Begonnen hat es mit einer Beschimpfung. Christian Bachler, der den höchstgelegenen Bauernhof der Steiermark bewirtschaftet, schimpfte in einem Video aus dem Schweinestall über den "Oberbobo" Florian Klenk (Bobo = Ökospießer). Der Chefredakteur des Falter hatte zuvor ein Urteil gutgeheißen, das einen Bauern zu Schadenersatz verpflichtete, nachdem seine Kuh eine Frau getötet hatte. Bachler forderte Klenk auf, ein Praktikum auf seinem Hof zu machen, und der Bauer und der Bobo kamen ins Gespräch: über Klimawandel, Fleischindustrie, Agrarpolitik und Banken. Als Bachlers Hof Ende 2020 vor dem Ruin stand, fanden die beiden Freunde aus zwei Welten binnen 24 Stunden 12.829 Spender, die bereit waren, zu helfen. Warum es sich lohnt, mit Leuten zu reden, deren Meinung man nicht teilt.
Florian Rudolf Klenk ist ein österreichischer Journalist, Autor und Jurist. Seit Anfang Juni 2012 ist er Chefredakteur und seit Dezember 2020 Mitgesellschafter der österreichischen Wochenzeitung Falter.
Alles beginnt mit einer Kuh, dem Tod einer Touristin und einer Beschimpfung. Im Jahr 2014 wurde im österreichischen Pinnistal eine deutsche Touristin während eines Spaziergangs von einer Kuh totgetrampelt. Vor Gericht wurde der Bauer verurteilt. Dieses Kuh-Urteil schlug hohe Wellen und wurde von der Presse und Politik in ganz Österreich diskutiert.
Florian Klenk, der Chefredakteur des Falter, sah Schuld bei dem Bauern, fand das Urteil daher richtig und tat seine Meinung in einer Talkshow kund. Christian Bachler, ein Almbauer aus der Steiermark, warf Klenk daraufhin in einem viralen Facebook-Video Arroganz, Überheblichkeit und Ahnungslosigkeit vor und forderte ihn auf: “Steigen Sie ab von Ihrem hohen Ross in ihrer Bobo-Bubble in Wien”. Er lud ihn außerdem ein, ein Praktikum auf seinem Hof zu machen. Klenk nahm die Einladung an.
Es sind zwei völlig unterschiedliche Welten, die nun aufeinandertreffen. Klenk verbringt einige Tage auf dem Bergbauernhof, lernt viel über den Klimawandel, über die Agrarwirtschaft und über das Leben eines Bergbauern in der heutigen Zeit.
Zwei Stärken dieses Buches müssen ganz besonders hervorgehoben werden. Zunächst erlaubt das Buch einen Blick hinter die Kulissen. Es bricht mit dem Klischee einer romantisierten Landwirtschaft, mit der Verklärung des Lebens auf Bauernhöfen und der Arbeit auf einer Alm. Gleichzeitig räumt es dem Klimawandel, der das gesamte Ökosystem der Alm nachhaltig verändert, Raum ein. Auch die Fleischindustrie und die Probleme, die durch die Globalisierung der Agrarwirtschaft entstehen, werden genau beleuchtet.
Bachler steht dabei stellvertretend für viele kleine Bauernhöfe, die hochverschuldet sind, den Banken gehören und von der industrialisierten Landwirtschaft überrollt werden. Ihre Besitzer leiden häufig unter Existenzängsten und Depressionen. Suizide sind keine Seltenheit.
Neben diesem realistischen Blick auf die Landwirtschaft ist die andere große Stärke, dass „Bauer und Bobo“ zeigt, was das Aufeinander-Zugehen, das Miteinander-Kommunizieren bewirken können. Aus der Meinungsverschiedenheit, die zu Beginn der Geschichte steht, entwickelt sich eine Freundschaft, die das Leben von Klenk und Bachler bereichert. Sie beide lernen dazu, tauschen sich aus, erweitern ihren Horizont. Das ist das vielleicht Eindrucksvollste an dieser Geschichte.
Erst durch den Hinweis eines Nachbarn erfährt Klenk schließlich, dass auch Bachler hoch verschuldet ist und kurz davor steht, seinen Hof an die Raiffeisenbank zu verlieren, die bereits den gesamten Hof bis auf das letzte Möbel hat schätzen lassen und sich schlimmer aufführt als “Lehnsherren” im Mittelalter. Die anschließende Rettungsaktion ist wohl der Höhepunkt dieses Aufeinandertreffens und zeigt, wie etwas, was in einen Streit hätte ausarten können, besonders in Zeiten von digitalem Hass, das Leben von Menschen auf positive Weise verändert hat.
