Statt Vielfalt und Mischung zu erstreben, zerteilt sie unser Leben und unsere Debatten in ,,rassifiziert'' und ,,nicht-rassifiziert'', bringt die einen Identitäten gegen die anderen auf und setzt schließlich die Minderheiten in Konkurrenz zueinander. Statt sich eine neue, mannigfaltigere Welt vorzustellen, ergeht sie sich in Zensur. Das Ergebnis ist ein geistiges und kulturelles Ruinenfeld, das den Nostalgikern der Herrschaft zugute kommt. - S. 10
Dieses Buch spricht einem in vielerlei Hinsicht aus der Seele, wenn man bemerkt, wie Twitter immer häufiger aus Lappalien, Scherzen oder nicht bewiesenen Theorien regelrechte Hexenverbrennungen an Menschen durchführt, und dies auch auf die Realität übergreift. Es ist regelrecht frustrierend, selbst Minderheiten anzugehören und zu merken, wie Menschen auf Eierschalen um einen herumlaufen, weil sie so eine Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Scherzt man als Polin über sich, man sei halt von Natur aus begabt im Klauen, so wird das als internalisierter Rassismus aufgenommen. Ist man der Auffassung, dass es heute kein Patriarchat mehr gibt, wird man regelrecht bemitleidet. Und ist man weiß, so versagt einem nahezu jeder seine eigene Meinung. Fourest hingegen zeigt auf, wie sehr Identitätspolitik genau der Art von Zensur ähnelt, die Befürworter dieser Politik eigentlich vermeiden wollen. Und das nicht mal unbedingt böswillig.
Fourest nennt in ihrer Kritik mehrere Beispiele, in der sich die linksidentitäre Bewegung selbst ad absurdum geführt hat. Dabei wird sowohl das Konzept kultureller Aneignung angesprochen, einfach weil Leute davon ausgehen, dass bestimmte Kulturen bestimmte Frisuren für sich gepachtet haben, sowie das Hinterfragen der Herkunft/Sexualität o.Ä. von Schauspielern, die für eine Rolle wegen ihrer Hautfarbe oder sonstigen Dingen, für die sie nichts können, als nicht geeignet betrachtet werden. Dass dies kein Rassismus oder keine Zensur sei, läge nur daran, dass vornehmlich Mehrheiten betroffen seien und keine Minderheiten. In cleveren, gewitzten, manchmal sogar ein wenig zynischen Passagen klärt die Französin darüber auf, dass so keine Gleichheit aller Menschen erreicht werden kann und es eher für einen Mosaik der Gruppen sorgt als eine Vermischung derer. Klischees werden dadurch umso gefestiger, die Bereitschaft, einander zuzuhören, nimmt ab, und man spricht Menschen regelrecht ihr Mitsprache- oder Meinungsäußerungsrecht ab, nur weil die Hautfarbe, Sexualität oder sonstiges nicht passt. Man hat eher den Eindruck, dass es um Rache geht statt um Gleichberechtigung, und an diesen Spitzen der Bewegung zeigt sich das hervorragend.
Filme und Kunstwerke besitzen eine eigene Seele, denn sie sind das Ergebnis einer kulturellen Schöpfung. Manchmal sind sie besser als ihre Schöpfer, und sie haben das Recht, als Kunstwerke unabhängig von der Persönlichkeit des Künstlers beurteilt zu werden. - S. 86
Während es wunderbar ist, dass mehr Aufklärung über die Erfahrungen marginalisierter Gruppen stattfinden, so ist es der Auffassung der Autorin nach doch schade, dass diese dazu genutzt werden, jedem einen Safe Space schaffen zu wollen. Egal ob auf der Arbeit, im Studium oder in der Schule, wie es in den USA schon üblich ist, man kann sich vor allem Möglichen zurückziehen, worauf Triggerwarnungen schließen lassen. Dies kritisiert die Autorin, da man so in Gefahr gerät, ständiges Vermeidungsverhalten an den Tag zu legen und so ,,unangenehme'' Themen, die auch mit Traumata zusammenhängen können, jemals richtig zu verarbeiten. Ebenso wird der Meinungsaustausch über solche Themen so umso schwieriger, weswegen es umso unterhaltsamer ist von der Vorlesung der Autorin an einer US-amerikanischen Uni zu lesen. Denn während sie sich in der Mittagspause mit Studenten unterhielt, wurde klar, dass auch marginalisierte Gruppen einander gegenüber nicht wissen, wie sie mit sich umgehen sollen. Lesbische Frauen wissen nicht, wie sie mit Transsexuellen sprechen sollen, und vice versa, obwohl sie beide der LGBTQA+-Community angehören. Denn diese übermäßige Empfindlichkeit verhindert das. Es hat nahezu schon Züge einer grotesken Komödie, die die Autorin zynisch als ,,Opferkultur'' bezeichnet.
Wer sich bis zu diesem Punkt der Rezension gekämpft hat und sich beleidigt fühlt, kann ich sogar teilweise verstehen, denn der Ton der Autorin ist manchmal alles andere als versöhnlich. Natürlich fühlt man sich nicht gerne ins Lächerliche gezogen oder nicht ernst genommen, was ab und an eben Autoren passiert, die eine wütende, doch eloquente Kritik verfassen. Doch sie bietet dennoch in allen Abschnitten alternative Gedankengänge und Ideen an, die auf fruchtbaren Boden stoßen können.
Besonders das Ende zeigt, dass die Autorin sich wirklich um den Zustand unserer Welt sorgt und sie das Buch nicht dazu schreibt, um sich über andere zu stellen. Sie zeigt hingegen auf, dass Linksidentitäre mit ihrem Verhalten Rechtsextremen in die Hände spielen und sich dadurch die Fronten nur umso mehr verhärten. Mit einem starken Plädoyer fordert die Autorin gegen Ende genau das, was Linksidentitäre meistens fordern: Miteinander zu sprechen, sich zuzuhören, und vernünftig zu sein. Nur eben ohne Maulkorb.
So provokant sich der Titel auch anhören mag, er ist wirklich lesenwert. Eindrucksvoll zeigt er, wie Meinungsäußerung, Berufsausübung, Humor oder sogar einzelne Wörter immer mehr von unbeherrschbaren Bedingungen abhängen, und damit genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was man eigentlich möchte. Sie setzt sich für eine offenere, freiere und vor allem weniger empfindliche Welt ein, die an einer Aufarbeitung und einem Weitermachen statt einem ständigen Beschuldigen und Schwelgen in der Vergangenheit interessiert ist. Sehr eloquent, teilweise auch zynisch und witzig, aber stets durchdacht formuliert sie ihre Gedankengänge bezüglich mehr oder weniger bekannter Beispiele. Ab und an wird das zwar ein wenig repetitiv und könnte bei dem ein oder anderen Leser dafür sorgen, dass er das Buch wegen des bissigen Untertons wütend abbricht, ist allerdings dennoch eine tolle Lektüre.
Gesamtwertung: 4/5 Punkten