John Glueck ist im Krieg. Tief in Deutschland, im dunklen Hürtgenwald in der Eifel, 1944. Vor kurzem noch war er Student in New York, voller Liebe zur deutschen Kultur seiner Vorfahren; dann, als Offizier bei Sykewar, der Propaganda-Abteilung der US-Army, traf Glueck in Frankreich sein Idol Ernest Hemingway. Für ihn zieht Glueck in den scheinbar unbedeutenden, doch von der Wehrmacht eisern verteidigten Hürtgenwald bei Aachen. Er entdeckt das Geheimnis des Waldes, als eine der größten Katastrophen des Zweiten Weltkriegs beginnt: die «Allerseelenschlacht» mit über 15 000 Toten. Was kann John Glueck noch retten? Sein Kamerad Van, der waldkundige Seneca-Indianer? Seine halsbrecherischen Deutschkenntnisse? Ein Wunder? Niemand trat unverändert wieder aus dem «Blutwald» heraus, den die Ignoranz der Generäle zu einem Menetekel auch folgender Kriege machte. Zwanzig Jahre später, in Vietnam, erfährt John Glueck: Die Politik ist zynisch und verlogen wie eh und je. Er wird handeln, und sein Weg führt von der vergessenen Waldschlacht direkt zu den Pentagon-Papers. Steffen Kopetzkys großer Roman spannt einen gewaltigen Bogen vom Zweiten Weltkrieg bis hin zu Vietnam. Ungeheuer spannend erzählt er von Krieg und Lüge, und von einem Mann, der alle falsche Wahrheit hinter sich lässt.
Possibly the most American German novel, style-wise, I've ever read. Hemingway isn't just a character in the story (as are Salinger and Bukowski), Kopetzky also emulates him quite well during some parts of this. In other parts, it's written like an American adventure novel.
The novel is set in different times/settings and they didn't all convince me. 1944: The main character, John Glueck, is an US-American soldier with German roots, who joins the psychological warfare unit of the army in the second world war to fight against the Nazis. He's content knowing he's fighting the good fight even though the methods are questionable at times. 1971: Glueck is in prison, awaiting trial - treason and whistleblowing - and writing his memoirs. So what happened to make Glueck so disillusioned, he'd turn against the American government? The Vietnam war.
The beginning and the ending of the novel were interesting, but the middle part dragged a lot. The descriptions of war didn't work for me. Generally, I find novels and movies depicting war to be very hard to handle, but this story was so constructed and didn't feel "real" at all, that I found it very easy to handle. On the flip side, the war scenes were also boring to read and didn't reach me emotionally at all. The political aspects and the comparisons of the second world war and the Vietnam war were more interesting. I considered dropping this novel in the middle when my eyes kept glazing over, but I'm glad I didn't, since it picked up again.
1971 in Missouri. Major John Glueck, der als Mitglied der Propaganda-Abteilung der US-Armee im Zweiten Weltkrieg kämpfte, wird wegen eines Verkehrsdelikts ins Gefängnis gesteckt. Tatsächlich jedoch ist sein Fall wesentlich brisanter: Er trug Dokumente bei sich, die die Machenschaften der US-Regierung im Vietnamkrieg aufdecken sollen. Bis zu seiner Verhandlung nutzt Glueck die Zeit im Gefängnis, um seine Geschichte von der Schlacht im Hürtgenwald aufzuschreiben, die für die US-Armee ein Desaster war.
Wie bereits der Vorgängerroman „Risiko“ ist auch Steffen Kopetzkys ein anspruchsvolles Buch, das die volle Aufmerksamkeit des Lesers erfordert und das sich mit einem militärischen Thema befasst. Dieser Satz soll jedoch keineswegs abschreckend wirken: Wer sich auf den Roman einlässt, wird mit einer akribisch recherchierten, genial konstruierten Geschichte auf zwei Zeitebenen belohnt. Das historische Vorbild für Gluecks Dokumente sind die sogenannten „Pentagon Papers“, die tatsächlich von Daniel Ellsberg offengelegt wurden. Ein zusätzliches Schmankerl ist die Beteiligung der US-Schriftsteller Salinger und Hemingway als Kriegsberichterstatter, Kopetzky lässt beide aktiv auftreten, wobei mir vor allem die Darstellung Hemingways gut gefallen hat. Der Protagonist John Glueck ist nicht durchweg sympathisch, aber, ganz wichtig, er ist absolut integer und vertritt die Ideale, die in der amerikanischen Verfassung aufgestellt sind, auch gegen seine eigene Regierung. Ein aktueller Bezug fehlt auch nicht, denn Glueck steht in einer Linie mit aktuellen Whistlebowern und eine Aussage, die einen Seitenhieb gegen den damaligen Präsidenten Nixon darstellt, passt meiner Meinung nach auch wunderbar zum aktuellen US-Präsidenten und ich meine auch, ertastet zu haben, dass das nicht unbeabsichtigt ist.
