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E. oder Die Insel

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April 1945, auf einer Insel in der Mulde. In einem Gebüsch hält sich ein Mann versteckt. Seine Knie sind aufgeschlagen, seine Sachen nass, in der Ferne ist das Geräusch krachender Haubitzen zu hören. Er blickt auf das Pfarrhaus am Ufer, in dem er mit seiner Frau und den Kindern gelebt hat. Aber jetzt sind sie weg. Sie scheinen verschleppt worden zu sein, und er ist sich sicher, dass ihr Verschwinden etwas mit ihm zu tun hat. Er versucht sich zu erinnern. Ein Mann mit einem Klumpfuß kommt ihm in den Sinn. Und ein kleines Mädchen, von dem er nach und nach zu erzählen beginnt. Was er sieht, hört und denkt, schreibt er auf. Ein Abschiedsbrief an seine Frau. Ein Bericht, mit dem er Zeugnis ablegt. Er notiert seine Worte auf der Rückseite von Akten. Sie liegen in dem Koffer, den er bei sich führt, zwischen Dosenfleisch, einer zersplitterten Uhr und einem langsam hart werdenden Laib Brot.

Ein Roman, dessen Fassade langsam zerbricht und der die Abgründe unter der dünnen Firnis der Zivilisation sichtbar macht.

"Ein dunkler Roman über einen Arzt, der gefangen ist auf der Insel seines Denkens. Ich kenne nichts Vergleichbares in der deutschen Gegenwartsliteratur." (Gunnar Cynybulk)

290 pages, Hardcover

First published May 17, 2021

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Francis Nenik

22 books3 followers

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46 reviews75 followers
April 20, 2022
Dieser Roman hat mich zunehmend begeistert! Und danach sah es am Anfang gar nicht unbedingt aus!

Die Ausgangslage ist bereits in der Inhaltsangabe skizziert: Ein Mann kehrt an seinen Wohnort zurück, muss sich aber verstecken, denn seine Frau Marie und seine drei Kinder scheinen verschleppt worden zu sein. Auf dem Küchentisch liegen noch die mit Butter beschmierten Brote, alles deutet auf einen schnellen (erzwungenen?) Aufbruch hin. Der Mann versteckt sich auf einer Insel im Fluss, von der aus er das Haus beobachten kann. Er hat einen Koffer mit ein paar Konserven sowie Akten dabei. Wird seine Familie bald wiederkommen? Sind sie in Sicherheit? Er beginnt seine Gedanken auf den Rückseiten der Akten zu notieren.

Der Roman beginnt mit Samstag, dem 14. April 1945. Dadurch ist bereits klar, dass das Ende des 2.WK kurz bevorsteht. Das ahnt unser Protagonist, kann es aber natürlich nicht genau wissen. Er notiert, was er von seiner Insel aus sehen kann sowie seine Gedanken, die gerade zu Beginn vor allem um seine Frau und seine Kinder kreisen. Dies lässt jedoch von Tag zu Tag nach und er fängt an, über sich und seinen Beruf zu reflektieren.

Ich muss sagen, dass ich nach dem ersten Tag befürchtet hatte, dass das eine sehr zähe Lektüre werden könnte. Zuerst sind da nur Fragen: Was ist mit seiner Familie passiert? Wieso sollte sie jemand entführen/verhaften sollen? Warum muss der Mann sich verstecken? Ist er vor den Nazis auf der Flucht? Wie lange wird er auf der Insel bleiben müssen? Was sind das für Akten, die er dabei hat?

Der Mann notiert seine Beobachtungen sehr genau. Dadurch erfährt man nach und nach mehr über den Ort, in dem er wohnt, und die Bewohner des Ortes. Der Name des Ortes wird nie explizit genannt, es ist nur klar, dass er in der Nähe von Leipzig liegt und ein Fluss hindurchfließt (die Mulde).

So ist zB der Beruf des Mannes irgendwann klar, er ist Arzt, genauer: er behandelt Kinder. Außerdem hat er sich gegen den Krieg ausgesprochen, d.h. er ist wohl wirklich vor den Nazis geflohen. Doch warum konnte er dann bis 45 unbehelligt im Krankenhaus in Leipzig arbeiten? Er sagt, er habe Kindern geholfen. Doch dann gibt es die ersten Risse in der Fassade: Er hat mit SS-Leuten gesprochen, um sie etwas zu fragen. Das tut doch niemand, der vor den Nazis auf der Hut sein muss!

