,,Es muss das Natürliche, muss nicht das Gute auch sein [...] Weil das Natürliche kann doch das Schrecklichste auch sein. Natürlich kann sich das Natürliche von seiner schlimmsten Seite zeigen auch. Nur weil die Leute sich ihre Natur verklären wollen, weil ihre Vorstellung einer Natur nicht über die Hecken ihrer Kleingärten hinaus noch reicht, heißt's nicht, dass automatisch das Natürliche das Bessere sein muss.'' - Fabian (S. 24)
Wieder mal ein Buch, das einst für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde, und dass sich sowohl durch seinen Titel als auch sein Cover und natürlich auch sein Thema deutlich von ,,normaleren'' Beispielen der Nominierten abhebt. Und wie solche Kuriositäten sowohl Aufmerksamkeit als auch eine Menge Lob und Verwirrung hervorrufen können, zeigt Schmalz mit diesem dünnen Büchlein sehr gut!
Es geht schon richtig absurd damit los, dass man den Tiefkühlkostvertreter Franz Schlicht kennenlernen, der durch die seit Monaten schrecklich heiße Stadt tuckert und seinen Kunden Waren ausliefert. Einem davon liefert er immer Rentierragout aus, und genau dieser bittet ihn darum, in ein paar Tagen vorbeizukommen und seinen Leichnam abzuholen. Aus welchen Gründen auch immer stimmt Schmalz dem seltsamen Mann zu, doch als er zu ihm will ist seine Leiche verschwunden!
Und so begibt er sich auf eine Reise durch die Stadt und unterhält sich mit lauter Menschen, die ihn persönlich kannten, und führt mit ihnen Gespräche, die ihm Hinweise auf sein Verbleiben liefern, aber auch auf allgemeine Angst und Unbehagen gegenüber der Zukunft.
Jep, ich bin ähnlich verwirrt wie ihr, und das, obwohl ich das Buch gelesen habe! Doch obwohl seine Handlung sehr traumartig verläuft und der Autor in seine Figuren eine Menge Philosophie und Nachdenken legt, ist die Kulisse einer von der Hitzewelle bedrohten Stadt und der Suche nach einer tiefgekühlten Leiche irgendwie ... interessant. Faszinierend. Und regt einem mit den möglichen Interpretationsmöglichkeiten dahinter auch zum Nachdenken an.
Was definitiv gewöhnungsbedürftig ist und einem das Buch kaputtmachen könnte, ist jedoch Schmalz' Schreibstil. Er kann zwar Überlegungen und Gesellschaftskritik sehr gut formulieren und kann auch eine verwirrende, dichte Atmosphäre aufbauen, aber er schreibt sehr umgangssprachlich und bedient sich öfter einer (fehlenden) Struktur des stream of consciousness, in dem die Figuren frei von der Leber weg und ohne Punkt und Komma reden. Dabei wiederholt er manche Halbsätze auch, sodass man als Leser anfangs oft über seine Sätze stolpert und sich ärgert, da man den Satz erneut lesen muss. Vielleicht wollte Schmalz damit aufzeigen, dass die hier auftretenden Personen alle eher zur niederen Mittelschicht gehören und auch schon etwas älter sind, und es ist nicht so, als könnte man sich nicht daran gewöhnen. Besonders, wenn man bedenkt, was für Gedankengänge dahinterstecken und wie ungewöhnlich und doch eindrucksvoll sie formuliert sind, weiß man den Schreibstil irgendwann sogar zu schätzen. Aber bis dahin ist es ein ziemlicher Weg über den gestörten Lesefluss.
Es sei nun mal die Krux des polizeilichen Ermittlers, dass er, erst wenn so ein Verbrechen mal geschehen ist, erst dann könne er in Aktion auch treten. Die Tat müsse schon getan, der Überfall schon Fall, der Mord müsse da schon gemordet sein, dann trete er erst auf, weil ohne ein Verbrechen auch kein Fall, und ohne Fall sei er, der Inspektor, gänzlich fehl am Platz. Weil das Verbrechen in der bloßen Möglichkeit, das ließe sich nun leider noch nicht ahnden. - S. 113
Da frage sie sich schon, ob das ein Zufall sei, weil daran glaube sie ja nicht, dass es so etwas gibt wie einen Zufalll. Da habe sie die Wirklichkeit, habe sie da eines besseren belehrt, dass man nur Zufall mangels bessren Wissens sagen würd, doch hätte man einmal die Hintergründe des sogenannten Zufalls auch durchschaut, dann wisse man es meistens besser. - S. 96f.
Genauso wie auf den Schreibstil muss man sich auf den Surrealismus dieser Geschichte einlassen, denn sie hat einen in ihrem Inhalt und ihren Diskussionen genauso viel zu sagen wie in der Art, wie sie erzählt ist. Die Figuren haben alle sehr plakative Namen, äußern ihre Meinung zu bestimmten Themen und überschneiden sich alle darin, dass sie sich vor der Zukunft fürchten und selbstbestimmt entscheiden wollen, was mit ihnen geschieht, egal ob durch Trickserei, Rückzug oder eben handlungsgebend die Bitte, der eigene Leichnam möge irgendwohin transportiert werden. Alles, was kühl oder kalt ist, steht stellvertretend für Gutes, alles, was heiß ist, als furchteinflößend und vergänglich. Es ist, als hätte der Autor mehrere Kurzgeschichten geschrieben, die sich rund um dieses Thema drehen, und sie dann zusammengefügt - vielleicht sogar in ein wenig zu geraffter Form, da das Ende recht abrupt ist und so manche Fragen offen bleiben. Dennoch sind das Themen, die einen sicherlich selbst beschäftigen und zu denen man beim Lesen eigene Theorien und Glaubenssätze entwickelt, denn was ist schon furchteinflößender für einen Menschen als das, was er nicht kontrollieren kann?
Alles in allem ist Mein Lieblingstier heißt Winter definitiv kein Lieblingsbuch für jedermann, besonders da man sich auf die Absurdität und den eigenwilligen Stil einlassen muss. Kann man das allerdings und betrachtet die Handlung wie einen abstrusen Traum, der seine innere Logik hat und einem was sagen will, kann man großen Spaß mit diesem Buch haben! Es ist kreativ, beschäftigt sich mit urmenschlichen Ängsten und stellt sie in vielerlei Hinsicht dar. Und es hat alles irgendwo einen Sinn - sogar das Reh auf dem Cover!
Gesamtwertung: 3,5/5 Punkte