Sprachlich ist der Roman ebenfalls durchweg gelungen. Kopetzky schreibt anspruchsvoll, ohne anstrengend zu werden. In dieser Hinsicht hat mir „Propaganda“ noch besser gefallen als „Risiko“, ich habe Kopetzkys Sätze wirklich genossen. Auch ein Bonbon ist, dass Kopetzky es schafft, den Gegenstand von „Risiko“, nämlich „das große Spiel“, anhand dessen Strategen in der Geschichte häufig ihre Einsätze planen. Auch die Befehlshabenden im Hürtgenwald lässt Kopetzky dieses Spiel spielen.
„Propaganda“ ist ein überaus intelligenter, kurzweiliger und sprachlich anspruchsvoller Roman, der viele Leser verdient hat. Wenn Steffen Kopetzky so weiter macht, wird er wohl zu einem Autobuy-Kandidaten für mich. Für meine Begriff hätten er und seine Bücher noch einen größeren Bekanntschaftsgrad verdient. Ich hoffe sehr, dass das Buch für den Deutschen Buchpreis nominiert wird.
Der Sprecher Johann von Bülow hat eine sehr angenehme Stimme und liest einwandfrei, große Empfehlung auch für das Hörbuch.
Letzten Endes sind es doch zwei Fragen, die bei der Rezeption von Literatur zählen: Was will der Autor eigentlich mitteilen und was kommt beim Leser (Empfänger) davon eigentlich an? Und wie kommt es an? Der erste Teil der Frage ist mittlerweile leicht zu beantworten: Was der Autor will, zählt im Grunde nicht, denn wenn ein Text da draußen ist, obliegen mindestens 51% der Sinnstiftung dem Leser, der Autor hat dann keine Hoheit mehr über seinen Text. In Kurzform ist dies die Grundlage dessen, was Roland Barthes einst als „Tod des Autors“ postulierte.
Schwieriger ist da schon zu beurteilen, was beim Leser ankommt. Denn das Lesen ist nun einmal ein höchst subjektiver Vorgang, bei dem „Sinn“ sich von dem Text entäußerten Kontexten aus ergeben kann. In welcher Stimmung bin ich, wenn ich dies lese? Bin ich mit voller Aufmerksamkeit dabei oder bin ich abgelenkt? Ist es morgens, mittags, abends, wenn ich einen Text konsumiere? Habe ich Hunger oder befinde mich in einem emotionalen Ausnahmezustand usw.? Aber auch der Text selbst stellt sich jedem Rezipienten anders dar. Der eine nimmt dies wahr, der andere jenes, dem einen liegt diese Figur am Herzen, dem andern eine andere und ein jeder strukturiert einen Text noch einmal für sich, vollkommen neu. Und so wird jede Rezension, jede Buchbesprechung, jede Äußerung hinsichtlich eines bestimmten Texts zu einer sehr subjektiven Angelegenheit, in der sich ein Text selbst für ein und denselben Leser in verschiedenen Lesesituationen immer neu darstellt.
Den meisten mit Literatur Beschäftigten sind diese Theorien zumindest geläufig, ob man ihnen zustimmt, ist natürlich eine andere Frage. Aber um sich einem Text wie Steffen Kopetzkys PROPAGANDA (2019) anzunähern, sind sie ausgesprochen hilfreich. Denn Kopetzky ist zu intelligent und zu gebildet, um nicht selbst um sie zu wissen. Und so kann man sich, schon beim Titel des Romans angefangen, fragen, inwiefern der Autor nicht schon mit genau diesen Standpunkten und Standorten spielt. Wer spricht? Und was wird erzählt? Und inwiefern stimmen die Position des Erzählenden und die des ihn „führenden“ Schriftstellers miteinander überein?
