte Kanons über Erfolg und Sichtbarkeit entscheiden. Dabei kann es schnell passieren, dass eine Autorin übersehen oder sogar unsichtbar gemacht wird, was einem Mann deutlich seltener passieren kann.
Anhand vieler historischer und aktueller Beispiele zeigt sie, wie zahlreiche geniale Werke nicht die Aufmerksamkeit bekamen, die ihre männlichen Mitstreiter erhielten. Der Untertitel des Buches lautet abgewertet, vergessen und wiederentdeckt – verweist auf die historische Entwicklung in den Industrieländern. Denn viele weibliche Werke, die es nun mal gab – wenn auch seltener – haben nie die Aufmerksamkeit ihrer Zeitgenossen erhalten und wurden dementsprechend vergessen. Wobei die Autorin den Begriff vergessen für unpassend hält, da Vergessen etwas Passives sei, während sie argumentiert, dass diese Werke bewusst ignoriert wurden.
Denn die weibliche Perspektive hielt der Gesellschaft schon immer einen Spiegel vor. Frauen gaben sich selbst eine Stimme – und das war oft schon verstörend für eine Gesellschaft, die genau das nicht wollte. Besonders eindrucksvoll schildert die Autoren das Beispiel von Charlotte Perkins Gilmann, deren Arzt einst das Denken und Schreiben verbot, um ihre angebliche Hyterie zu heilen sie sollte nicht mehr sich mit großen Themen beschäftigen sondern nur mit Haushalten und Alltag. Gilmann verarbeitete diese Erfahrung später in ihrem berühmten Werk „The Yellow Paper“ (die gelbe Tapete), das zu ein Klassiker der Weltliteratur wurde.
Der Untertitel wiederentdeckt betont aber auch, dass wir heute in einer Zeit leben, in der Frauen selbstbewusster denn je auftreten, Konventionen brechen, laut sind und den Status quo verändern wollen. Die Autorin zeigt zum Beispiel, dass im Jahr 2021 mehr als ein Drittel der Rezensionen in deutschen Kulturressorts großer Zeitungen Werke von Autorinnen behandeln. Auch gingen in diesem Jahr viele Buchpreise an Autorinnen.
Schwierig war das Buch für mich als literarisch nicht interessierten Laien, weil viele Anekdoten und Referenzen auf mir unbekannte Autorennen verwiesen. Ich habe die Erwartung gehabt, dass man nüchterner, sachlicher und analytischer das Thema angegangen ist, was nicht gänzlich erfolgt ist. Das bedeutet keineswegs dass ich das Buch nicht Genuss da ich viele Einblicke gewann, vor allem durch die Erfahrungsberichte und Beispiele mit den ich normalerweise weniger beschäftigen würde
Was mich an manchen Stellen gestört hat, waren klassische linksliberale Narrative – etwa die Behauptung, der Markt sei übersättigt von männlichen, weißen, heterosexuellen Perspektiven, und man brauche nun weibliche, schwarze, homosexuelle Perspektiven. Oder die Behauptung der Markt sei von Männern übersättigt, man müsse nur zwei Bücher lesen, und alles Weitere wiederhole sich. Diese Aussage sehe ich kritisch, auch als Laie. Ich erinnere mich an meinen Deutschunterricht in der Oberstufe, wo meine Lehrerin immer sagte, dass in jedem Werk nicht der Autor selbst spricht, sondern das lyrische Ich. Die Gleichsetzung von Werk und Autor geht für mich am Kern von Literatur vorbei.
Ja, persönliche Einflüsse und Erfahrungen spielen eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Und natürlich können Frauen Perspektiven einbringen, über die viele Männer gar nicht nachdenken. Aber dieses Spiel kann man ewig weitertreiben: Ein Postbote kann Perspektiven einbringen, die ein Autor aus Berlin-Charlottenburg nie sieht. Ein attraktiver Mann kann Perspektiven haben, die ein weniger attraktiver Mann nicht hat. Diese binäre Einteilung – als gäbe es nur einen Faktor, der eine Perspektive bestimmt – finde ich schwierig.
Es gibt viele Gründe, warum wir mehr Frauen in der Literatur brauchen. Aber die einfache Erzählung, dass Männer nichts Neues mehr zu sagen hätten, halte ich für zu simpel. Als zugespitztes Argument in einer Diskussion kann das funktionieren, um ein Problem zu verdeutlichen. In einem Buch erwarte ich aber differenziertere und präzisere Formulierungen.
Sehr schön fand ich dagegen eine Stelle, in der die Autorin erklärt, dass sie bewusst keine männlichen Autoren mehr liest, sondern gezielt nur noch Werke von Frauen: „Es ist nicht so, dass ich mich gegen Männer entscheide, sondern dass ich mich bewusst für Frauen entscheide.“ Diese Formulierung fand ich sehr schön und präzise. Davon hätte ich mir mehr gewünscht.
An anderen Stellen wiederum benutzt die Autorin Rezensionen von männlichen Kritikern über weibliche Werke, um zu zeigen, dass viele Männer dazu neigen, Bücher von Frauen abzuwerten – nur, weil sie von Frauen stammen. Dennoch bleibt dieser Vorwurf oft unbegründet. Bis auf die teilweise harsche Sprache der Rezensenten liefert sie keine eindeutigen Belege dafür, dass die Kritik per se sexistisch sei. Nicht, dass Sexismus keine Rolle spielt – aber mit so großen Begriffen wie Sexismus, Rassismus oder Homophobie sollte man vorsichtig umgehen. Wenn man sie zu oft ohne klare Begründung benutzt, droht ihre Bedeutung verloren zu gehen.
Im Großen und Ganzen ist das Buch sehr interessant. Es hat mir, trotz meiner geringen Vorkenntnisse, die Augen geöffnet für Machtstrukturen in der kreativen Szene und die Herausforderungen, denen weibliche Autorinnen damals wie heute begegnen. Dennoch hätte ich mir mehr Abstraktion statt anekdotischer Beispiele und etwas mehr Hintergrundwissen gewünscht, das mir geholfen hätte, die Lage von Autorinnen besser einzuordnen. Der Fokus lag vor allem auf Deutschland, England und den USA – interessant wäre für mich auch, wie die Akzeptanz für Frauen als kreative Köpfe weltweit aussieht.
Ein guter Einstieg in das Thema – drei von fünf Sternen.