Eine vornehme Dame auf Mörderjagd? Warum denn nicht?, denkt sich Frau Ehrenstein, als die Tante ihres Dienstmädchens Bianca erdrosselt aufgefunden wird. Schließlich wünscht sich Frau Ehrenstein schon lange etwas Abwechslung von ihrem gleichförmigen Wirken als Hausherrin im exklusiven Wiener Stadtteil Hietzing, das sich eigentlich schon in der morgendlichen Inspektion der Dienerschaft erschöpft. Gelegentliche Ausflüge in den Tierpark Schönbrunn mit ihrem Sohn Willi oder Abende in der Oper sind zwar schön, aber eben auch nicht wirklich tagesfüllend. Man könnte glatt meinen, Frau Ehrenstein lebe im 19. Jahrhundert und nicht in den 1970er Jahren, in Zeiten von Glamrock, LSD und Blu menkindern. Weil sich die gnä' Frau in Stöckel schuhen schlecht ins Verbrechermilieu begeben kann, bittet sie kurzerhand ihr neues Hausmädchen Marie um Hilfe, mit der sie nicht nur die Leidenschaft für Filme und Whiskey verbindet. Die gemeinsame Suche nach dem Würger von Hietzing gestaltet sich deutlich abenteuerlicher, als Frau Ehrenstein sich das hat träumen lassen.
Ich lese ja nicht so viele Krimis. Umso mehr hat mir „Der Würger von Hietzing“ gefallen. Vorweg zum Titel: Den Würger gab es wirklich in den 70er Jahren und er erhielt diesen „Titel“ von einer Boulevardzeitung, welcher anschließend von anderen übernommen wurde. Ein Fakt, den man im Buch lernt. Abgesehen von Würger sind jedoch alle anderen Figuren frei erfunden. Das Buch war ein Lesevergnügen. Es war sehr unterhaltsam, dabei auch spannend und angenehm geschrieben. Hauptfigur ist die Gnädige Frau, Helene Ehrenstein, welche sich nur in den feinsten Wiener Kreisen bewegt und Krimi- und Whiskeyfan ist. Ihr Alltag besteht aus der morgendlichen Inspektion und generellen Anleitung des Dienstpersonal, Zeit mit ihrem Sohn, Verabredungen zum Shopping und Essen mit ihren Freundinnen sowie abendliche Veranstaltungen, die der Reputation ihres Mannes dienen. Als die Tante ihres Dienstmädchens Biancas ermordet wird, erfährt Frau Ehrenstein, dass dies nicht die erste Tat dieser Art im 13. Wiener Gemeindebezirk war und vom Täter jede Spur fehlt. Gemeinsam mit ihrem zweiten Dienstmädchen Marie, mit welcher sie abends mal heimlich einen Whiskey trinkt und plaudert, macht sich Helene Ehrenstein im Wien der 70er Jahre auf Mörderjagd. Helene Ehrenstein hat ihr Milieu zwar noch nie verlassen, aber viele Krimis gelesen und gesehen, und was Miss Marple schafft, sollte sie doch auch hinkriegen. Voller Unternehmungslust, aber auch voller Naivität macht sie sich also auf Mörderjagd. Ohne Marie wäre sie dabei wohl etwas verloren. Und was Helene Ehrenstein an Wissen über das „echte Leben“ und „die normalen Leute fehlt“, machen ihr Ehrgeiz und ihre Engagement wett. Constanze Scheib, selbst in Hietzing geboren und aufgewachsen, schmückt ihr Buch mit viel Lokalkolorit und Situationskomik aus. Ich musste beim Lesen mehrmals schmunzeln und konnte mir einzelne Szenen so gut vorstellen, vor allem als Helene Ehrenstein eine Hippie-Kommune besucht oder versucht einen lokalen, nicht legal agierenden Schmuckhändler zu erpressen. Im Buch kommen immer wieder Wiener Ausdrücke und Dialekt vor. Diese Ausdrücke erklären sich aber entweder direkt aus dem Zusammenhang oder werden tatsächlich im Zuge der Erzählung erklärt. Für mich als Person, die zwar in Wien wohnt, aber nicht aus Wien kommt, war die Menge gerade noch verkraftbar. Es passt aber zum Buch und generell zu dieser Geschichte, es stört weder den Lesefluss noch die Story. Im Fazit: Ein unterhaltsamer Krimi für angenehme Lesestunden, der sich auch gut als Geschenk eignet. Ich freu mich schon auf die weiteren Fälle von Frau Ehrenstein und bin gespannt, wie sie agiert, jetzt, wo sie bereits Erfahrungen gesammelt hat. Ich freue mich auch schon auf Marie und hoffe, dass sie Frau Ehrenstein wieder begleiten wird, da sie meine Lieblingsfigur war.
Der Stil liest sich flüssig, die Charakter sind imho gut ausgearbeitet (*vielleicht* ein wenig seicht an manchen Stellen, aber nicht in einem unangenehmen oder störenden Maße) und haben ihre Stärken und Schwächen, die zum Tragen kommen. Der Fall basiert auf einer wahren Begebenheit (also, die Morde, nicht die Ermittlungen), aber die Fiktion wirkt nicht anmaßend, wie es bei sowas leider oft der Fall sein kann. Der Fall/Plot baut sich logisch auf, und auch wenn man den Täter schon kurz nach dessen Auftauchen erraten kann, so findet dieses doch spät genug im Fall statt, dass es nicht stört. Es gibt zwar Besuche von Kommissar Zufall, aber diese haben immer eine gewisse Logik an sich. Auch die Versatzstücke wie Orts- oder Geruchsbeschreibungen fügen sich angenehm in den Text ein und sind nicht aufdringlich oder halten das Momentum der Geschichte an. Das Einzige, was mich manchmal ins Stocken brachte, war die Wiener Mundart, die ich doch ab und an nachschlagen musste. Aber es war nichts, was einen aus der Geschichte reißen mag.
Ein paar Warnungen aber: In der Geschichte finden (schiefgegangene) Abtreibung und sexuelle Nötigung kurze Erwähnungen. Auch gibt es durch den ganzen Text Beschreibungen von Gerüchen.
Aber unterm Strich ein empfehlenswertes Buch, IMHO.
Eh ganz witzig, aber halt nicht wirklich spannend. Man erinnert sich gern an die Zeit, deswegen liest man das Buch. Sicher nicht wegen dem genialen Storytelling.
Mordgeschichten sind normalerweise nicht meine erste Wahl. Hin und wieder greife ich dann aber doch zu. So auch bei diesem Buch. Was man sich nicht erwarten darf: eine hochkomplexe Handlung mit zig Abzweigungen und vielen Verdächtigen. Was man sich jedoch schon erwarten darf: Wiener Schmäh und viele Anekdoten, die man aus dem täglichen Wiener Leben immer noch kennt.
Kritikpunkt: Wenn man die Wiener:innen nicht kennt, kann man nicht wirklich in die Atmosphäre eintauchen. Dann fühlt man sich wohl eher wie bei einem lauen Kaffeekränzchen. Aber wenn der Konnex zu Wien da ist, kommt man an gelegentlichem Schmunzeln nicht vorbei.