Mit Mode kennt sich Silvie, die mittlere der drei Berliner Thalheim - Schwestern, bestens aus! Sie weiß instinktiv, wie sich die vielfältigen Stoffe auf der Haut anfühlen, weiß, was Frauen steht und gefällt und welche Mode-Trends im Kommen sind. Damit wäre sie geradezu prädestiniert, eine tragende Rolle im familieneigenen Modekaufhaus Thalheim zu übernehmen, das nach mühsamen Anfängen nach Kriegsende inzwischen wieder zu einer namhaften Adresse in West-Berlin geworden ist und dessen Aufstieg kaum aufzuhalten scheint. Doch hält sie sich zurück, setzt ihre Prioritäten anderweitig, möchte sich vorerst nicht im Familiengeschäft engagieren und stattdessen unabhängig bleiben mit ihrer erfolgreichen Rundfunktätigkeit beim RIAS, die ihr Lob von allen Seiten und einen wachsenden Bekannt- und Beliebtheitsgrad beschert. Moderne, gar nicht traditionelle Ansichten zu Beginn der 50er Jahre, als man Frauen noch suggerierte, dass ihre Erfüllung vor allem in der Familie, der Sorge um Mann und Kind und damit auch der Entsagung der eigenen Wünsche läge!
Doch die Thalheim-Frauen waren von jeher anders, sie ließen sich nicht in feste Schemen pressen, waren eigenständig im Denken und Handeln. Rikes, der rationalen ältesten Schwester Tatkraft und Einsatz, war es schließlich zu verdanken, dass es für das zerbombte Modehaus nach dem Krieg überhaupt weiterging, obwohl auch sie allerlei Hürden zu überwinden hatte, denn der Vater hätte lieber seinen Sohn Oskar, der am Ende des ersten Bandes um die Ku'damm-Schwestern völlig verloren, krank an Leib und vor allem der Seele, aus russischer Gefangenschaft zurückgekehrt war, an Rikes Stelle gesehen..... Nun, im zweiten Band geht sein Wunsch in Erfüllung, zumal Rike, frisch verheiratet, mit einer schwierigen Schwangerschaft zu kämpfen hat und es für den Alten, ewig Gestrigen, ein Leichtes ist, sie zumindest für eine Zeitlang auszubooten. Ein fataler Fehler, wie sich bald schon herausstellt, denn es sind eben nicht die Männer der Thalheims, die das nötige geschäftliche Geschick und darüberhinaus das Gespür besitzen, um in einer sich rasch verändernden Zeit nicht nur erfolgreich zu sein, sondern auch zu bleiben!
Bis sich diese Erkenntnis allerdings, und dies aufs Mühsamste, durchsetzen kann, werden eine ganze Reihe von Jahren vergehen, genauer gesagt die Jahre, in denen Wunderbare Zeiten spielt, nämlich zwischen dem Frühling 1952 und dem Spätsommer 1957, Jahre, in denen sich nicht nur in der neu entstandenen deutschen Bundesrepublik und Berlin West und Ost viel ereignet, in denen Weichen gestellt werden für die Zukunft, sondern auch im Leben der Protagonistin, die diesmal Silvie ist, die junge Frau, die im ersten Band so leichtfertig daherkam und sich gemausert hat zu einer nachdenklichen Person, die vieles, vor allem sich selbst, in Frage stellt, deren Stärke die tiefe Empathie ist, die sie aber auch empfänglich macht für persönliches Leid, und natürlich der gesamten Familie Thalheim und allen, die zu ihnen gehören.
Und wer da denkt, dass das Schlimmste ja nun wohl überstanden sei, dass es nun nur noch bergauf ginge, wird bald eines Besseren belehrt, denn viel Bitteres kommt auf Silvie und die Ihren zu, schwere Tage und viel neues Leid, durch das die einen geläutert werden und ihren Weg finden, während die anderen den ihren verlieren und daran zugrunde gehen.
Doch soll hier potentiellen Lesern des Romans nicht vorgegriffen werden - ohnedies kann man dem Werk in einer zusammenfassenden Besprechung nicht gerecht werden, denn es ist so facetten- und detailreich, bestückt mit, wen nimmt das bei der Autorin wunder, unvergesslichen Charakteren, die man auch nach beendeter Lektüre nicht gleich loslassen kann, darüberhinaus auch versehen mit so vielen schillernden, pikanten, kleineren und größeren Anekdoten und Histörchen am Rande, die es so bunt machen, wie es kaum ein Kaleidoskop für sich beanspruchen kann! Er sprüht geradezu vor Lebendigkeit, dieser wunderbare Roman aus der Feder der Historikerin und begnadeten Geschichtenerzählerin Brigitte Riebe, er führt uns eine bewegte Zeit aus der jüngeren Geschichte vor allem Deutschlands, aber auch Europas nicht nur mit präzisen Hintergrundinformationen vor Augen, sondern, was noch viel mehr ist, denn für bloßes geschichtliches Wissen kann man schließlich ja auch ein Geschichtsbuch lesen, macht diese Zeit spür- und erfahrbar. Und das bezieht sich nicht nur auf die spannenden, durchaus auch tragischen, auf jeden Fall aber weltverändernden politischen Ereignisse, sondern für mich vor allem auf das allgemeine Lebensgefühl der ersten Hälfte der 50er Jahre.
Brigitte Riebe lässt, wie nur sie es kann, in diesem zweiten Band, der eigentlich der gefühlvollen Silvie gewidmet ist, Melodien erklingen, die nie verstummen, sie lässt dem Leser gewisse verführerische und nie ihre Attraktivität verloren habenden Chanel-Düfte in die Nase steigen, lässt den Geschmack von Hawaii-Toast auf der Zunge spüren, lässt Marilyns sinnliches, sich über dem Luftschacht bauschende Kleid aus Billy Wilders berühmten Film sich um den eigenen Körper schmiegen, Brechts Theaterstücke und Bölls berühmte Romane aus den Tiefen der Erinnerung emporschweben - kurz und gut, sie berührt nachhaltig Sinne und Seele ihrer Leser, die vermutlich in der Mehrzahl dem weiblichen Geschlecht angehören, denn wir haben es hier mit einem Frauenroman im allerbesten Sinne zu tun, und sie verschafft ihren Anhängern und solchen, die es hoffentlich noch werden, ein Lesevergnügen, das man nur zu gerne mit dem dritten Band der Trilogie um die Ku'damm-Schwestern wiederholen möchte!