Ich nickte. Ich hatte keine Lust, diesem ahnungslosen Sohn des legalen Rechtes zu erklären, wie zerstörerisch Hoffnung sein konnte. Sie konnte die Widerstandskraft eines geschwächten Herzens fressen, wie verfehlte Schläge die Reserven eines Boxers, der am Verlieren ist. Ich hatte mehr Leute an getäuschter Hoffnung eingehen sehen, als an igelhaft zusammengerollter Resignation, die alles auf bloßes Überleben konzentrierte und deshalb keinen Platz mehr hatte für irgendetwas anderes.
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Es war nicht allein der Gedanke, dass Robert Hirsch in New York war und noch lebte, – es war noch etwas anderes, – das, wogegen ich mich noch vor wenigen Minuten gewehrt und das ich mit der Arroganz des Unglücks von mir gewiesen hatte: eine verzweifelte Hoffnung. Sie war plötzlich lautlos da, aufgesprungen in diesem Augenblick, eine verdrehte, ungerechtfertigte, wilde Hoffnung, eine anonyme Hoffnung, ohne Ziel beinahe, nur mit dem einen nach einer nebelhaften Freiheit; – aber einer Freiheit wofür? Wohin? Wozu? Ich wusste es nicht. Es war eine Hoffnung ohne Namen, die das, was in mir Ich sagte, ohne mich hochwarf in einer so primitiven Lebensgier, dass sie fast nichts mehr mit mir selbst zu tun hatte. Wo war meine Resignation geblieben? Wo mein Misstrauen? Wo meine jammervoll konstruierte künstliche Überlegenheit? Ich wusste es nicht mehr.
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»Was ist los mit Ihnen?« »Hoffnung«, erwiderte ich ironisch. »Sie bringt den Menschen rascher herunter als Unglück.
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Das Gedächtnis war der größte Fälscher, den es gab; alles, was man überlebte, wurde in der Erinnerung rasch zum Abenteuer, – sonst gäbe es nicht immer neue Kriege.
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Es war eine unbeschreibliche Nacht, hoch und still, warm, voll von spätem Juli, die Blumengeschäfte überströmend mit Rosen, Nelken und Orchideen, mit Fliederständen auf den Trottoirs der Seitenstraßen, mit einem Himmel voller Sterne, der sich über dem Central Park ausweitete, getragen von Baumwipfeln, Linden und Magnolien, durchhallt von Frieden, Pferdedroschken für späte Liebende, dem melancholischen Gebrüll der Löwen und leuchtendem Autogesumm, das seine Lichthieroglyphen in der Straße neben dem Park entlangschrieb.
Er blinkte im Licht des unsichtbaren Mondes. Ich setzte mich auf eine Bank. Es war mir nicht möglich, klar zu denken. Ich versuchte es; aber die Vergangenheit war plötzlich da, alles wirbelte, schwankte, kam heran, starrte mich aus toten Augen an, tauchte wieder unter in den Schatten der Bäume, raschelte, schlich, mit unhörbaren Tritten, aufs Neue heran, redete mit erloschenen Stimmen aus Asche und Trauer, mahnte und flüsterte und trieb durch die Irrgänge der Jahre plötzlich heran, bis ich fast an Halluzinationen glaubte und sie zu sehen vermeinte, in einem geisterhaften Gefüge von Schuld, Verantwortung, Versäumnis, Ohnmacht, Bitterkeit und dem flackernden Schrei nach Rache. Alles war auf einmal wieder aufgerissen in dieser warmen Julinacht, voll vom Geruch des Wachsens und Blühens und der modrigen Feuchtigkeit des flachen, schwarzen Sees, auf dem hin und wieder träumende Enten trocken gackerten, eine Schattenparade des Schmerzes, der Schuld und der unerfüllten Versprechen.
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Hüte dich vor der Fantasie; sie vergrößert, verkleinert und verzerrt.
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Vergessen kann nur, wer nichts zu vergessen hat.
