Hui, ein Buch, das - genauso wie "Erwachsenensprache" von Robert Pfaller - sehr viele Menschen lesen sollten!
Seien wir nämlich ehrlich: wir leben in einer Zeit, in der es vor Gutmenschen, Porzellanhaut und ständigem Sich-persönlich-angegriffen-fühlen nur so wimmelt. Die Veganer fühlen sich persönlich angegriffen, wenn jemand Fleisch isst, die Weißen fühlen sich - warum auch immer - persönlich angegriffen, wenn Barack Obama in einer Rede 2008 sagt, dass es einfach verdächtig viele Schwarze in den US-Gefängnissen gibt im Vergleich zu weißen Häftlingen, die Nichtraucher gehen in ein Raucherlokal und fühlen sich dann persönlich angegriffen, wenn dort geraucht wird, sogar an der frischen Luft ist das neuerdings ein Affront!
Und zu all dem kommt noch die Nettigkeit dazu. Man kann dieses oder jenes ja nicht sagen, weil das ist gemein, das kommt nicht gut an, das macht unbeliebt. Macht es das eigene Leben besser, wenn man sich insgeheim ärgert und die Wut runterschluckt? Genau auf diesen wunden Punkt drückt Martin Wehrle. Was würde denn bitte passieren, wenn man dem Arbeitskollegen sagt, dass man keine Extraarbeit machen kann, weil man eh schon heillos überladen ist? Im besten Fall bekommt man die Extraarbeit nicht aufgedrückt. Im schlimmsten Fall? Bekommt man die Extraarbeit nicht aufgedrückt. Vielleicht ist der Kollege dann beleidigt, okay, aber besser, als wenn man sich ärgert und fast vorm Burnout steht, nur weil man zu nett war, um Nein zu sagen, oder?
Respekt ist dann noch das Sahnehäubchen, der süße, süße Bonus oben drauf, denn wen respektiert man mehr? Jemanden, der so nett ist, dass man ihn um alles bitten, mit ihm reden kann wie man will - oder jemand, der klare Grenzen setzt? Klar muss man dann wieder die Grenze ziehen zwischen höflicher Grenzensetzung und einfach nur Unhöflichkeit, aber das stell ich mir nicht so schwer vor.
Deswegen ... dieses Buch ist ein Muss! Martin Wehrle geht in jedem Kapitel her und liefert sehr realistische Alltagsszenarios, in denen Menschen aus zu viel Nettigkeit in eine Falle tappen, und passend auch eine Lösung, wie man respektvoll und höflich, aber bestimmt, seine Grenzen zieht. Zudem geht er der übertriebenen Nettigkeit auf den Grund und erklärt zum Beispiel, warum weniger Nette es eher die Karriereleiter hoch schaffen als die Bescheidenen, Netten.
Einen Stern ziehe ich aber ab. Warum? Das Buch fokussiert sich mehr darauf, wie man die Nettigkeit abschüttelt, aber weniger auf die psychologischen Hintergründe. Ich lese sehr gerne Bücher über Menschenpsychologie, daher ist es eher ein subjektives Missen der verhaltenstypischen Wurzeln der übertriebenen Nettigkeit als ein objektives Kritisieren. An meiner Meinung, dass dieses Buch in die Hände von jedem gehört, ändert es trotzdem nichts!