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Vertraute Welt

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Der große Roman von Koreas berühmtestem Autor über den Luxus unserer Zeit und den Preis, den die Gesellschaft dafür zahlt

Am Rand der südkoreanischen Metropole Seoul liegt die »Blumeninsel«, eine gigantische Müllhalde, Lebensgrundlage und Wohnstätte einer Kolonie von Habenichtsen und Ausgestoßenen, die dort ihre Claims abgesteckt haben. Unentwegt durchkämmen sie den frischen Abfall der boomenden Stadt nach Verwertbarem. Hier landet der Held des Romans, der 13-jährige »Glupschaug«, zusammen mit seiner Mutter, nachdem sein Vater von der Regierung in ein »Umerziehungslager« gesteckt wurde. Es ist kein tiefer Fall, denn sie kommen aus den wuchernden Slums der Mega-City, wo seine Mutter Straßenhändlerin ist. Glupschaug hat die Schule abgebrochen und geht seiner Mutter zur Hand, für die sich ein in der Hackordnung weit oben stehender Müllhaldenbewohner interessiert. Dieser »Baron« ist dem Helden unsympathisch, eine verhasste Stiefvaterfigur. Mit »Glatzfleck«, dem Sohn des Barons, freundet sich Glupschaug jedoch an und lernt von ihm alles, was man für das Leben hier wissen muss. Auf einem ihrer Abenteuerzüge rund um die Mülldeponie begegnen sie einem geheimnisvollen Mädchen, das sich selbst »Herrn Kims Tochter« nennt.

Vertraute Welt ist eine Kritik an der modernen Wegwerfgesellschaft. Der Roman führt uns zu den Randgruppen von Seoul, der glitzernden Hauptstadt und Metropole Südkoreas, die für das »Wunder am Han-Fluss« steht, und er zeigt, was hinter dem raschen wirtschaftlichen Aufstieg des Landes steckt, das Menschen ebenso aussondert wie Müll.

208 pages, Hardcover

Published July 1, 2021

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Hwang Sok–Yong

1 book1 follower

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Displaying 1 - 14 of 14 reviews
Profile Image for Jin.
848 reviews148 followers
July 22, 2021
Eine schöne, zarte Coming-of-Age Geschichte über einen koreanischen Jungen, genannt Glubschaug, und seine Mutter, die versuchen auf der "Blumeninsel" eine Existenz aufzubauen. Aus den Augen des Jungen wird die Welt der Außenseiter erzählt, die Müll sortieren um zu überleben. Es war eine erfrischende und ehrliche Geschichte von Korea zur damaligen Zeit. Die Kultur wird sehr lebhaft dargestellt ohne zu verschönern. Was mir besonders gefallen hat, waren all die Charaktere, die so warmherzig und menschlich waren. Die Erzählweise war natürlich und hatte mich zum Ende hin überraschend berührt. Insgesamt eine schöne Geschichte, vor allem zu empfehlen, wenn man sich für die asiatische Kultur interessiert.

** Dieses Buch wurde mir über NetGalley als E-Book zur Verfügung gestellt **
Profile Image for Bettina | gothicreads.
56 reviews6 followers
August 1, 2021
Das Schöne daran, ein Buch nicht allein zu lesen, sondern in einem Readalong mit Freund*innen, ist ja, dass man die eigenen Eindrücke gleich besprechen und vergleichen kann. Ich habe mich deshalb sehr gefreut, Vertraute Welt zusammen mit @gackelchensbooks zu lesen. Koreanische Literatur ist uns beiden nicht fremd. Ich selbst habe von Autor Hwang Sok-Yong jedoch noch keinen anderen Roman gelesen und war deshalb völlig unvoreingenommen, was Stil und Inhalte angeht. Dass es thematisch kein Wohlfühltext ist, wird schon aus dem Klappentext deutlich. Hier leben Menschen auf einer Mülldeponie und auch die Hauptfigur - Spitzname Glubschaug - ist kein ausnahmslos strahlender Held, sondern ein Opfer seiner Umstände.