John Glueck, ein deutschstämmiger Amerikaner, gebürtig aus Pennsylvania, erzählt im Jahr 1971 davon, wie er sich in Missouri verhaften lässt, um ein ungeheuerliches Ablenkungsmanöver in die Wege zu leiten, damit ein anderer – die Geschichte lehrt uns, daß sein Name Daniel Ellsberg war – eine wesentliche Lieferung an die großen amerikanischen Tagesblätter weiterreichen kann. Es handelt sich dabei um die Pentagon Papers, die Ellsberg zunächst der New York Times; später der Washington Post zuspielte und die bewiesen, daß die amerikanische Führung den Krieg in Vietnam wollte und den Konflikt in Südostasien mit aller Gewalt und jedem Trick forcierte und eskalierte. Während Glueck nun also im Bezirksgefängnis sitzt und auf seinen Prozess wartet, von einer fürchterlichen Hautkrankheit gemartert, die er sich bei einem Unfall mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange zugezogen hat, als er selbst Dienst in Vietnam geleistet hatte, schreibt er seine Erinnerungen – als Roman, wie er seinen Text bezeichnet – an seine Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg während der Schlacht im Huertgenwald und der anschließenden Ardennenoffensive der Wehrmacht gegen die vorrückenden Alliierten an der Westfront. Er stellt direkte Verbindungen zwischen dem „moralisch sauberen“ Zweiten Weltkrieg, den die Amerikaner mit Materialschlachten gewonnen haben, die die Welt bisher noch nicht gesehen hatte, und dem verwerflichen Vietnamkrieg her, in dem der Supermacht USA der moralische Kompass abhandenkam.
Nun ist Glueck aber kein einfacher GI, sondern ist Sykewar, der Abteilung für psychologische Kriegsführung, zugeordnet. Da Glueck, der mit einem eigenartigen Pennsylvania-Deutsch aufgewachsen ist und die Sprache seiner Ahnen ganz passabel spricht, zudem ein Studium der Literatur absolviert hat, bei dem er unter anderem einem jungen Autor namens J.D. Salinger und einem weiteren namens Henry Bukowski, ein harter Trinker und Spieler, begegnet ist, ist er prädestiniert, an einer Zeitung zu arbeiten, die regelmäßig in Millionenauflage über Deutschland abgeworfen wird. Hier sollen die zukünftig Besiegten nicht nur an ihre bessere Seite erinnert werden, sondern auch die Unerbittlichkeit der Amerikaner zu spüren bekommen, damit gar kein Zweifel an der alliierten Entschlossenheit aufkommt. Propaganda halt. Glueck wird nach Frankreich geschickt, wo er ein Feature über sein Idol Ernest Hemingway schreiben soll, der mehr oder weniger auf eigene Faust am Krieg teilnimmt, seine Selbstzweifel und Schreibhemmung überwinden und das Wesen des Krieges erkennen will, um ein modernes KRIEG UND FRIEDEN zu schreiben. Von hier aus verschlägt es Glueck dann an die Front, in den berüchtigten Huertgenwald und mitten in die Schrecken des Krieges.
Die Schrecken des Krieges? Das Problem mit Kopetzkys Roman beginnt genau hier. Kopetzky, Jahrgang 1971 (sic!), hat selbst keinen Krieg erlebt. Seine Referenzen sind also Standardwerke, Studien, Analysen aus berufenem Munde, aber ebenso Filme und Bücher, die zum Thema gedreht und geschrieben wurden. Seine dauernden Verweise auf Autoren wie Ernst Jünger, Hemingway, Bukowski, Salinger, aber auch Klaus Mann und Stefan Heym, die beide massiv bei der psychologischen Kriegsführung eingesetzt wurden, später im Roman auch Oskar Maria Graf, sind halt auch Verweise auf genau diese Referenzen. Und Ausweis der Belesenheit des Autors. Allerdings erwähnt er andere Autoren nicht – und die sind eigentlich die Interessanteren. Denn seine arg konstruierte Geschichte mit ihren weit ausgreifenden Verbindungen über die Zeiten hinweg, erinnert mindestens ebenso an die Romane eines Heinz G. Konsalik oder eines Alistair McLean, der eine Deutscher, der andere Schotte, die in den 50er und 60er Jahren etliche Romane veröffentlichten, die den Krieg als Abenteuerspielplatz für Männer erscheinen ließen.
Genau als solchen hat das Feuilleton, das Kopetzkys Werk durchaus zugetan war, PROPAGANDA bezeichnet. Einen Abenteuerroman. Das hat weniger mit der Story selbst zu tun, die Hintergründe des Romans scheinen sehr gut recherchiert. Nein, es ist der Stil, den Kopetzky wählt und den gesamten Text durchhält. Das ist in einer geschickten Konstruktion angelegt, die eine Rahmenhandlung bietet, eine Haupthandlung, die im 2. Weltkrieg spielt, und eine dritte Ebene einzieht, auf der in Erinnerungsfetzen und kurzen Assoziationen immer wieder Kindheitserinnerungen berichtet werden, Gluecks Werdegang von ihm reflektiert wird und auf der er schließlich auch – weit weniger intensiv und detailreich – von seiner Zeit in Vietnam berichtet. Letztere Ebene soll vor allem den moralischen Wandel eines Mannes erklären, der sich eigentlich innerhalb der U.S. Army und seinem anschließenden, ebenfalls vom Militär vermittelten, Job bei der RAND Corporation wohl fühlt und im Glauben lebt, etwas Richtiges, ja, Gutes zu tun. Denn, daran lässt Glueck beim Leser keinen Zweifel aufkommen, der Kampf gegen den Kommunismus betrachtet er als dem gegen den Faschismus ebenbürtig. So gesehen hat er den Einsatz in Vietnam lange Zeit als gut und vernünftig betrachtet.