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»Wie angenehm, dass sie jetzt nicht alle die Fragen stellen, wie andere es tun. Sind Sie nicht neugierig?«
»Nein«, erwiderte ich und zog sie an mich. »Ich nehme, was kommt.« Sie wehrte sich nicht. »Wollen wir es dabei lassen?«, fragte sie. »Nehmen, was kommt? Was der Zufall bringt? Nicht mehr?« »Nicht mehr«, sagte ich und küsste sie. »Beim Mehr beginnen die Lügen und die Schmerzen. Wer will das schon?«
Ihre Augen waren weit geöffnet. Das Licht der Laternen spiegelte sich in ihnen. »Gut«, erwiderte sie. »Wenn man das kann! Gut!«, wiederholte sie. »D’accordo!«
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Ich spürte ein leises Zittern in meinen Adern. Ich konnte mir plötzlich nicht vorstellen, dass ich je nach Deutschland zurückkommen könnte. Ich wusste, dass ich nichts anderes wollte; aber ich konnte nie darüber hinausdenken. Es war auch anders. Ich wollte zurück, weil ich die Mörder meines Vaters suchen wollte; nicht, um dort wieder zu leben. Ich spürte jetzt, in diesem Augenblick, dass ich es auch nicht mehr konnte. Immer würde da diese doppelte Vision sein, – die des harmlosen Kleinbürgers und die des gehorsamen Mörders. Ich fühlte, dass ich sie nie mehr separieren konnte. Es war zu oft passiert. Ich wollte es auch nicht. Da war eine steile, schwarze Wand, über die ich nicht hinauskonnte. Das waren die Morde, die mein Leben zerrissen hatten. Ich konnte nicht einmal an sie denken, ohne für Tage in Aufruhr zu geraten.
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Wir sind zu früh in alle Arten von Einsamkeit geworfen worden, um nicht zu wissen, dass nichts bleibt, nur das Elend, und um nicht jedem Glück zu misstrauen. Aber es gibt viele tausend Dinge, die wir dafür gelernt haben, Glück zu nennen, – Überleben zum Beispiel, – oder nicht gefoltert oder verfolgt zu werden, einfach weil wir da sind. Glaubst du nicht, dass daraus viel leichter ein fliegendes, rasches Glück entstehen kann, als früher, wo man nur das schwerfällige Glück auf Dauer gelten lassen wollte, das sich selten realisierte, weil es auf eine bürgerliche Illusion gegründet war? Wollen wir es nicht dabei lassen? Wie, zum Teufel, sind wir überhaupt auf dieses idiotische Gespräch gekommen?
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Sie entglitt mir, dachte ich. Sie weiß schon nichts mehr von mir; ich bin nur noch ein Hauch Wärme und vertrauter Widerstand, gegen den man sich presst, und auch das wird in wenigen Minuten vorbei sein. Dann wird das, was von ihr Bewusstsein und Illusion ist, allein die Kanäle des Unbewussten entlangtreiben, erschreckt und fasziniert von dem fremdartigen Wetterleuchten der Träume wie von den fahlen Blitzen vor dem Fenster, ein veränderter Mensch, fremd dem, was er am Tage war, hingegeben den Nordlichtern anderer Pole und den Zufällen unterirdischer Gewalten, offen allen Einflüssen, ohne die Hemmungen angelernter Moral und Ichbeziehungen. Wie weit war sie schon weg von der Stunde vorher, als wir den Gewittern unseres Blutes glaubten und eins zu werden schienen in der beglückenden und traurigen Täuschung äußersten Naheseins, unter dem weiten Himmel der Kindheit, als man noch annahm, Glück sei eine Statue und nicht eine Wolke, die sich immer veränderte und oft zerging. Die kleinen Schreie ohne Atem, die Hände, die sich hielten, als wäre es für immer, die Lust, die sich Liebe nannte und hinter der fern der bewusstlose Egoismus des Mordes schwelte, das Starren des letzten Augenblicks, in dem alle Gedanken zerbarsten und man nur noch Wille war und Empfangen und einander kaum noch kannte und erkannte und damit der Täuschung verfiel, eins zu sein und sich aufzugeben im andern, während man nie einander fremder war und nie mehr fremdes Sichselbst, – und dann das Ermatten, die sanfte Seligkeit zu glauben, sich im andern wiederzufinden, die kurze Faszination der Illusion, der Himmel voller Sterne, die langsam bereits verbleichten und den Alltag oder die Nacht der Gedanken wieder hereinsinken ließen.
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Mein Reisen war immer eine Flucht gewesen, auf der man keine Lederkoffer gebrauchen konnte, und es war eine Flucht auch hier, von wo ich nicht mehr weiterkonnte und – wollte, es war immer, das erkannte ich jetzt an diesem Herbstabend, eine Flucht vor mir selbst, eine Flucht vor dem, der zerbrochen und verwirrt in mir lebte und schrie und kein anderes Ganzes von sich begreifen konnte als das, auch zu zerstören, das was mich zerstört hatte. Ich war ihm ausgewichen und würde weiter ausweichen, denn ich wusste, dass ich es nur benutzen konnte, wenn die Zeit dafür kam, nicht vorher, sonst würde es mich selbst nur zerschneiden. Und je weiter sich die geknebelte und blutige Welt wieder öffnete, umso näher würde meine eigene Auseinandersetzung mich einschließen in das finstere Gewirr der Ohnmacht und der Tat, von der ich nichts weiter wusste, als dass sie geschehen müsste, ganz gleich ob sie mich ins Verderben risse oder nicht.