Übersetzt hat den Roman Andreas Schirmer. Leider kann ich Vertraute Welt nicht im Original zur Hand nehmen, um nachzulesen, ob der Stil des Autors hier getreu wiedergegeben wird, aber in Anbetracht des Alters des Autors ist es durchaus denkbar, dass schon das Original in diesem etwas angestaubten Vokabular daherkommt. Dennoch ist die Übersetzung an einigen Stellen sehr sperrig, Sätze wirken konstruiert und gelegentlich sogar so, als hätte kein Lektor sie gelesen. Das tut dem Inhalt keinen Abbruch, aber mindert das Lesevergnügen durchaus. Auch das Vokabular scheint sich deutlich einem Schweizer Publikum anzupassen - Rayon und Advokat sind nur zwei der vielen Wörter, die deutschen Leser*innen sofort als unpassend zum Setting ins Auge springen dürften.

Inhaltlich erinnern die Familienkonstellation und die Lebensumstände deutlich an den Film Parasites und führen uns einmal mehr deutlich vor Augen, dass der Kapitalismus und ein rasantes Wirtschaftswachstum gesellschaftliche Opfer fordert und es immer eine Gruppe von Menschen gibt, die abgehängt wird. So fällt irgendwann der Satz, dass die Menschen all jene Dinge, die sie auf der Mülldeponie entsorgen, “niemals wirklich geliebt” haben - eine zentrale Aussage für das ganze Buch.
Hwang Sok-Yong baut in den wenigen Kapiteln gleich mehrere Handlungsstränge auf - die Geschichte der Familie von Glubschaug, die Arbeit auf der Mülldeponie und die Geschichte um die Familie des Meisters Kim - und bringt alles für meinen Geschmack etwas schnell zum Ende. Dass jenes nicht gut ausfallen kann, bedingt sich schon in der Ausgangssituation.

Insgesamt ist Vertraute Welt ein weiterer interessanter Einblick in die koreanische Gesellschaft, dessen Lektüre sich durchaus lohnt - wenn auch mit sprachlichen Hürden für deutsche Leser*innen.
Profile Image for Dana Choi.
49 reviews
July 27, 2022
Hwang versteht Fantasie mit Realität zu vermischen. Ich habe mich beim Lesen gefühlt, als wäre ich in den Slumbs von Seoul und gleichzeitig in einem mystischen, unbekannten Land.
Profile Image for Benita.
164 reviews1 follower
February 25, 2024
POV: niemand checkt, dass Südkoreaner Animisten sind und die Geister in dem Buch echt sind.
Profile Image for Bücherbummlerblog.
139 reviews8 followers
August 27, 2021
Glubschaug ist dreizehn, als sein Vater ins Gefängnis kommt und er mit seiner Mutter auf die Blumeninsel zieht, eine riesige Müllhalde am Rande Seouls, wo die beiden, dank der Hilfe eines Freundes des Vaters, als Müllsortierer eine Stelle finden. Glubschaugs Mutter beginnt bald eine Beziehung mit diesem Freund, während Glubschaug selbst sich mit dessen jüngeren Sohn Glatzfleck anfreundet. Glatzfleck gilt allgemein als schwachsinnig, aber es wird schnell klar, dass in ihm mehr steckt, als ihm zugetraut wird. Er zeigt Glubschaug nicht nur einen Unterschlupf, das „Hauptquartier“, in dem einige Söhne der Müllsortierer ihre gefundenen Essensrationen teilen und sich zurückziehen können, wenn Gestank und Elend ihnen zu viel wird, sondern macht ihn auch mit dem „Höker-Opa“ und „Schrumpels Mama“ bekannt, Vater und Tochter, die etwas abseits der Halde wohnen und sich um die streunenden Hunde der Insel kümmern. Vor allem kann Glatzfleck aber die blauen Lichter sehen, die Geister der Familie Kim, die in einer Parallwelt weiter ihren Bauernhof auf der Blumeninsel bewirtschaften.
Gemeinsam schaffen die Jungen es, sich eine halbwegs erträgliche Existenz aufzubauen. Aber das Leben auf der Halde ist gefährlich, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis es zur Katastrophe kommen muss.

