What do you think?
Rate this book


224 pages, Paperback
First published January 1, 1966
'Das kleine Mädchen, von den Großen Meta genannt, sitzt auf dem Grund des alten Regenfasses und schaut in den Himmel. Der Himmel ist blau und sehr tief. Manchmal treibt etwas Weißes über dieses Stückchen Blau, und das ist eine Wolke. Meta liebt das Wort Wolke. Wolke ist etwas Rundes, Fröhliches und Leichtes.' p.7
'Oft aber erzählt sie Geschichten, an die sie fest glaubt, bis Mama ihr klarmacht, daß etwas daran nicht stimmt. Das Leben ist so unsicher, wenn man sich nicht mehr auf seine Augen und Ohren verlassen kann. Warum ist ein Traum Lüge und, was bei Tag geschieht, Wahrheit? Vielleicht, weil man die Traumdinge nicht in den Tag hinein mitnehmen kann. Dies ist ein ewiger Kummer Metas. Manchmal sieht sie im Traum die schönsten Spielsachen, und wenn sie erwacht, ist alles weg. Sie bildet sich ein, wenn sie fest zufaßt und gleichzeitig erwacht, muß es ihr gelingen, die Schätze dem Traum zu entreißen. Sie übt so lange, bis sie sich im Traum an ihren Vorsatz erinnert. "Jetzt", flüstert sie, "jetzt ist es soweit", und spürt im Erwachen ihre Hand zukrampfen. Aber dann ist nichts zu sehen als die Spuren ihrer Nägel in der Handfläche.' p.143
'Im Bett ist es nie langweilig. Die Gedanken gehen schneller als sonst, man kann sie nicht festhalten. Meta teilt sich in zwei kleine Mädchen, in eines, das unter. der Hetzjagd in ihrem Kopf leidet und Gesichter und Gestalten auf der Wand entdeckt, Gesichter, die überall wuchern und sie bald erreichen werden. Jetzt fangen ja schon die Falten der Tuchent an, sich beängstigend zu verwandeln. Die zweite Meta beobachtet ganz kühl diese Vorgänge und findet es belustigend, wie das dumme Kind im Bett sich vor Dingen fürchtet, die es gar nicht gibt. Es ist äußerst wichtig, die Doppel-gängerin nicht aus den Augen zu lassen.' p.150
'Eine Autobiographie meiner Kindheit’
'"Mußt du denn so wild sein? Entweder du bist verstockt, oder du bringst mich fast um vor lauter Wildheit. Kannst du kein braves, sanftes Kind sein?" Meta kann kein braves, sanftes Kind sein. Verzagtheit überfällt sie und läßt ihre kleinen Arme lahm niedersinken. Der wunderbare Duft entfernt sich. Die Wand ist wieder ein winziges Stück gewachsen.' p.15

'Die Welt ist ein großes Durcheinander, das sie, Meta, in Ordnung bringen muß. Steinchen für Steinchen setzt sie aneinander, aber selten wird etwas Rundes daraus. Wenn sie die Welt einfach auffressen könnte, wäre sie aller Bedrängnis enthoben. Aber sie kann die Welt nicht auffressen, und so weiß sie nie, was im nächsten Augenblick geschehen wird. Was wird ihr hinter der Tür entgegentreten, wird süßer Duft aufsteigen oder beißender Gestank, wird das Blatt, das sie anfaßt, ihre Hand kühlen oder verbrennen? Es gibt gar keine Sicherheit.' p.11
'Überhaupt ist heute ein besonderer Tag. Mama ist so froh, das Nähen tut ihr gut. Meta rührt sich nicht. Es ist besser, sie bleibt ganz still und macht sich klein, damit Mama sie vergißt, nur an ihre Vorhänge denkt und fröhlich bleibt. Die Fliegen summen am Fenster, und Mamas Stimme zittert beim Singen immer auf und nieder. Über Metas Rücken läuft ein Schauer hin. Sie möchte weinen oder lachen, aber sie will ja ganz still sitzen, damit Mama nicht aufhört.' p.16
'Einmal sagt Mama: » Wenn die Kugel damals Vater getroffen hätte, wärst du nicht auf der Welt.« [...]
Wie mag das sein, wenn man nicht auf der Welt ist? Sie schließt die Augen, zieht alles ein, was sie einziehen kann, Augen, Gehör und Geruch, und erstarrt. Aber immer noch ist sie da. Der Magen kullert, das Herz pulsiert, und rote Dämmerung brütet hinter den Lidern. Sie muß sich noch mehr zusammenziehen, immer kleiner, immer kleiner. Eingerollt, den Mund mit den Knien verschlossen, übt Meta das Nicht-auf-der-Welt-Sein.'p.47
'Dankbar müsse sie sein, sagt Mama immer. Zum erstenmal zweifelt Meta daran. Sie ist nicht dankbar. Sie lebt, und da kann man gar nichts machen. Manchmal ist es angenehm, oft unangenehm und immer eine große Bedrängnis.' p.48
'Und einmal ist ein blauer Vogel ans Fenster gekommen und hat Meta aus blanken schwarzen Augen angestarrt. Vater sagt, das war ein Eichelhäher, aber Meta weiß, es ist der schöne Vogel Kiwitt. Er lebt im Wald und kann nicht sterben, und manchmal sieht er nach, ob seine Schwester noch im Haus lebt. Er hat Heimweh nach den alten Spielen. Es ist besser, wenn er nicht wiederkommt.' p.200