Ich kann leider keine dieser positiven Rezensionen teilen. Doch beginnen wir zumindest mit dem positiven: Mit diesem Buch hat man wirklich einige anstrengende und aufregende Tage vor sich, denn es ist randgefüllt, man könnte beinahe sagen, überfüllt mit Übungen. Es handelt sich daher eher um ein Praxisbuch als ein Lehrbuch. Was es gerade für Anfänger äußerst interessant macht, da es spielend leicht in die Praktik der Meditation und Ritualpraxis einführt. Das Buch vermittelt das jede:r zum:zur erfolgreichen Hexe:r werden kann, wenn man nur bereit ist zu lernen. Auch für schon erfahrenere Hexen kann das Buch helfen die Basics wieder mehr zu verinnerlichen. Schließlich ist die Praktik kein Sprint, sondern ein Marathon. Die Übungen selbst sind äußerst zeitintensiv, jedoch auch sehr interessant und meist wohl überlegt. Allerdings sind sie oft sehr visuell gehalten. Als jemand mit Aphantasie wird man mit diesem Buch wohl eher weniger Freude haben. Leider ist das nicht mein einziger negativer Punkt.
Mat Auryn hat offensichtlich ein gesundes Selbstbewusstsein und neigt zur Überspitzung, beziehungsweise teilweise sogar zur Mystifizierung. Wenn man beim meditieren am Anfang einschläft so ist das eine normale Reaktion des Körpers auf den Entspannungszustand, den er vielleicht im Alltag nicht gewöhnt ist und nicht etwa, wie Auryn behauptet, ein Zeichen, dass man mehr übersinnlichen Kräfte/höhere Energien besitzt als andere (wie auch Auryn selbst nach eigenen Worten) und das Einschlafen sei dann ein Selbstschutz (S. 25, 26). So eine Aussage spaltet Hexen unnötig in mehr und weniger qualifiziert und ich sehe keinen Nutzen darin, außer dass Auryn sich hier zwischen den Zeilen als sehr talentierter Hexer darstellen konnte. Wissenschaftlich gesehen ist das Buch oft nicht auf dem neustem Stand. Zwanghaft wird versucht Wissenschaft mit dem spirituellen zu verbinden, das wirkt im Endeffekt albern, besonders wenn man etwas über Quantenphysik versteht und bei Auryns kläglichen Versuch diese in seine Definition des Universums zu dichten (S. 137) nur lachen kann. Wissenschaft und Spiritualität können unabhängig nebeneinander stehen. Sie müssen nicht zwanghaft fusioniert werden.
Auch das Hören von Stimmen sollte immer zu aller erst schulmedizinisch abgeklärt werden und wird wohl nur in den seltensten Fällen ein Zeichen der Hellhörigkeit sein (S. 66). Das selbe gilt für Schlaflähmung (S. 187). Auryn bezeichnet dies als schlichte Astralreise, dabei kann es Symptom einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder sogar eines Gehirntumors sein. Und muss daher immer ärztlich abgeklärt werden! Es ist nahezu fahrlässig, wie womöglich schwere Erkrankungen hier als spirituelle Talente dargestellt werden und lässt mich an dem Altruismus des Autors ernsthaft zweifeln. Auf S. 133 soll ein Anfänger die Heilung anderer durch Handauflegen lernen. Eindeutig wird hier auf Reiki angespielt. Reiki ist aber keine Anfängerübung und gehört auch nicht in ein Anfängerbuch. Mitunter sucht man vergebens nach dem Hinweis, dass der:die Heiler:in sich selbst auch schützen und danach reinigen muss!
Viele Praktiken die Auryn in diesem Buch teilt, kommen außerdem aus unterschiedlichen Strömungen des Wicca-Bereichs. Dies liegt allein schon daran, dass Auryn selbst Teil von Black Rose Witchcraft, Cabot Tradition of Witchcraft und dem Temple of Witchcraft ist. Dies ist ja auch erst mal nicht schlimm, wenn dies denn offen kommuniziert werden würde. Jedoch ist stattdessen die Rede von „traditionell unterteilen Hexen…“ (S. 63), wicca Traditionen werden also als allgemeingültig dargestellt (zB law of the three S. 131; Cone of Power S. 183; S. 195 gesamt).