Hwang Sok-yong ist einer der bekanntesten Schriftsteller Südkoreas und vor allem dafür bekannt, sich kritisch sowohl mit der Geschichte, als auch der sozialen Gegenwart seines Landes auseinanderzusetzen. Für mich war es meine erste Begegnung mit ihm, und einem Südkorea, dass ich so nicht kannte. Wenn ich an dieses Land denke, habe ich vor allem einen modernen Staat vor Augen, denke an Skylines, technische Entwicklung, eine Leistungsgesellschaft, für die vor allem der Fortschritt zählt. „Vertraute Welt“ zeichnet ein anderes Bild, und doch eins, das man hätte erwarten können: die Kehrseite der Medaille. Hier ist der Fokus auf dem, was hinten runter fällt und unten bleibt, wenn alle versuchen, nach oben zu kommen. Hwang Sok-yong zeichnet hier eine intensive Kritik an der modernen Wegwerfgesellschaft, die auch vor Menschen nicht halt macht, und obwohl das Wissen um Slums und Armut nicht neu ist, hat sich mir dieses Bild tief eingeprägt und mich neu erschüttert.

Trotzdem habe ich einen großen Kritikpunkt an diesem Roman, der mir das Lesevergnügen beträchtlich verringert hat: die Übersetzung. Ich kann kein Koreanisch und habe deswegen keine Möglichkeit, zu beurteilen, wie nah der deutsche Text an dem Original dran ist, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Hwang Sok-yong dermaßen verstaubt und sperrig schreibt. Ich bin teilweise auf Begriffe gestoßen, die, übertrieben ausgedrückt, Goethe vielleicht noch als zeitgemäß, wenn auch nicht unbedingt als literarisch wertvoll empfunden hätte. Bei allem Respekt vor der harten Arbeit eines Übersetzers ist es mir ein Rätsel, was hier passiert ist, und warum das Lektorat nicht eingegriffen hat. Meines Wissens wurden andere Werke des Autors von anderen Übersetzern ins Deutsche übertragen, und ich hoffe, mir in naher Zukunft ansehen zu können, wie sie mit seinen Texten umgegangen sind. Bis dahin kann ich nur mit Bedauern festhalten, dass ich dem Roman zwar Leser wünsche, aber vor allem eine Überarbeitung.
2 reviews
September 7, 2021
Die „Blumeninsel“, eine von sechstausend Müllsammlern bevölkerte riesige Deponie außerhalb von Seoul (im Roman wird der Name dieser „großen Stadt“ aber nie ausdrücklich genannt), ist nicht nur ein trister, grauenhafter stinkender Ort aus Abfallbergen und Baracken. Der mit seiner Mutter neu „zugereiste“ dreizehnjährige Hauptheld Glupschaug wird vom schon alteingesessenen jüngeren Glatzfleck mit Zufluchtsstätten vertraut gemacht, die sprichwörtlich „aufatmen“ lassen. Da ist das „Hauptquartier“ mit Blick auf den „großen Strom“ (offenkundig der Han-Fluss); dabei handelt sich um einen ehemaligen militärischen Wachtposten, den eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen für sich entdeckt hat. Da ist, am äußersten Zipfel der Insel, „Schrumpels Haus“ mit dem „Höker-Opa“ und „Schrumpels Mama“; letztere eine auf den ersten Blick verrückte Person, die immer mal wieder so etwas wie epileptische Anfälle erleidet, auf den zweiten Blick aber eine Art Schamanin. Was Schrumpels Mama mit dem Halbwaisen Glatzfleck, der unter einem tyrannischen Vater leidet, verbindet, das ist eine besondere Sensibilität, also eine Hellhörigkeit und Klarsichtigkeit dort, wo bei anderen die Sinne zu stumpf geblieben oder geworden sind. „Schrumpel“ ist übrigens eine kleinwinzige alte und runzlige Chihuahua-Dama, das Leittier einer ganzen Kolonie von Hunden, die alle gebrechlich oder sonst irgendwie körperlich versehrt sind. Schrumpels Mama umsorgt und bekocht diese Kreaturen, die sonst nicht überleben würden. Und dann ist da noch eine weitere alternative Welt, und zwar die der kobaldhaften „blauen Lichter“, die nur für ganz wenige sichtbar sind. Glupschaug lernt sogar deren wahre Gestalt kennen; es handelt sich hier um die letzten Überlebenden