Das Ruhrgebiet gibt es (noch) nicht! Erkenne dich selbst! Was würde es für das heutige Ruhrgebiet bedeuten, diesem Imperativ zu folgen? Zunächst die Einsicht, dass es (noch) nicht wirklich existiert. Es ist nirgends amtlich registriert, seine Grenzen sind nicht beschrieben. Es ist Mythos und doch Heimat. Wolfram Eilenberger, einer der besten Philosophen des Landes, versucht, diesem Paradox nachzugehen. Denn als Kernregion Europas ist das Ruhrgebiet am Ende ein Modell für uns alle. Ein Jahr ist der Philosoph Wolfram Eilenberger vor Ort in Mülheim an der Ruhr. Seine dortige das Ruhrgebiet verstehen, gar lieben lernen. Aber wie eine Region lieben, die sich selbst oft missversteht? Auf keiner Landkarte verzeichnet, in keinem Register vermerkt, in keinem Kunstwerk verewigt, ist das Ruhrgebiet bis heute auf der Suche nach sich selbst. Irgendwo zwischen Kumpel und Kohlen, Stadien und Halden, Brachen und Lachen, bleibt er also zu der Schatz eines Reviers, das aus mehr bestehen will als nostalgischer Rückschau.
Wolfram Eilenberger, born 1972, is an internationally bestselling, award-winning writer and philosopher.
In 2018, he published Time of the Magicians (Zeit der Zauberer) in Germany. The book instantly became a bestseller there, as well as in countries such as Italy, and Spain. It has been translated into thirty languages.
In November 2018 it won the prestigious Bayerischer Buchpreis, in 2019 the Prix du Meilleur Livre Étranger in France. It was also shortlisted for several other awards, both nationally and internationally. The book also received wide critical acclaim in the US and UK.
Eilenberger has been a prolific contributor of essays and articles to many publications, among them Die Zeit, Der Spiegel, and El País. He has taught at the University of Toronto, Indiana University Bloomington, the ETH Zürich and Berlin University of the Arts.
Eilenberger is one of the program directors of the phil.cologne, Germany's biggest philosophy festival, and moderator of the TV program Sternstunde Philosophie (Swiss Television). He also holds a DFB football trainer’s licence and appears regularly as a soccer expert on German TV and radio.
He is married to the linguist and former Finnish national basketball player Pia Päiviö, and he lives with his family in Berlin.
Wolfram Eilenberger – Das Ruhrgebiet: Versuch einer Liebeserklärung
„Ein Jahr ist der Philosoph Wolfram Eilenberger vor Ort in Mülheim an der Ruhr. Seine dortige Mission: das Ruhrgebiet verstehen, gar lieben lernen.“
Der Klappentext verspricht viel. Lässt mich mit Erwartungen an das Buch herangehen, dass der Autor am Ende viel über seine Praxiserfahrungen sprechen wird. Gleich zu Beginn des Buches wird klar: Das wird nicht der Fall werden. Seine Pläne werden ab März 2020 durchkreuzt: Corona erschwert ihm sein Vorhaben.
Die knappe erste Hälfte des Buches wird dadurch von schon bestehenden Texten regiert. Der Autor analysiert diese, um zu verdeutlichen, was das Ruhrgebiet ausmacht und wo die Probleme liegen (Texte von u.a. Heinrich Böll, Frank Goosen, Ralf Rothmann, Christoph Biermann).
Das Buch ist für mich insgesamt eine Essayansammlung/ Gedankensammlung zu den verschiedensten Themen wie z.B. Essen, Sport, Nostalgie, Kultur, Arbeit, Familie etc. Tatsächlich gab es für mich dabei aber doch einige interessante Gedanken dazu, was das Ruhrgebiet zusammenhält/ definiert. Darunter fällt auch die Frage ob das Ruhrgebiet nur noch aus Nostalgie besteht. Teilweise geht Eilenberger auch hart mit dem Ruhrgebiet ins Gericht – teilweise davon wohl auch nicht zu Unrecht.
Allgemein ist es beim Lesen von Vorteil, einen philosophisch angehauchten Hintergrund zu haben (und Grundkenntnisse in der französischen Sprache). Ich musste einiges nachschauen, da ich viele Begriffe nicht kannte, die auch leider nur zum Teil erklärt wurden.
Das gute Bier aus Bochum heißt allerdings Fiege.. ohne das L aus Fliege 😉 Und auch wenn keiner der großen Männerfußballvereine eine Frauenmannschaft in der 1. Bundesliga aufweist, so gibt es doch mit dem SGS Essen eine langjährige Vertretung eines Ruhrgebietsvereins 😉
An jeder Ecke spürt man bei diesem Buch: Es ist mitten in der Covid-19-Pandemie entstanden. Der poetische, philosophische Blick, den der Autor auf das Ruhrgebiet wirft, steckt voller aufregender, origineller Beobachtungen. Doch stammen viele dieser Beobachtungen aus der Isolation eines Elfenbeinturms im Villenviertel von Mülheim an der Ruhr. Der Autor macht daraus keinen Hehl, geht sogar selber darauf ein, dass viele seiner Erkenntnisse und Thesen auf Literatur über das Ruhrgebiet basieren.
Besonders auffällig wird die sozial isolierte Perspektive, wenn Autor sich fragt, was eine junge progressive Generation am Ruhrgebiet finden könnte. Denn ja, die typischen nostalgischen Marker des alten Ruhrgebiets (Arbeit, Bier und Currywurst) bieten nicht viele Anknüpfungspunkte für progressive junge Menschen. Der Autor übersieht dabei aber einen der Kernaspekte des Ruhrgebiets: seine lange Tradition der Weltoffenheit und der kulturellen Pluralität, die perfekt ins moderne, progressive Gesellschaftsbilder passt.
Dass das Ruhrgebiet seit jeher von Migration geprägt ist, hebt der Autor mehrmals deutlich hevor; doch schien ihm während der Pandemie die soziale Komponente gefehlt haben, um festzustellen, was dieser Aspekt des Ruhrgebiets in der Praxis gerade für junge Menschen bedeutet. Gleiches gilt für das Lebensgefühl in einer (sorry fürs Buzzword-Bingo) pulsierenden Metropole mit verschwimmenden Grenzen zwischen immensen Großstädten. Doch während der Pandemie lässt es sich eben nicht so attraktiv am gleichen Abend von einem Event in Duisburg zu einem Club in Dortmund reisen.
Letztendlich sind diese offensichtlichen Lücken aber Jammern auf hohem Niveau. Denn das Buch wirft, vielleicht auch WEGEN seiner einzigartigen Elfenbeinturmperspektive, einen ganz besonderen Blick auf eine Region, die nur selten poetisch, geradezu romantisch beschrieben wird – und schon gar nicht auf so hohem für ein Sachbuch fast schon literarischem Niveau.