Einen Sommer lang arbeitet Elise für das gesellige Paar Margaux und Philippe in deren Ferienhaus in der Normandie. Fasziniert von den vielen illustren Gästen in der Domaine de Tourgéville, vom Leben, Wesen und der Ehe der Leclercs, wird die junge Frau zur eindringlichen Beobachterin von Sein und Schein. Sie erlebt ein Panoptikum der menschlichen Täuschungen, begreift, dass das Streben nach Glück und die Bereitschaft zum Betrug zwei Seiten derselben Medaille sind. Eines Abends jedoch wird die Gelassenheit dieses Sommers jäh und derart umfassend erschüttert, dass es auch Elises Leben für immer prägt. Ein hochaktueller Gesellschaftsroman, der im Erzählen Antworten sucht auf so viele offene Fragen unserer Zeit – klug, charmant und unwiderstehlich.
Hildegard „Husch“ Josten (* 1969 in Köln) ist eine deutsche Journalistin und Schriftstellerin.
Josten hat in Köln und Paris Geschichte und Staatsrecht studiert. Zunächst arbeitete sie für Burda, volontierte bei der Kölnischen Rundschau und ging in die Pressestelle der Köln-Arena. Heute arbeitet sie als freie Journalistin und Autorin.
Von „Hier sind Drachen“ der Autorin war ich begeistert, dieses Buch konnte mich weit weniger erreichen. Dabei ist durchaus gut geschrieben, kluge Gedanken in einem guten Sprachstil. Eine Ich-Erzählerin berichtet von einer prägenden Zeit in ihrem Leben, die inzwischen mehr als dreißig Jahre zurückliegt. Zunächst hatte ich einige Schwierigkeiten, das Geschehen zeitlich einzuordnen, bis ich begriff, dass die Ereignisse, über die berichtet wird, 2019 stattfanden. Ein interessanter Ausgangspunkt, auch wenn die zukünftige Zeit nahezu keine Rolle spielt und es nur ein paar Anspielungen auf die nach 2019 folgende Pandemie gab.
Nach Ende ihres Literaturstudiums arbeitet Elise für einen Sommer als Haushälterin bei einer Schriftstellerin und deren Mann, einem Unternehmer. Diese bewohnen ein außergewöhnliches, elegantes Haus am Meer und lieben es, Gäste einzuladen. Das Paar ist dem Anschein nach sehr glücklich, geht freundschaftlich mit Elise um, für die es eine wunderbare Zeit wird, bis etwas die Idylle zerstört.
Mit Elise beobachtet die Leserin das Paar und stellt sich Fragen. Warum werden so häufig Gäste eingeladen, wozu diese Darstellung des Reichtums, wenn sich beide sich auch mit sich selbst beschäftigen können, gute Bücher lesen und die Zweisamkeit genießen? Außerdem werden die Partys beobachtet, die Unterhaltung der Gäste wiedergegeben, die sich um aktuelles Geschehen dreht, meist belanglos, aber immer Anlass für Elise, ihre eigenen Gedanken schweifen zu lassen und zu philosophischen Einsichten zu gelangen. Diese Gedankenspiele habe ich genossen, doch sie wurden kurz abgehandelt, schon ploppte das nächste Thema auf – es waren zu viele, um im Gedächtnis zu bleiben.
Das Hauptthema ist dem Titel entsprechend, eine Lebenslüge, die hinter dem schönen Schein steckt, ohne die alles einen ganz anderen Weg genommen hätte. Gut gemacht ist, wie sich der Blick auf die Figuren beim Lesen verändert, wie man sich selbst dabei ertappt, vorzuverurteilen, und bei der Korrektur gleich das nächste Vorurteil zu bedienen, auch wenn man sich bemüht, unvoreingenommen zu sein.
Das Leben in großen Häusern am Meer mit jeder Menge Luxus interessierte mich aber zu wenig, um die Gedankenspiele wirklich genießen zu können, zumal die Themen, über die bei den Einladungen gesprochen wurde, für meinen Geschmack zu vielfältig waren und trotz kluger Gedanken zu oberflächlich blieben. Gutes Buch, aber nicht herausragend.
Die Autorin Elise kehrt zurück in die Normandie, wo sie in dem Jahr, bevor die Pandemie alles veränderte, vier Monate auf der Domaine de Tourgéville von Margaux und Philippe Leclerc verbrachte. Nach Abschluss ihres Literaturstudiums noch ohne berufliche Ziele arbeitete sie als Haushaltshilfe für das schillernde Paar, das regelmäßig illustre Gäste auf das Anwesen einlud und rauschende Soireen gab. Von der ersten Begegnung ist Elise fasziniert von den beiden; obwohl schon Jahrzehnte verheiratet scheinen sie immer noch innig miteinander verbunden und haben nicht aufgehört tiefsinnige Gespräche zu führen. Gebildet und weltoffen diskutieren sie mit ihren Gästen – von hohen Bankchefs bis zum Gärtner findet sich das komplette Panoptikum der Gesellschaft – ebenso über Literatur wie über Politik oder ganz persönliche Dinge. Ein Sommer, der für Elise nie zu Ende gehen müsste, dann aber einen unerwartet dramatischen Ausgang nimmt.