Letztlich kommt eine grauenvolle Tatsache zum Vorschein, die mit dem "E" im Titel zusammehängt: Unser Erzähler ist einer der Ärzte, die Eugenik betrieben haben. Er hat u.a. an Epilepsie erkrankte Kinder untersucht und sie zu Erforschung der Krankheit benutzt, und sie letztlich "im Sinne der Sache" behandelt, spich: Ermordet oder ermorden lassen. Für all das kann das E im Titel ebenfalls stehen: Eugenik. Epilepsie. Ermordung.

Dabei hat der Autor es unglaublich geschickt verstanden, uns an der Gedankenwelt des Erzählers teilhaben zu lassen. Dieser denkt nie, dass er etwas Unmoralisches tut, im Gegenteil: Er ist davon überzeugt, dass er die Kinder "erlöst", dass sie selber nicht leben wollen sowie dass auch deren Eltern nicht wollen, dass die Kinder weiterleben dürfen. Sein ganzens Weltbild entfaltet sich langsam vor uns und man mag es kaum glauben! Eben noch hatte man Mitleid mit ihm, hat ihn für einen Verfolgten gehalten, einen der Guten. Doch dann erschrickt man vor sich selbst, dass man für ihn Sympathie empfunden hat. Das Böse bekommt ein menschliches Antlitz und wird dadurch nur noch erschreckender.

Wahnsinnig geschickt fand ich, dass der Erzähler auf seiner Insel seine Gedanken auf den Akten zu einem bestimmten Fall notiert, den von dem Kind Luise. Auf der Vorderseite stehen also die in bürokratischem Deutsch verfassten Untersuchungsergebnisse, auf der Rückseite entsteht die Hintergrundgeschichte, das Weltbild, das Ideenkonstrukt, das hinter diesen menschenverachtenden Abläufen steht. Wir erfahren, wer Luise ist, wie der Erzähler sie behandelt hat und was letztlich mit ihr passiert ist.

Bis zum Schluss ist der Ezähler davon überzeugt, richtig gehandelt zu haben, zur "Aufartung" der "deutschen Rasse" beigetragen zu haben und dass dies ein moralisch richtiges Ziel darstellt. Daraus erklärt sich auch seine Ablehnung des Krieges, denn in einem Krieg sterben die Jungen und Starken, so der Erzähler, während die Kranken und Alten überleben, was der Rasse schaden würde. So wird die Insel, auf der er liegt, auch zu einer Insel des Geistes, die er nicht verlässt. Zum Ende des Romans steigt der Wasserpegel des Flusses und die Insel droht, in den Fluten unterzugehen. Eine starke Metapher in diesem Roman, der überhaupt viele starke Bilder enthält. Auch sprachlich ist er stark. Die Euphemisen der Eugenik sind wie selbstverständlich in den Wortschatz des Erzählers eingeflochten, er reflektiert sie selbst kein einziges Mal.

Das Ende ist offen, viele Fragen bleiben ungeklärt, doch das fand ich sehr passend. Wir wissen nicht, ob er überlebt oder nicht. Wir wissen nicht, ob seine Frau und die Kinder wirklich entführt oder verhaftet wurden, oder ob sie den Erzähler vielleicht aus eigenem Willen heraus verlassen haben. Vielleicht, weil sie erfahren haben, was wirklich sein Beruf war? Wir wissen dies alles nicht. Passend ist es in jedem Fall, denn nach dem 2WK haben viele dieser Ärzte weitgehend unbehelligt weitergearbeitet. Durch den Roman wird klar, wie viele Menschen an diesem speziellen Verbrechen beteiligt waren und dass unmöglich alle ihre gerechte Strafe bekommen haben. Auch weil sie selbst die relevanten Akten vernichtet haben. Ein Schuldeingetändnis? Oder nur Vorsorge?

"E.Oder die Insel" ist ein in vielerlei Hinsicht clever komponierter Roman. Die wenigen erzählerischen Längen bin ich gerne bereit ihm zu verzeihen, denn die zweite Hälfte des Romans ist umso spannender und es entwickelt sich ein gehöriger Sog! Zudem kann man sie mit der für den Protagonisten nur quälend langsam vergehenden Zeit in Verbdinung setzen, die man so ein wenig nachempfinden kann. Selbst der etwas anstrengend zu lesende Satz lässt sich durch den Inhalt erklären: Die eng beschriebenen Seiten stellen die eng beschriebenen Akten dar. Und so weiter. Jedes Detail lässt sich erklären und mit der Anlage des Romans erklären. Auch das Titelbild ist passend gewählt!

Ich habe viel zum Nachdenken mit auf den Weg bekommen. Es ist schade, dass dieser Roman nch nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Eine sehr lohnenswerte Lektüre!
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