Doch gehört es eben auch zu dieser Konstruktion, daß hier eine Geschichte aus dem Jahr 1971 und in Rückblicken aus dem Jahr 1944 erzählt wird. Denn so ist die Fallhöhe bei dem, was Kopetzky uns auftischt, nicht allzu hoch. Moralisch gesehen. Pflichtschuldig wird natürlich immer wieder erwähnt, daß der Krieg grausig ist und der Autor hält sich hier und da auch nicht mit blutigen Details zurück. Nur wird man beim Lesen den Eindruck nicht los, daß die Leichen, die Gliedmaßen, das Gekröse und das Blut hier in etwa die Funktion erfüllen, wie in der Mise en Scene eines Kriegsfilms: Sie sind genau so drapiert, daß sie einen maximal überwältigenden Effekt auf den Zuschauer haben, ohne je in ihrem Wesen erfasst zu werden. Durch dieses Schlachten- und Episodengetümmel also irrt John Glueck und muß darauf vertrauen, daß ihn selbiges nicht verlässt. Er begleitet erst Hemingway, was Kopetzky die Gelegenheit bietet, ein paar durchaus gelungen erzählte Hemingway-Anekdoten einzustreuen, dann wird er einem Irokesen zugeteilt, einem Späher, den er in ein vorgelagertes Dorf begleiten soll. Später wird er gefangen genommen, kann auf waghalsige Art fliehen, schließt sich einem nahezu eingekesselten Bataillon an, die das Dorf verteidigt und dann in wilder Flucht dem massiven Angriff der Deutschen zu entkommen sucht. Schließlich trifft Glueck irgendwo im Huertgenwald auf einen deutschen Militärarzt, der ihn als oberstem verfügbaren Dienstgrad um einen partiellen Waffenstillstand bittet, damit man die Verletzten beider Seiten bergen und versorgen könne. Glueck willigt ein und so können etliche Soldaten gerettet werden.
Diese Episode ist verbürgt. Bei dem Arzt handelte es sich um Dr. Günter Stüttgen, der während der sogenannten Allerseelenschlacht genau diese Waffenruhe aushandelte und eine wirklich humanitäre Aktion veranlasste und selbst durchzog, die sicherlich unter jenen Kriegserlebnissen zu verbuchen sind, die in der Geschichte immer mal wieder vorkamen: Momente des Friedens und sogar der Freundschaft in einer maximal rohen und feindlichen Umgebung. Sicherlich die auch heute noch bekannteste – ebenfalls durch Fiktionen verwendende Medien vermittelt – Geschichte ist jene von dem Fußballspiel zwischen den Gräben an der Westfront des 1. Weltkrieges, im Rahmen des „Weihnachtsfriedens“ 1914. Hier, bei der Affäre im Huertgenwald, erstaunt natürlich, daß die Initiative von einem Deutschen ausging und die Aktion von beiden Seiten unbürokratisch und pragmatisch umgesetzt wurde. Ein Akt der Menschlichkeit in einem dafür kaum denkbaren Rahmen.
Doch im Konstrukt des Romans PROPAGANDA ist es auch dies eben nur eine Episode. Wie hier alles zur Episode, zur Kulisse, wird, einem gewissen Spannungsaufbau, der Dramaturgie, dient und nach den Regeln des Genres funktioniert. Dazu gehören auch gewisse Klischees und Stereotype, die Kopetzky bedient. Glueck selbst entspricht schon einem Klischee: Der deutschstämmige Amerikaner, der das Land seiner Vorfahren verklärt und bewundert und sich intensiv mit dessen Geschichte, Sprache, Kunst und Literatur auseinandergesetzt hat. Die dauernde Verstrickung des Helden in bekannte (und weniger bekannte) historisch verbürgte Geschehnisse, seine Begegnungen mit historisch verbürgten Personen, sorgen für eine notwendig authentische Atmosphäre.