einer alten Zeit, die zugleich aber Zeitgenossen sind, allerdings in einer Art Parallelwelt. Die Parallelwelt koexistiert freilich nicht einfach mit der „realen“, sondern ist von dieser bedroht und zurückgedrängt. Für die Begegnungen mit diesen letzten Mohikanern, der Großfamilie des „Meisters Kim“ müssen sich die beiden Jugendlichen jedes Mal durch einen dichten Nebel kämpfen, geführt von den blauen Lichtern. Die Schilderung davon lässt an Trance oder Rausch denken, und Glupschaug fragt sich nach diesen Begegnungen denn auch jedes Mal, ob er nicht etwa alles nur geträumt hat. Das Buch spielt allerdings nicht nur auf dieser Blumeninsel (obwohl eben auch diese schon ungeahnte viele Facetten hat). Einerseits besucht Glatzfleck einmal seinen Vater im nahen Kreiszentrum, wo dieser in Untersuchungshaft einsitzt (auch das eine eigene Episode). Bald darauf aber gelangen die zwei Jugendlichen aber gar ins Herz der großen Stadt. Und das kommt so: Die blauen Lichter erweisen sich dankbar dafür, dass sie von Glupschaug und Glatzfleck, im Verein mit Schrumpels Mama und unterstützt vom Höker-Opa, mit Buchweizengelee und Makgeolli versorgt werden. (Makgeolli ist ein milchiger, blumig-würziger Reiswein; in Korea das, was in manchen deutschsprachigen Gegenden der Most ist.) In der koreanischen Folklore sind Buchweizengelee und Makgeolli ja die Leibspeisen von Kobolden. Im unerwarteten Gegenzug wird Glatzfleck zu einem kleinen Schatz gelockt, der wohl versehentlich auf der Deponie gelandet ist. Das ermöglicht den zwei Freunden einen Ausflug in die Stadt, sie gehen ins Kino, schlemmen in einem Restaurant und shoppen in einem großen Warenhaus. Außerdem erwerben sie das Spiel, das in den 80er Jahren, in denen diese Geschichte spielt, in aller Munde ist: „Super Mario“. Dem Spiel am Gameboy sind die beiden sofort verfallen, die endlose Punktejagd von Super Mario entwickelt sich später im Buch aber auch zur Metapher für eine Versessenheit auf Fortschritt, die zusehends zum Selbstzweck und damit zum Fluch wird. In Rückblenden führt die Geschichte außerdem noch in die abgeschotteten und von Aufpassern bewachten Wohnviertel der Reichen. Das hat mit einer zarten ersten Liebe des Haupthelden zu tun (natürlich ebenso völlig einseitig wie aussichtslos, allein schon wegen des eklatanten Klassenunterschieds). Ein Abglanz der Wohlstandswelt fällt übrigens auch in Form von kirchlichen Wohltätigkeitsveranstaltungen mitunter auf die Blumeninsel. Die Geschichte steuert innerhalb des gut halben Jahres, das hier erzählt wird (der Wechsel der Jahreszeiten ist auf der Deponie ebenso wie in den Barackensiedlungen natürlich stark zu spüren) auf einen Höhepunkt zu, der zwar etwas von einer Katastrophe hat, aber gleichzeitig, wie es sich für eine „Coming-of-Age“-Geschichte gehört, auch so allerhand klar werden und den Haupthelden reifen lässt. Jugendliteratur ist das allerdings keine, sondern ein sehr erwachsenes, reifes und sprachlich ausgereiftes Werk des aussichtsreichsten koreanischen Nobelpreis-Anwärters. Sicher auch ein Verdienst der souveränen Übersetzung.
Profile Image for Magnolia .
577 reviews3 followers
October 19, 2021
Seoul – die Megacity produziert Unmengen von Müll. Eine der reichsten Städte karrte seinen Unrat in den 1980er Jahren auf die riesige Deponie, an dessen Rand diejenigen ihr Dasein fristeten, die in all dem Weggeworfenen nach erneut Verwertbarem suchten.

Auf mehr Einkommen hoffend, zieht es Glupschaug und seine Mutter mitten hinein in die „Blumeninsel“. Blumig ist weder ihr neues Zuhause noch sind es die Gerüche, die ihnen anhaften. Ihre ärmlichen Hütten bilden eine eigene Stadt neben einem riesigen Müllhaufen vor der großen, pulsierenden Großstadt. Sie sind unter sich - Menschen am Rande der Gesellschaft.

