Für Urd ist der Wald, in dem sie zusammen mit sechs Geschwistern aufwächst, mehr als ein Zuhause. Er ist ihre Zuflucht, der Ort mit dem sie sich verbunden fühlt. Sie kann mit den Bäumen verschmelzen und ist den Käfern und Elchen näher als ihren Mitmenschen. In der Schule, der einzigen Verbindung mit der Zivilisation, die sie hat, fühlt sie sich fremd. Auch innnerhalb ihrer Familie, die kaum Geborgenheit und wenig Nähe kennt, ist sie eine Außenseiterin. Es ist Urds ungewöhnlicher Blick, durch den wir die Entwicklungen innerhalb der Familie erleben. Die Mutter, die sich im Wald wie eine Gefangene fühlt und nicht in der Lage scheint, ihren Kindern Wärme zu geben und für sie zu sorgen. Die Geschwister, die nach und nach fliehen. Der oft abwesende Vater und der zwielichtige Opa, mit dem die Mutter sich trifft.
"Die Schatten unter den Fichten gehören mir, und die Furchen, wenn sich das Wasser tief in die Erde gräbt und darin fließt. (S. 156)
Rønnings Sprache wohnt eine unglaubliche Kraft inne, wenn sie uns tief in die Gefühlswelt ihrer Erzählerin tauchen lässt, die Menschen mit Tieren vergleicht, um sie zu begreifen, die in der Schule fremd ist, wie eine Fledermaus. Während sie alles versteht, was im Wald passiert muss sie immer wieder mühsam Verbindungen herstellen, um zu begreifen, was in ihrer Familie vor sich geht. Der Zerfall kommt schleichend, und hilflos muss Urd erleben, wie alte Traumata und Geheimnisse dazu führen, dass ihre Familie sich immer mehr zersetzt. Manches bleibt im Unklaren, als würde es durch Dickicht hindurch erzählt. Und hierin liegt für mich auch ein Teil des Zaubers dieses ungewöhnlichen Romans.
Großes Lob an Andreas Donat für die Übersetzung und den Karl Rauch Verlag, der dieses Kleinod auf Deutsch herausgebracht haben.