Man hat es so also im Grunde mit einem Politthriller zu tun, der in der Tradition der besseren Werke des Metiers steht. Dazu gehört die glaubwürdige Verstrickung des Helden in die Materie, dazu gehört, daß wir seinen Motiven folgen und sie nachvollziehen können. Und wir können – innerhalb des Roman-Rahmens – durchaus nachvollziehen, wie dieser John Glueck funktioniert. Wir freuen uns mit ihm über seine Tricksereien hinsichtlich der Veröffentlichung der Pentagon Papers, wir leiden mit ihm, wenn er im nahezu subtropischen Klima des sommerlichen Missouri unter den besonderen Bedingungen seiner Krankheit leidet, wir verlieben uns auch ein bisschen in seine Anwältin, wie es auch ihm zu ergehen scheint. Und wir können seine innere Wandlung nachvollziehen. Dieser Mann ist angelegt, wie der Held in einem Schelmenroman: er selbst verändert sich kaum, es ist die Welt um ihn her, die sich wandelt und durch die Wandlung die für den Helden gültigen Normen zunehmend in Frage stellt. So wird aus einem einst glühenden Anhänger amerikanischer Werte ein Verräter, der einem Whistleblower hilft. Ein Weg, den man im Rahmen des Romans durchaus mitgehen kann.
Die Verknüpfung von Weltkriegsgeschichte mit dem Vietnamkrieg, dessen Bild so oder so von politischer Ranküne, Verschwörungsgeraune, Geheimnissen und jeder Menge bekannter und zutiefst verwerflicher Aktionen und Taten gegenüber dem militärischen Gegner und der Zivilbevölkerung des Landes geprägt ist, sowie einer echten Intrige – das war die Veröffentlichung der Pentagon Papers letztlich; bedenkt wenn man die Darstellung im Roman, ist dies selbst schon eine Verschwörung – sorgt für maximale Erwartung beim Leser. Und Kopetzky ahnt wohl auch, wem er diese Geschichte verkaufen muß. Seine Altersgenossen sind mit der Ikonographie des Vietnamkriegs durch Filme wie APOCALYPSE NOW (1976/79), PLATOON (1986) oder FULL METAL JACKET (1987) vertraut. Medial und fiktional vermittelt. Kopetzky nutzt also exakt die Mittel, die man aus einschlägigen Filmen und Romanen kennt.
Nur ist es eben die oben erwähnte Fallhöhe, bei der Kopetzky auf Nummer sicher geht, wenn er seine Geschichte in einer – wenn man so will – abgeschlossenen Vergangenheit ansiedelt. Die Story endet im Jahr 1971, Glueck entschwindet uns am JFK.Airport zu New York, in der Hoffnung, in Europa Heilung für seine Krankheit zu finden. Wir wissen zwar, was danach kam – Watergate und der moralische Bankrott einer sich auf der sicheren Seite wähnenden Gesellschaft und vor allem die daraus gezogenen Schlüsse, deren Konsequenzen wir heute weltweit betrachten können – doch in der Präsentation des Romans endet eine sich über fast zwei Jahrzehnte hinziehende Entwicklungsgeschichte. Das macht Kopetzky klug und sehr geschickt. Es ist hintergründig, unterhaltsam und sehr subtil miteinander verwoben, entzieht sich aber vordergründig jeglicher moralischen Bewertung.
Natürlich kennt auch Kopetzky all die eingangs dieses Textes erwähnten Theorien, er weiß um die prekäre Erzählerposition, um die Machtlosigkeit des Autors gegenüber der Rezeption. Und die kann von vielleicht unerwünschter Seite kommen, wenn ein deutscher Autor der Enkelgeneration einen Roman schreibt, der deutsche Soldaten präsentiert, die (zu?) gut wegkommen, der die Eitelkeiten und den Irrsinn aller Beteiligten ausstellt, dessen Ich-Erzähler immer wieder seinen Respekt vor der Kampfkraft und dem Willen des Gegners bekundet. Die Frage ist also, wer da spricht? Und zu wem? Kopetzky verortet seinen Roman mit all dem Namedropping sehr bewußt auf einer immanent literarischen Ebene. Er schreibt ihn in einen literarischen Rahmen ein, vielleicht die äußerste Haut des Romans, die ihn aber auch gegen den Übergriff durch die Realität schützt. Denn mit der hat der Roman wenig zu tun und will es auch gar nicht. Es ist ein Spannungsroman. Ein Pageturner. Dies ist keine Auseinandersetzung mit Schuld oder gar ein apologetischer Verweis auf die Schuld der andern, dargeboten durch eine Reflektion eines Amerikaners auf sein eigenes Land und dessen Untaten.