Besonders bezeichnend empfinde ich es, dass Auryn offen für Temple of Witchcraft wirbt (S. 182). The Temple of High Witchcraft ist zwar ein (wenn auch sehr abgedrehtes und wicca lastiges) interessantes Buch, aber der Autor Penczak ist kritisch zu beäugen. Er führt den Temple of witchcraft an (welchem auch Auryn angehört). Diese Organisation verlangt Geld für den Eintritt und mehr Geld für das Aufsteigen der einzelnen höheren Hexerränke. Es gleicht dem Prinzip von Scientology. Jede:r muss selbst entscheiden was er:sie von solchen Machenschaften hält. Ich finde es steht en contraire zu einem Buch, was ansonsten Balance und Gleichheit predigt… Doch mit Gegensätze hat es dieses Buch ohnehin. Auf S. 193 wird dann ein Geldzauber vorgestellt, dabei wurde auf den Seiten davor stets gepredigt, dass Magie Balance heiligt und von nichts nichts kommt. Beim Geldzauber bedeutet dieses Prinzip anscheinend nichts mehr. Man sucht vergebens eine Warnung, dass dies auch unschön enden kann (Familienmitglied stirbt —> Erbe etc). Stattdessen liest man als Vorschlag „ich wünsche mir genug Geld, um meine Miete und meine Rechnungen bezahlen zu können und noch 1200 Dollar übrig zu haben.“ Das nenne ich mal Balance.
Einen weiteren Widerspruch findet man auf S. 203, dort wird ein Zauber vorgestellt, der Menschen aus der Umgebung vertreiben soll. Vorher hieß es noch auf den Willen anderer mit Magie ungefragt einzuwirken, sei Schadensmagie und dies dürfe man unter keinen Umständen tun. Also was nun?
Am kritischsten sehe ich jedoch, dass Aleister Crowley in diesem Buch als Prophet hochgehalten wird (S. 195, 196). Crowley war ein Rassist, der glaubte verschiedene menschliche Ethnien [ mit seinen Worten „Rassen“] existieren aufgrund der unterschiedlich starken Willen und dem Zweck der Seele; er schrieb das antisemitische Buch „The jewish problem“; lebte sich in selbstwerterhöhende Rollen; gab sich selbst alle seine Titel/Rollen; war sexistisch und misogyn; hat mehrere seiner Jünger:innen sexuell belästigt und zwang seine Anhänger:innen zum Drogenkonsum. Die Erkenntnisse, die er in seinen Jahren nieder schrieb und die uns zugegebenermaßen bis heute nutzen, machen seine Taten nicht wett. Das allerletzte was Crowley für mich ist, ist ein Prophet. Dass er in diesem Buch so dargestellt wird, sollte alles über den Autor sagen.
Was ist also mein Fazit? Nun die Übungen sind für Anfänger wirklich schön. Man sollte nur aufpassen, das man dabei nicht am Ende in irgendwelche kritischen Strömungen fällt. Die Verweise auf diese Strömungen sind zahlreich, aber subtil. Die Frage ist letzten Endes ob man ein Werk vom Künstler trennen kann - ich kann es nicht wirklich. Zugegebenermaßen bin ich aber auch äußerst kleinlich und manch andere würden die unterschwelligen problematischen Aussagen wohl gar nicht bemerken. Doch das ist ja das gefährliche an diesen Strömungen, sie ziehen einen langsam an und bis man merkt, dass man im Strudel ist, kommt man nicht mehr raus. (Dramatisch formuliert, aber ich stehe dazu).
Für den bloßen Inhalt und den Autor gibt’s 0 Sterne. Für die Übungen abgetrennt von allem anderen würde ich 5 vergeben.