Die Überflussgesellschaft wirft weg, kauft neu, entsorgt wieder. Die Müllberge werden immer mehr und hier entstanden Arbeitsplätze für diejenigen, die all den Überfluss wieder und immer wieder umschichteten, sich das Wiederverwertbare herausfischten und so ihr Auskommen einigermaßen sichern konnten.

Es geht strukturiert zu, jeder hat seinen Platz. Der Müll wird an vorderster Reihe systematisch durchforstet und erst wenn es diese Vorhut dahin drängt, wo der nächste LKW seine Ladung abkippt, dürfen die nächsten ran. Neben dem ständigen Versprühen von Insektiziden lauern hier noch viele andere Gefahren, aber da müssen sie alle durch, hier haben sie ihre Lebensgrundlage.

Hwang Sok-Yong erzählt von Glupschaug und Glatzfleck und ihrem Umfeld, von zwei Jungen, die auch mit anpacken und doch auch Kind sein wollen, sich ihre Zufluchtsorte schaffen. Bruderherz, so nennt Glatzfleck seinen Freund und Kameraden. Ihr Leben auf der Deponie ist hart und entbehrungsreich, sie holen ihr Essen aus dem Müll. Genug wird weggeworfen, trotzdem möchte man bei so mancher kulinarischen Beschreibung nicht unbedingt Gast sein.

Neben dem doch oftmals desillusionierenden Alltag blitzt immer wieder ein blaues Licht auf. Meister Kim und seine Familie nimmt sie mit in eine Traumwelt. Es sind die früheren Bewohner als durchscheinende Gestalten, als Geister, die sich ihnen zeigen, um dann im Nebel zu entschwinden. Dieses mystische Bild, die heile Welt, weit entfernt vom Ist-Zustand, hat was Tröstliches. Ein Wunschland gar nicht weit weg und doch unerreichbar. Da ist einerseits das nicht Greifbare, Nebulöse und andererseits der nüchterne Alltag. Dieses immer wieder aufflackernde wunderschöne Gemälde vermittelt Geborgenheit.

Der Autor nimmt seine Leser mit in eine Welt, von der wir alle wissen, dass sie existiert. Beschreibt das Leben derer, die hier leben, sehr einfühlsam. Sie arbeiten, leben und lieben, lachen und sind traurig wie jeder von uns. Deren „Vertraute Welt“ hat nichts anrüchiges, seine Sprache ist leicht verständlich.

Südkoreas bekanntester Schriftsteller Hwang Sok-Yong bringt seinen Lesern sowohl das Mystische seiner Heimat als auch den Konsumirrsinn mit seinen nur zu bekannten Auswüchsen näher. Nicht anklagend, aber doch sehr eindringlich. Auf der Sonnenseite sind diejenigen, die bald achtlos all diese Dinge entsorgen, die den anderen ein bescheidenes Auskommen sichern. So schließt sich der Kreis des Konsums, des Wegwerfen und Wiederverwertens. Ein Buch, das alle möglichen Gefühle freisetzt. Es ist traurig und doch schimmert immer wieder ein Hoffnungsstrahl durch, es ist entmutigend und dann wieder so voller Leben.

Seoul hat sie nicht mehr, die unendlich weiten Mülldeponien. Sie sind den modernen Projekten zur Müllbeseitigung gewichen, wir waren in der Vergangenheit. Glupschaug und die seinen haben einen Einblick in ihre „Vertraute Welt“ gewährt. Gerne habe ich hineingeblickt, bin ein Stück ihres Weges mitgegangen.
Profile Image for Lesereien.
257 reviews22 followers
November 26, 2021
Glupschaug, der junge Protagonist des Romans, lebt mit seiner Mutter in den 1980er Jahren in den Slums von Seoul. Die Armut ist nie fern und als der Vermieter mit der Kündigung droht, nimmt die Mutter den Vorschlag eines Bekannten an. Sie erhofft sich damit einen festen Job und ein eigenes Heim. Doch anstelle von Freiheit erwartet sie eine noch größere Abschottung und ein Dasein am Rande der Gesellschaft, nämlich auf der Müllhalde.