Will man diese Ebene betreten, kann man sicherlich etliche Einwände gegen den Text vorbringen, wird aber weder dem Text gerecht, noch einem Anliegen, daß sich auf moralische Grundierung stützt. PROPAGANDA stellt deutsche Kriegsverbrechen oder gar die Untaten der Shoah nicht in Frage, er verklärt nichts und niemanden, sondern bietet eine Landser-Geschichte aus amerikanischer Sicht. Junge Männer, die erstmals mit der Realität des Krieges konfrontiert werden und natürlich voller Respekt auf die Kampfkraft und die Willensbekundung eines Gegners blicken, der seit Jahren Erfahrung im Schlachtgetümmel hat. Wahrscheinlich trifft dies sogar ziemlich genau den Nerv dessen, was für viele GIs bittere Realität war. Man kann natürlich den Titel des Buches und die Tatsache nehmen, daß sich hier ein deutscher Autor in einen Amerikaner – und damit auf die „sichere“, weil moralisch „richtige“ Seite – eindenkt und schlägt, was wiederum in den Kern einer momentan gern geführten Debatte über Identität und Autorperspektive führt. Man kann aber auch die Freiheit der Kunst postulieren und anerkennen, daß Kopetzky einen spannenden Roman über Krieg und Kriege geschrieben hat, ohne den Anspruch zu stellen, der Welt dabei Neues oder gar Aufsehenerregendes mitzuteilen. Vielleicht wird man einem Roman wie diesem damit weitaus gerechter.
Ein wirklich tolles Buch was über die Kriegsgeschehnisse im Hürtgenwald im Jahr 1944 berichtet. Sehr bewegend wird über die Schlacht berichtet. Der Protagonist der die Geschichte erzählt ist ein sehr interessanter Charakter. Ein kleiner Abzug, weil es ein paar kleine Längen hat. Nichts desto trotz ein wirklich guter Roman über den 2. Weltkrieg (Schlacht im Hürtgenwald). 👍
Ein Buch wie ein Abenteuerfilm, rasant, spannend und mit vielen wechselnden Schauplätzen. Das ist Steffen Kopetzkys Roman Propaganda auf den ersten Blick. Wer gründlicher hinschaut, und ich habe die meisten Kapitel zwei Mal gelesen, entdeckt viele wertvolle Einblicke in politische Zusammenhänge, genießt ein sprachlich frisches Werk und wird sehr gründlich über den Zwiespalt aufgeklärt, was es heißt, Propaganda zu machen und dabei zu realisieren, dass die eigenen Leute nicht immer die Guten sind. Das ist eine ganze Menge in einem Buch, Hut ab für diese Leistung! Der häufig geäußerten Kritik, der Autor habe zu viele Vips in die fiktive Handlung eingewoben, kann ich mich nicht anschließen, das gehört ja gerade zum Abenteuer-Genre. Beim "Showdown", den Abschlussworten des Angeklagten im Gerichtssaal, habe ich beinahe in bester Hollywood-Manier pathetische Musik im Hintergrund erklingen hören - das Glaubensbekenntnis des eigenen Handelns als Schluss- und Höhepunkt der Geschichte sozusagen. Ein nahezu filmisches Werk, aber mit Tiefgang, die anderen Bücher dieses Autors werde ich mir näher anschauen...
Als einen "Hans im Glück" kann man den Romanhelden John Glueck wohl nicht bezeichnen. Der Ich-Erzähler aus Steffen Kopetzkys Roman "Propaganda" hat zwar im Zweiten Weltkrieg eine der für die amerikanischen Truppen blutigsten Schlachten im Hürtgenwald in der Eifel überlebt, doch ein Einsatz 30 Jahre später in Vietnam hat ihm eine üble Hautkrankheit eingebracht. Er sei zu lange einem Entlaubungsmittel ausgesetzt gewesen, verrät Glueck, der zu Beginn des Romans in einer Gefängniszelle sitzt.
Doch in dieser schuppigen, eiternden, sich schälenden Haut, die er selbst nicht mehr als die eigene erkennt, fühlt er sich ohnehin wie lebendig eingemauert. Was für einen Unterschied macht da schon ein Gefängnis in Missisippi, zumal der liberale Gefängnisdirektor in seinem rätselhaften Gefangenen den verhinderten Schriftsteller erkennt und ihm Papier und Schreibzeug zur Verfügung stellt.
Denn Glueck, als Kind einer deutsch-amerikanischen Familie an der Lower East Side aufgewachsen, voller romantischer Vorstellungen über dads alte Herkunftsland seiner Familie, wollte eigentlich ein Autor werden. Doch es kam anders: Der literarisch ambitionierte Schöngeist wird durch den Zweiten Weltkrieg zum Offizier für psychologische Kriegsführung, sprich, für Propaganda. So leistet Glueck, der als Jugendlicher einen Sommer lang für die begeisterte Nationalsozialistin Grete schwärmte, deren Vater als deutscher Manager in New Yort stationiert war, seinen Beitrag zur Befreiung Deutschlands vom Nationalsozialismus. Vom Krieg bekommt er wenig mit - er kämpft mit Worten, von seinem Londoner Schreibtisch aus.