„Ich möchte, hatte Margaux bei einem unserer Abendessen theatralisch bekundet, am letzten Tag eines Sommers sterben. Nun. Sie ist nicht tot.“
Husch Josten konnte mich mit ihren beiden letzten Romanen „Hier sind Drachen“ und „Land sehen“ bereits restlos begeistern, lange musste ich mich auf den nächste gedulden, doch es hat sich gelohnt. Nicht nur ist „Eine redliche Lüge“ der perfekte Begleiter für den ausklingenden Spätsommer, der sich ideal im Garten genießen lässt, sondern er lädt mit einer Vielzahl an Themen zum Nachdenken ein und begleitet einem so auch über die letzte Seite hinaus noch weiter. Die Erzählerin beobachtet als Außenstehende das Treiben, saugt das Leben und die Erfahrungen der extravaganten Gästeschar auf, die so anders sind als das biedere Elternhaus, in dem sie großgeworden ist und muss am Ende des Sommers doch erkennen, dass sie - trotz intensiven Beobachtens und Zuhörens - das Wesentliche übersehen hat.
Es wird viel geredet in dem Roman, detailliert werden die abendlichen Konversationen von Elise wiedergegeben. Sie empfindet es als vollkommenes Glück, bei der Schriftstellerin und dem Geschäftsmann verweilen zu dürfen, ahnt jedoch noch nicht, dass diese Unbeschwertheit ein jähes Ende finden wird. Thematisch wandern die Gespräche von Untreue, der Rolle der Literatur, dem Klimawandel und Traumdeutung, über die sich in Europa ausbreitende Fremdenfeindlichkeit bis hin zu #metoo und Femiziden. Doch all dies verschwindet hinter Margaux und Philippe, die Elise auch nach Wochen noch nicht wirklich fassen kann:
„(...) wurde ich skeptisch. Warum das alles? Worüber redeten die Leute eigentlich? Und vor allem: Warum holten sich ausgerechnet Margaux und Philippe, zwei kluge, nicht oberflächliche Menschen, ein solches Panoptikum ins Haus?“
Die Gäste wollen gefallen, präsentieren sich, lechzen nach Anerkennung und Bewunderung, dabei geht unter, dass Margaux und Philippe diejenigen sind, die ihnen etwas vorspielen. Bis zum 25. August, dem letzten heißen Tag des Sommers. Langsam baut sich die Spannung auf, der Titel verrät schon, dass es ein Geheimnis gibt, das sich den Weg ans Licht bahnen wird. Es kommt jedoch nicht langsam, sondern mit einem Paukenschlag zum Vorschein.
So wie die Erzählerin von ihren Gastgebern in einen Bann gezogen wird, fesselt einem auch das Buch. Man will mehr von diesem Paar wissen, vor allem, was es mit dieser Lüge auf sich hat und welches unheilvolle Schicksal am Ende des Sommers wartet. Trotz der Spannung lässt es sich leicht in den Abendgesellschaften versinken, man hat geradezu das Gefühl, mit am Tisch zu sitzen und neben den geistvollen Gesprächen auch die verführerischen französischen Speisen zu genießen.
Was kann man mehr von einem Roman erwarten, als der Eindruck, ebenfalls Gast zu sein und die Figuren nicht nur aus der Ferne zu beobachten?
3 1/2 - 4 Sterne. Besonders toll fand ich an diesem Roman, dass hochaktuelle gesellschaftliche Themen in Gesprächen zwischen den verschiedenen Figuren stattgefunden haben und auch einen selbst zum Nachdenken brachten, aber nicht nur die Gespräche, sondern auch Elises Gedankenausführungen taten dies. Der Schreibstil der Autorin war ansprechend, teilweise sogar anspruchsvoll. Das Buch hat mir wirklich gut gefallen, meine Gedanken dazu sind jedoch immer noch nicht abgeschlossen. Ein geistreiches, anregendes Buch mit einer eher unterwarteten Wendung. Egal, was ich darüber schreibe, ich habe nicht das Gefühl dem Buch gerecht zu werden.
Gewohnt anspruchsvolle und niveauvolle Unterhaltung von Husch Josten, die ihre LeserInnen fordert und sich mit einigen der großen Themen der Literatur beschäftigt: Lüge und Verrat, Schein und Sein, Illusion und Wahrheit.