Sok-yong schreibt aus der Perspektive der von der Gesellschaft Ausgestoßenen. Er entführt den Leser in eine Welt, in der Menschen zwölf Stunden am Tag Müll aus riesigen Müllbergen picken müssen, sich mit dem herumschlagen müssen, was andere längst entsorgt haben und von Gestank, Fliegen, Tod, Verwesung, Zerbrochenem, Benutztem und Ausrangiertem umgeben sind. Der Müll liefert das Essen. Aus Müll werden die Hütten gebaut. Müll ist allgegenwärtig.

In Südkorea ist Hwang Sok-yong ein erfolgreicher Autor, dessen Werk bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Und die Lektüre alleine dieses Romans lässt erahnen, dass die Wertschätzung und der Erfolg seiner Romane sicherlich nicht unberechtigt ist. Denn Sok-yongs Gesellschaftskritik ist tiefgründig und auf eine subtile Art konfrontativ. Er deckt gesellschaftliche Strukturen und Missstände auf, indem er auf Bilder und Szenen zurückgreift, die durch ihre Aussagekraft überzeugen und nicht, indem er sich in langen Beschreibungen oder Anklagen verliert. Ein Beispiel dafür liefert eine Szene, in der eine Frauengruppe Nahrungsmittel an die Müllsammler und deren Kinder in der Kirche verteilt. Denn sie sind nur an den inszenierten Fotos interessiert und nicht daran, den Menschen wirklich zu helfen.

Der deutsche Titel des Romans „Vertraute Welt“ suggeriert, ebenso wie der englische “Familiar Things”, dass wir als Leser wissen, dass diese Welt existiert, dass sie uns alles andere als fremd ist. Wir verdrängen sie vielleicht, denken nicht über sie nach und überlassen sie den Anderen, aber genau das lässt der Roman nicht zu. Er zeigt, dass Glupschaugs Lebenswelt ein Resultat des immerwährenden Konsums, des Überflusses und der Verschwendung ist. Die beiden Welten, die die Stadt in eine Mitte und in einen Rand aufteilen, sind aufs engste miteinander verknüpft und können nicht getrennt voneinander gedacht werden. Daher stellt der Roman letztlich auch die Frage von gesellschaftlicher Verantwortung und zwingt zum Hinsehen.
181 reviews1 follower
July 16, 2021
"Warum verwahren Sie diesen Plunder, als wären es lauter Kostbarkeiten?"
"Weil sie einander gern hatten, Ding und Mensch."
"Was ist dann mit all dem Zeug auf der Deponie?", fragte er weiter.
"Dem hat doch keiner jemals echte Liebe geschenkt."

"Vertraute Welt" ist ein gesellschaftskritischer Roman, der uns den Spiegel vorhält und daran denken lässt, dass nicht jeder im gleichen Maß vom rasanten Wirtschaftswachstum seines Landes profitiert. Mit einem 13-jährigen Jungen als Protagonisten sehen wir die Welt aus der Sicht eines Kindes, das kaum anderes im Leben kennengelernt hat und nicht im "Großen Ganzen" denken kann. Für Glubschaug ist es sein im Gefängnis sitzender Vater, der durch seine Abwensenheit schuld ist, an der Situation, in der Kind und Frau stecken. Später ist es der verhasste Stiefvater, der ein Taugenichts und Trinker ist. Manchmal ganz beiläufig und fast schon gleichgültig, so als wäre es etwas ganz normales, wird geschildert, was dem Jungen widerfährt. Erst später im Buch, als er älter wird, erkennt er "Wir sind die Ausnahmen, nicht die anderen." Wir erfahren von der gesellschaftlichen Ächtung der Bewohner auf der Blumeninsel, von der Armut, den Gefahren, die sie tagtäglich, zu jeder Jahreszeit, ausgesetzt sind und davon, wie sie damit zurechtkommen (müssen). In diesem Buch stecken viele Zitate, die mir sehr nachhallen. Am Ende spitzt sich alles zu und es kommt zu einer Tragödie, die mich sehr überrumpelt hat. Kein einfaches, aber ein wichtiges Buch. 4,5 🌟
1,292 reviews2 followers
September 3, 2021
3.5 Sterne

Am Rand der südkoreanischen Metropole Seoul liegt die „Blumeninsel“, eine gigantische Müllhalde, Lebensgrundlage und Wohnstätte einer Kolonie von Ausgestoßenen. Dort muss der junge Protagonist Glupschaug zusammen mit seiner Mutter leben, beim "Baron", der für ihn eine Art Stiefvater wird. Er freundet sich mit Glatzfleck an, dem Sohn des Barons und lernt das Überleben und die Hackordnungen auf dieser Müllhalde.