Das ändert sich erst, als Glueck für eine Reportage in der letzten Kriegsphase nach Frankreich kommt. Er soll sich auf die Suche nach Ernest Hemingway machen, Paris steht vor der Befreiung, und Glueck erhofft sich von dem Kontakt mit dem berühmten Schriftsteller auch einen Kick für das Buch, das er nach dem Krieg endlich zu schreiben hofft. Als angeblicher Kumpel von Hemingways Sohn wird Glueck von "Papa" Hemingway mit offenen Armen aufgenommen. Der Marsch auf Paris verschwimmt im exzessiven Alkoholnebel, Hemingway entpuppt sich als Mensch mit großem Herzen und noch größeren Ängsten und Zweifeln, Den großen Kriegsroman muss dann wohl John Glueck schreiben.
Als Glueck sich einer amerikanischen Divison anschließt, bekommt der Schreibtischoffizier mehr vom Krieg mit, als er sich hätte träumen lassen - Im unwegsamen Waldgelände, zwischen Minenfeldern wird die Eroberung des kleines Dorfes Schmidt zum Symbol für die Sinnlosigkeit des Massensterbens, dem "Nichtsmehrsagen.Dem Niewiederetwassagen.Dem Ewigschweigen."
Es sind die Schilderungen von Zusammenhalt und von Angst, von der wilden Tapferkeit des Sergeant Sencea, eines Irokesen, der die getöteten Feinde skalpiert, die unerwartete Menschlichkeit eines deutschen Arztes, der eine kurze Waffenpause erreicht, um Verletzte beider Seiten zu behandeln, die ungemein dicht und plastisch sind. Der Hürtgenwald wird zum Symbol für Mut wie auch für sinnlose Vernichtung von Menschenleben, Für den idealistischen Glueck sind die Erlebnisse auch desillusionierend, angefangen vom Alltagsrassismus auch in der Armee bis hin zu den Ergebnissen schlechter Kommunikation der Militärführung mit dramatischen Auswirkungen für die kämpfenden amerikansichen Soldaten.
Doch "Propaganda" ist weit mehr als ein Kriegsroman, Es geht um die Tragweite individueller Entscheidungen, um Verantwortung, um Postionen und natürlich um Literatur. Ähnlich wie einst "Forest Gump" kreuzt auch Glueck die Wege bekannter Persönlichkeiten - angefangen von einem Universitätskurs für kreatives Schreiben, als unter seinen Mitstudenten ein gewisser Bukowski und ein Nachwuchsautor namens Salinger sind. Anders als der reine Tor Forest Gump ist Glueck allerdings ein Berufsmilitär, der sich als kritischer Geist erfolgreich der Hexenjagd McCarthys entziehen konnte und als Deutschlandexperte Präsident John F. Kennedy vor dessen Berlin-Besuch einen deutschen Satz in Lautschrift aufschreibt, der zu einem der ikonischen Zitate der Ära des Kalten Krieges wird, Selbst in der Auseinandersetzung um die Rechte der freien Presse im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der "Pentagon Papers" ist Glueck eine Randfigur.
Glueck, der Mann, dessen Job die Propaganda war, kämpft gegen Lügen in Kriegs- wie in Friedenszeiten. Wobei die Wahrheit wohl immer eine persönliche ist. Kopetzky hat mit "Propaganda" einen Roman voll spannender Wucht, mit mancher Überraschung und voll erzählerischer Farbe geschrieben,
Eine Tour de Force unternimmt Steffen Kopetzky mit seinen Lesern: Vom Missouri-Staatsgefängnis im Sommer 1971, wo der deutschstämmige Major John Glueck auf seinen Prozess wartet und seine Erinnerungen niederschreibt, die ihn (und uns) ins frischbefreite Frankreich des Sommers 1944 führen, in dem Propagandaschreiber Glueck den großen Ernest Hemingway trifft. Auf der Suche nach einem geeigneten Schauplatz für einen kathartisch-befreienden Kampfbericht landet er mit den vorrückenden amerikanischen Truppen in der Nordeifel im Hürtgenwald, wo im Herbst 1944 die US-Army von der Wehrmacht der Nazis unter grausamen Verlusten zurückgeworfen wurde. Sein Lebensweg wird ihn über das Nachkriegsdeutschland zurück in die USA führen, wo er in Vietnam in einem chemikalienverseuchten Straßengraben seine Haut ruiniert und den Kampf gegen die US-Regierung und ihren Krieg aufnimmt, der ihn in Missouri ins Gefängnis bringen wird.