„Bobo und Bauer“ ist eine besondere Geschichte und wenn ihr auch eure Bobo-Blase verlassen wollt, wenn ihr mehr über die heutige Landwirtschaft erfahren wollt, dann führt euch dieses Buch zu Gemüte. Ihr werdet es sicher nicht bereuen!
Einerseits eine schöne Lektüre, da sie eine wunderbare Freundschaft beschreibt, ein gegenseitiges Sich-Annähern von Bauer und Bobo, eine Abkehr von der ständigen Gereiztheit in den sozialen Medien und - besonders berührend - die Geschichte einer Rettung in letzter Sekunde. Bergbauer Christian Bachler waren die Schulden über den Kopf gewachsen und sein Hof, seine gesamte Existenz und Lebengrundlage, alles, was ihm lieb und teuer war, sollte versteigert werden. Eine dramatische Situation, in der die Bank normalerweise immer gewinnt. Doch zum Glück nicht in diesem Fall, denn Bobo und Bachler-Freund Florian Klenk bringt eine Crowdfunding-Aktion ins Rollen, die so erfolgreich ist, dass Bachler sich freikaufen kann.
Das ist die eine Seite des Buches.
Die andere ist ein Einblick in die Landwirtschaft, wie sie heutzutage gang und gäbe ist. Oder sollte man besser von Agrarindustrie sprechen? Tierfabriken, in denen Lebewesen qualvoll gehalten werden, bevor sie beim Konsumenten am Teller landen - der die Augen davor verschließt und lieber gar nicht so ganz genau wissen will, wo denn sein Schnitzel herkommt. Dazu die Sorgen und Existenzängste der Kleinbauern, Landwirte wie Bachler einer ist, die jeden Tag Schwerstarbeit leisten, egal ob Sonn- oder Feiertag, und denen am Ende nichts übrigbleibt. Nichts. Bis sie im Burnout sind, suizidgefährdet, an Depressionen leiden, aber keiner redet darüber. Man(n) schweigt, bis es nicht mehr geht.
Das ist die andere Seite des Buches. Sehr bedrückend und zum Nachdenken anregend.
Das alles ist kurzweilig und mit viel Esprit erzählt. Klenk versteht sein Handwerk, er weiß, wie man eine Geschichte gut rüberbringt. Dabei wechselt er gekonnt vom leichten und unterhaltsamen Ton zum eindringlichen und ernsten. Zusätzlich schreibt er die Erinnerungen seines Vaters, der als Bauernsohn auf dem Land aufgewachsen ist, in den Text ein und gibt so den drastischen Veränderungen des Bauerndaseins, die in den letzten 50 Jahren stattgefunden haben, eine Stimme.
Fazit: Eine gewinnbringende Lektüre, sehr empfehlenswert!
Sehr interessantes und äußerst wichtiges Buch, das es hervorragend schafft, sicherlich nicht alle, aber einige der Missstände der österreichischen bzw. generellen Landwirtschaft und Massentierhaltung anhand der "Geschichte" eines steirischen Bergbauers darzustellen.
Als nicht-informierter bekommt man viele Einblicke in die Vergangenheit, Gegenwart und die, zugegebenerweise, ziemlich düster wirkende Zukunft aller Landwirte, die sich nicht in das gängige System einfügen, die Tiere auf die widerlichste Art und Weise zu seelenlosen, nurnoch als Produkte geltende Gegenstände abzustempeln, die ausschließlich nur dafür da sind, um ausgebeutet zu werden und auf die grässlichste Art und Weise ihr Leben zu fristen, ohne jemals die Sonne gesehen zu haben.
Erschrenkender und schwer verdaulicher Inhalt, der einem ahnungslosen vor Augen führt, wie krank die Tierhaltung mittlerweile ist, das Tierwohl komplett ignorierend.
Was ursprünglich nur ein Hörbuch während Alltagserledigungen für mich sein sollte, stellte sich als feinfühliger Bericht über die existenziellen Probleme von Bauern und Bäurinnen heraus. Vor allem von solchen, die nicht bei der Tierfabrik-Massentierhaltung mitmachen - aber nicht nur. Es ist auch ein Buch über Dialog und dass er überraschend oft möglicher ist, als man glaubt. Und es ist ein Buch über Politik und gescheiterte Interessensvertretung.