Ich fand das Buch sehr schonungslos und heftig beschrieben, dabei sehr lebendig und bildhaft. Ich hatte diese Müllhalde richtig vor Augen, den Dreck, denn Müll, den Gestank und das Leben darin. Das Buch ist nichts für Menschen die mit solchen Thematiken nicht umgehen können.

Das Buch zeigt einem auch schonungslos mit Ressourcen in unserer heutiger Gesellschaft umgegangen wird und wie viele Menschen dabei auf der Strecke bleiben. Es zeigt auch das harte Überleben von noch zwei minderjährigen Jungs, die in diese Welt "geboren sind". Dennoch zwigt es aber auch die zarten Bande von Freundschaft und wie wichtig es ist in so einer düsteren Welt einen Freund an seiner Seite zu haben.

Fazit: Hart und schonungslos, aber auch sehr interessant zu lesen und mit wichtigen Themen gespickt. Trotzdem war mir der Schreibstil manchmal zu zäh, deshalb hab ich auch ziemlich lange für das Buch gebraucht. Ich kann aber durchaus Interessierten das Buch weiter empfehlen.
Profile Image for Margarethe.
572 reviews
August 13, 2021
Auf einer Müllhalde gross werden as ist das SChicksal von Glupschaug. Eigentlich wohnte er im Bergahngslum, aber die Müllhalde ist vielversprechender.
Sok-Yong schafft es dem Leser die Geruchswelt der Halde nahe zu bringen, man spürt die Fliegen um sich und ist vom Gestank überwältigt.
Glupschaug und seine Mutter sortieren die Welt der Wohlstandsgesellschaft und versuche daraus einen Lebensunterhalt zu verdienen. Für den Leser also so gar keine "Vertraute Welt" mit Gestank und Hierarchien wer welchen Müll sammeln, sortieren und wegräumen darf.
Glupschaug passt sich an, seine Mutter weiss nicht ob der Vater je wiederkommt, er ist zur Umerziehung verschickt, ihr neuer Lebenspartner wird auch eines Tages verschwinden und sie allein lassen.
Der Junge aber findet Freunde und Zusammenhalt, nebenbei gibt es eine zauberhafte Geschichte über die Blumeninsel, wie sie früher war.
Alles in allem eine trotz des Gestanks und der Fliegen eine schöne Geschichte mit poetischen Einschübe, die uns den Konsumwahn vor Augen führt.
Profile Image for yellowdog.
855 reviews
July 7, 2021
Koreanisches Sozialdrama

Vertraute Welt von Hwang Sok-Yong ist im Original schon von 2011 und weniger opulent gestaltet als sein historischer Roman Die Lotusblüte.
Aber auch hier gibt es viel Atmosphäre und intensive Sprachbilder.

Wer in dem Vorort von Seoul nahe der großen Müllhalde lebt, befindet sich im sozialen Abseits. Die Kinder und Jugendliche, die hier aufwachsen, haben wenig Perspektiven.

Manche versuchen, von den Funden auf der Blumeninsel, wie die giftige Müllhalde genannt, zu leben. Eine ganz eigene Hierarchie bestimmt hier das Leben. Das Leben als Müllsammler ist hart.
Die Stärke des Romans ist, dass die Jugendlichen Glubschaug und Glatzfleck im Mittelpunkt stehen. Das gemeinsame Schicksal macht sie zu Brüder.

Hwang Sok-Yong hat ein packendes Sozialdrama geschrieben.
Profile Image for Marcel.
141 reviews
July 30, 2021
Eindringliche, berührende, aktuelle und doch mythisch-zeitlose Erzählung über das Leben am Rand einer Gesellschaft. Unbedingt lesenswert!
Displaying 1 - 14 of 14 reviews

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