Von Stil und Aufmachung ist das erfrischend unbeschwert und sehr angelsächsisch gehalten (und das meine ich positiv!). Die Geschichte ist spannend und interessant: Die extrem verlustreichen Kämpfe in der Eifel sind im deutschen Kollektivgedächtnis irgendwie gar nicht verankert, schon deshalb ist das Buch jeder/m geschichtsinteressierten Leser_in zu empfehlen. Dazu kommen eindrückliche (und witzige) Beschreibungen von der Entourage der Kriegsreporter rund um Papa Hemingway und das amüsante Pennsilfania-Deitsch von Gluecks Kameraden.
Da und dort will uns Kopetzky ein bisschen zu viel Interessantes erzählen, das wir noch nicht kannten. Neben den oben schon erwähnten Elementen erfahren wir auch die kuriose Geschichte der völkerrechtlich unabhängigen Nation der Cherokee, die wesentliche Rolle, die Crystal Meth bei den Erfolgen der Wehrmacht gespielt haben mag, die RAND Corporation als privatwirtschaftlich organisierter Thinktank des US-Militärs, die Hexenjagd McCarthys, die bis ins Münchener Amerikahaus reichte und die Anfänge des Beratungsriesen McKinsey: Es kommen am Ende ein bisschen zu viele "Wetten, dass Sie nicht wussten" Momente zusammen. Da hätte er vielleicht lieber seine Erkenntnisse auf drei oder vier Bücher verteilt.
Eher 3,5 Sterne. Meine größten Bedenken gegen 4 Sterne (oder mehr) bestehen darin, dass Kopetzky sich allein auf den Ich-Erzähler verlässt, aber diesen an so vielen historischen Begebenheiten teilhaben lässt, dass es irgendwann zu konstruiert wirkt. Hier hätte die Aufspaltung der Perspektive auf 2 oder 3 Personen enorm viel an Druck aus der Handlung genommen und verhindert, dass der Ich-Erzähler jeden "Prominenten", den Kopetzky als historische Figur für wichtig und erwähnenswert hält, irgendwie kennenlernen muss. In "Risiko" gab es dazu bereits Ansätze, die dem Roman gut getan haben. Bei Propaganda hat sich Kopetzky dazu verleiten lassen, alles in einer Person darstellen zu wollen. Das belastet die Handlung, so interessant die Figur des John Glueck auch sein mag, hier wäre weniger mehr gewesen.
John Glueck erlebt als Propaganda-Mann den Zweiten Weltkrieg und Vietnamkrieg mit - und lernt schnell, dass die eigenen Leute nicht immer die Guten sind. Eine verzwickt präsentierte Geschichte in Zeitsprüngen - mitreißend geschrieben. Denkstoff.
Auch wenn Kopetzkys Erzähler manchmal etwas besserwisserisch daherkommt, ist es doch ein großes Vergnügen, dieses für einen deutschen Literaten so untypisch unterhaltsame Buch zu lesen. Insofern ist es unbedingt lesenswert, wenn auch Monschau in seiner etwas knapperen Form besser gelungen oder "runder" ist.
Ein interessant gespannter bogen vom 2. Weltkrieg über die persönliche Entwicklung des Protagonisten zum Kritiker des Vietnamkrieges. Man muss dran bleiben an diesem Buch, der Bogen ist ganz schön groß. Aus meiner Sicht aber lohnenswert.
Nicht ganz so gut wie „Risiko“. Wenn man beide Romane überhaupt vergleichen kann. Hier geht es - passend zur Gegenwart - um Demokratie, Freiheit, Whistleblowing, Krieg und Frieden und die anständige Art zu leben. Dargestellt in drei Zeitebenden und Ich-Erzählerform. Dazu kommen Begegnungen mit berühmten Schriftstellern, vorneweg Hemmingway, aber auch Salinger und Bukowski. Kreativ, interessant, politisch und unterhaltsam.
Op de een of andere manier is dit een echt mannenboek over vooral de Tweede Wereldoorlog en ook de oorlog in Vietnam. De hoofdpersoon schrijft zijn memoires in de gevangenis, waarin hij zich opzettelijk heeft laten opsluiten. Propaganda is een goede titel, want waar oorlog is, heeft de waarheid het moeilijk. Verhaal leunt op werkelijke gebeurtenissen én op de fantasie van de auteur, die soms een beetje wijdlopig zijpaden bewandelt, maar ook dan meeslepend schrijft.