Eine junge Lehrerin, die an der kanadischen Nordküste in Uashat Französisch zu unterrichten beginnt. Sie, die einst als Kind vom Reservat nach Québec zog, um mit Universitätsabschluss und als Berufsanfängerin eben dorthin zurückzukehren, muss sich nun im Klassenzimmer vor Jugendlichen behaupten, die kaum jünger sind als sie selbst.
Manikanetish, kleine Margerite, heißt die Schule zu Ehren einer Frau, die Zeit ihres Lebens Kinder aus komplizierten Verhältnissen bei sich aufnahm und großzog, ohne selbst je leibliche Kinder gehabt zu haben. Es ist die einzige im Reservat und viele Lehrkräfte sind selbst keine Innu. Yammie, die junge Lehrerin, ist es zwar, muss sich aber selbst erst wieder ihrer Herkunftskultur annähern, spricht die Sprache ihrer Familie nicht akzentfrei.
Die Vernachlässigung des Reservats und dessen Infrastruktur durch den kanadischen Staat hat indes deutliche gesundheitliche und ökonomische Konsequenzen. Einige Schülerinnen sind schon Mütter, einige kommen aus Reservaten, in denen es gar keine entsprechende Einrichtung gibt, vorzeitige Schulabbrüche sind trotz Wissbegier keine Seltenheit. Auch Suizide nicht.
Nicht zuletzt im Kontext des bis 1996 vom kanadischen Siedler-Kolonialstaat und dessen Kirche betriebenen kulturellen Genozid der sogenannten „Residential Schools“, die Kinder von ihren Familien trennten und assimilieren sollten, stellt das für die junge Lehrerin eine berufliche wie persönliche Herausforderung dar. Wie begeistert man diese jungen Menschen angesichts der schwerwiegenden Vergangenheit und Misshandlungen durch den europäischen Kolonialismus ausgerechnet für die französische Sprache? Wie unterstützt und fördert man sie in ihrem persönlichen Wachstum? Wie gibt man Hoffnung?
Dieser autobiografische Roman Naomi Fontaines, einer indigenen Autorin aus dem französischen Teil Kanadas, schafft es auf wenigen Seiten in klarer, nüchterner Sprache eine Geschichte über Innu zu erzählen, die in ihrer historisch kulturellen Spezifik umso allgemein menschlicher ist.
„Manikanetish“ ist Fontaines zweiter Roman und der erste, der ins Deutsche übertragen wurde. Diese verdienstvolle Arbeit ist der Übersetzerin Sonja Finck zu verdanken, die auch die Französin Annie Ernaux dem auf Deutsch lesenden Publikum zugänglich gemacht hat. Neben Fontaines Erstlingswerk und folgenden Romanen sind auch die in Fincks Nachwort erwähnten Autorinnen An Antane Kapesh und Joséphine Bacon bislang nicht oder kaum auf Deutsch zu finden. Immerhin in der Anthologie „Amun“ ist letztere gemeinsam mit Fontaine vertreten. Diese ist 2020 im Wieser Verlag erschienen.
Es ließen sich weitere Werke indigener Autor:innen nennen, eine Vielzahl relevanter Titel liegt jedoch bis dato nicht oder kaum in deutscher Sprache vor. Erwähnt seien exemplarisch Tanya Talaga und Richard Wagamese. Doch um sich die Mechanismen des Kolonialismus und des ihm zugrunde liegenden Imperialismus zu erschließen, kann und muss ohnehin auch im eigenen Hinterhof gekehrt werden. Dabei lohnt es, die Lektüre von Prosa mit ein- und weiterführender Sach- und Fachliteratur zu verbinden.
Dazu eignen sich beispielsweise die erzählenden mitunter poetischen Arbeiten von Soziologen wie Didier Eribon („Rückkehr nach Reims“, „Gesellschaft als Urteil“), Joseph Ponthus („Am laufenden Band“), Édouard Louis („Wer hat meinen Vater umgebracht“, „Die Freiheit einer Frau“), Christian Baron („Ein Mann seiner Klasse“) oder auch die von Abdellah Taïa herausgegebene Anthologie „Briefe an einen jungen Marrokaner“ und sicher viele weitere alte und neue Werke.
Es bedarf jedenfalls der Erkenntnis, dass kein Engagement für die Benachteiligten anderer Länder nachhaltig sein kann, wenn es den grundlegenden Zusammenhang mit den Benachteiligten im eigenen Land nicht begreift. Insofern bieten sich auch Titel aus der Reihe „Basiswissen“ des PapyRossa Verlags an, wie zum Beispiel „Armut“ von Christoph Butterwegge, „Kolonialismus“ von Gerd Schumann oder „Rassismus und Antirassismus“ von Wulf D. Hund.
Schließlich sei auch noch „Kinder der Ungleichheit“ der Pädagogen, Politikwissenschaftler und Armutsforscher Carolin und Christoph Butterwegge genannt sowie Aladin El-Mafaalani und seine Bücher „Mythos Bildung“ und „Wozu Rassismus?“.
All diese Denkanstöße enthält Naomi Fontaines „Die kleine Schule der großen Hoffnung“ in seiner präzisen Knappheit. Es ist vor Allem der beschreibende Teil des Buches, der ein differenziertes Bild der auf dem Reservat lebenden Jugendlichen, ihrer Lage dort und in der kanadischen Gesellschaft im Allgemeinen zeichnet. An einigen Stellen treten diese Beobachtungen jedoch hinter teils eklektischen weltanschaulichen Wertungen der Erzählerin zurück. Das markanteste Beispiel hierbei als sie der Klasse in einer Projektarbeit zum Thema „Demokratie“ kurz vor den Abschlussprüfungen erklärt:
„Man kann sich die Demokratie als einen Stuhlkreis vorstellen. Aber das heißt noch lange nicht, dass alle gleich sind. Die Frage ist, wer in dem Kreis Platz nehmen darf. Wenn alle, Frauen und Männer, Arme und Reiche, Rechte und Linke, Innu und weiße Québecer einen gleichberechtigten Platz in dem Kreis haben, können wir von einer gelungenen Demokratie sprechen. Ist das eurer Meinung nach in Kanada der Fall? In Québec? In Uashat, in Maliotenam?“ (S.128)
Und nach den Redebeiträgen der Schüler:innnen, in denen es um Rassismus, die Ungleichverteilung von Besitz und Geld sowie undurchsichtige Lokalpolitik geht, resümiert:
„In der Klasse erhob sich Gemurmel. Unzufriedenheit, Zustimmung. Ich spürte, dass wir vermintes Gelände betraten. Die Lokalpolitik durchdrang bei uns alle Aspekte des Lebens. Es war besser, das Thema auf sich beruhen zu lassen.“ (S.130)
Es bleibt schließlich nur zu wünschen übrig, dass auch Fontaines restliche und sicher noch folgende Romane ihren Weg in die deutsche Sprache finden, um sich ein umfassenderes Urteil erlauben zu können.
(Diese Rezension war eine Klasurersatzleistung im Rahmen des Deutschunterrichts einer buchhändlerischen Ausbildung.)