Fitzek braucht Urlaub und seine Geschichten auch.
Ich fand den Aufhänger spannend, aber es hat nicht lange gedauert, bis die Handlung in völlige Absurdität abgedriftet ist. Die verschiedenen Rätsel, die sich durch die Playlist ergeben, sind dann doch zu weit hergeholt sobald die Sache mit den Anagramen anfängt. Und ich drücke wohl mal ein Auge zu, wenn die Story gut ist. Oder zumindest die Charaktere. Aber überzeugt hat mich keins von beidem.
Ich mochte die Integration der Songs leider gar nicht. Die Formulierungen waren ein wenig ungeschickt und so klang jede Erwähnung wie ein Werbe-Jingle. Tatsächlich waren die Songs selbst auch gar nicht so wichtig für die Handlung. Man kommt ziemlich gut durch das Buch, ohne sich auch nur ein Lied tatsächlich angehört zu haben. Das hatte ich mir anders vorgestellt, aber das kann ich verzeihen.
Anders als die vielen Logik-Fehler. Zum Beispiel die Sache mit Felines MP3-Player/Armbanduhr. Das Display ist zerkratzt, sodass man den Titel von der Playlist nicht ändern kann, aber man kann Songs hinzufügen und löschen? Dann war der Akku alle und Tabea kann ihn durch eine magische Tastenkombination auffüllen? Wie zur Hölle hat die Polizei die Pistole ausgetauscht, mit der das eine Kind Julian bedroht hat? Außerdem brauchen Alina und Alex teilweise ewig, um auf den Wissensstand des Lesers zu kommen. Zum Beispiel kann man sich rund um Seite 60 denken, dass Feline in der Nähe von Zügen festgehalten wird. Unsere beiden Protagonisten schaffen das erst auf Seite 200.
Der Großteil der Drohungen und Cliffhanger, mit denen wir am Ende von Kapiteln allein gelassen werden, verlaufen im Nichts. Sorry, aber nach dem dritten Mal glaube ich nicht mehr, dass noch etwas Schlimmes passiert. Und dann ist nichts mehr schockierend. Billige Spannung ist nicht das Vertrauen des Lesers wert.
Der Schreibstil und ich waren noch nie wirklich Freunde, aber dieses Mal habe ich mich echt gefragt, ob der Lektor beurlaubt war. Fitzek wiederholt sich endlos, egal ob es um Alinas Sehbehinderung geht, ihr "fledermausartiges Echolothörvermögen" oder darum, dass Zorbach "jahrelang" (es sind zwei Jahre. Er hat jemanden umgebracht. Sei dankbar!) in den Knast muss. Wie oft kann man von "seelischem Leid" und all seinen Synonymen reden, bis ich keine Lust mehr habe? Nicht oft. Die Vergleiche waren faul und so unbildlich, dass man sie genauso gut hätte weglassen können. Die Konstruktion "Er/Sie tat X wie ein Mensch, der Y ist" kam in exakt diesem Formular so oft vor, dass ich kurz davor war, eine Strichliste zu führen. "Sie wirkte müde, wie jemand, der spürt, dass eine Erkältung im Anmarsch ist...", "Sie nickte hektisch wie eine Person, die so verzweifelt ist, dass sie jedes Angebot annimmt", "Er seufzte wie ein Mensch, der mit sich selbst hadert". Wie seufzt denn ein Mensch, der mit sich selbst hadert? Das ist der Teil, den man beschreiben muss. Das hier ist eine Abkürzung, die nicht viel besser ist als "Er haderte mit sich selbst und seufzte". Ich weiß, das ist kleinlich, gerade bei einem Thriller, aber ab einem bestimmten Punkt sind es vor allem die kleinen Dinge, die das Ganze lieblos erscheinen lassen. Und dabei bin ich mir sicher, dass hier eine Menge Leidenschaft drinnen gesteckt hatte. Das macht es so schade.
Gerade Alexander Zorbach verliert sich (vor allem am Anfang) in pseudo-philosophischen Fragen und Weltansichten, die ich von einer Fünfzehnjährigen erwarten würde, nicht von Zorbach. Jedes Mal, wenn er von seiner "dunklen Seele" spricht, stelle ich mir den Absatz auf Tumblr im Jahr 2014 vor. Das passt besser. Und dann gibt es noch so schöne Konstruktionen wie "ein truhenartiger Gegenstand" (Spoiler: es ist eine Truhe) oder "unsichtbare Stimme in meinem Kopf" (im Gegensatz zu all den sichtbaren Stimmen, die es so gibt).
Die Darstellung von psychisch Kranken war mal wieder unter aller Sau. Ich bin es so satt, zu lesen, wie "wahnsinnig" oder "entrückt" oder "gestört" alle sind. Sie sind krank. Punkt. Gerade Tabea hat man hier echt Unrecht getan und ihre Beschreibung war mehr als respektlos.
Ich mochte seine alten Bücher lieber, aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich da weniger kritisch war. Ich glaube trotzdem, dass die Qualität der Bücher darunter gelitten hat, wie schnell sie hintereinander gepublished worden sind. Bitte gib deinem Lektor mehr als ein Wochenende Zeit, um seinen Job zu machen. Das hier war eine Tragödie.
Der einzige Grund, warum es zwei Sterne und nicht einen gibt, ist, dass man mich gegen Ende doch ganz schön an der Nase herumgeführt hat. Aber das war's auch.
Einen Stern für jedes Kind, das nach der Geschichte traumatisiert im Internat gelandet ist.