"Mit Eichmann an der Börse" versammelt Geschichten, die mit fast selbstquälerischer Genauigkeit der Frage nachspüren, was es heißt, als nachgeborene Jüdin in Deutschland zu leben. In der Titelgeschichte ist von einem Kind zu lesen, dessen Mutter und ältere Schwester den Holocaust überlebt haben. Wäre vielleicht alles anders, wäre sie auch im Kleiderschrank versteckt gewesen? In skurrilen, fast schon ironisch witzigen Beobachtungen sind in "Ein Tag. Und ein Tag" das Lachen und die Verzweiflung einander unglaublich nahe. Eine Beerdigungsfeier wirkt beinahe heiter, wenn nicht mitten unter den Kaffeegästen zwischen Stasi und Nazi eine Menge Probleme auftauchten. Hackepeter, Eisbein und Fragen der jüdischen Identität kann Esther Dischereit in einem Bündel mühelos und einleuchtend zusammenschnüren. Über "Aimée & Jaguar" - vor wenigen Jahren zum Kultpaar einer deutsch-jüdischen Frauenliebe während der Nazizeit avanciert - fördert sie eine andere Wahrheit zutage. Um eine Golem-Figur geht es an anderer Stelle, ein Bediensteter des Wachpersonals läuft vor ihr davon...
Sehr spannende Essays zu jüdischen Themen der frühen 2000ern. Wenn man das Buch heute liest, scheinen zwar einige Essays im gesellschaftlichen Diskurs an Aktualität verloren zu haben, jedoch überzeugen sie noch immer durch Dischereits Schreibstil. Viele der Essays haben mir gute Gedankenimpulse gegeben und mich sehr beeindruckt!