Eine queere cis hetero Romanze zwischen Nurek und Marim, ein SelfCare- und Wohlfühl-Roman, in dem eine Menge unangenehmer Alltagsdinge nicht passieren. Die beiden Hauptcharaktere sind beide autistisch, auf verschiedene Weise asexuell, und auf vielleicht weitere weniger oft gehighlightete Weisen queer. Ihre großen Abenteuer: Marims Studie über das Wahrnehmen des Hiers und Jetztes in Fantasiewelten, und Nureks Wunschtraum, ein Besuch eines live-Konzerts, wofür es ihrer Behinderung wegen viel vorzubreiten bedarf.
Dieses Buch zu lesen, fühlt sich für mich an, als würde ein Teil meines Gehirns, der sonst stets beschäftigt ist, sich einfach mal ausruhen. Erholungsurlaub beim Lesen, sozusagen.
Ebenso wie die Figuren sehr klar miteinander kommunizieren, kommuniziert auch das Buch sehr klar und ich muss mir keine Gedanken über versteckte Doppel- und Nebenbedeutungen machen. Erst im Kontrast dazu, dass ich das sonst beim Lesen immer zwischenschalten muss, merke ich die Entspannung so deutlich, dass ich an meinem Kopf zeigen könnte, welche Hirnregion gerade aufatmet. Das ist sehr krass. Dass ich dennoch ziemlich genau sechs Monate brauchte, um es zu lesen, lag eher an meiner Löffellosigkeit und weniger an dem Buch selbst.
Erzählt wird hier eine Geschichte, die sehr feinfühlig und empowernd ist. Und wo die Figuren sehr fein Dinge ausbalancieren müssen, weil die Welt um sie herum trotz aller Utopie doch messy Seiten hat. Ich fand das wichtig, weil ich in letzter Zeit oft über die zwei Definitionen von Behinderung nachdenke - die soziale ("Wir werden von der Gesellschaft be_hindert") und die andere, deren Begriff mir gerade nicht einfällt ("Personen sind durch bestimmte ihnen innewohnede Eigenschaften aus sich heraus behindert") - und wie ich manchmal lesen muss, dass in einer perfekten Welt durch das Wegfallen der sozialen Dimension es doch gar keine Probleme mehr geben dürfte. In "Wenn es nicht passiert" ist die Welt im Vergleich zu unserer wesentlich barriereärmer, aber das zaubert nicht automatisch alle Probleme weg, die Nurek hat. Wie diese Probleme dann so navigiert werden, dass Nurek nicht bevormundet oder über sie hinweg entschieden wird (außer, sie bittet gerade darum), fand ich sehr empowernd. Einfach weil ich selbst in einer ähnlichen Lage bin - auch in einer perfekten Welt habe ich immer noch meine Reizverarbeitungsprobleme und bräuchte hier und da Assistenz und die Bereitschaft meiner Mitwesen, ohne groß zu diskutieren, mich bzw. meine Last einfach mal mitzutragen.
Also: - Es war eine Wohltat, ein Buch zu lesen, das ich nicht die ganze Zeit nebenher dechifrieren musste, sodass "Neurotypische Sprache - JTM"-Übersetzungsarreale Urlaub hatten. - Es war empowernd, von einem nicht-übergriffigen und liebevollen Umgang mit Problemen zu lesen, die ich zum Teil sehr ähnlich in ähnlichen Settings auch hätte. - Wie bei skalabyrinth üblich (und ich lieeeebe diesen Stil genau deswegen) gab es immer wieder kleine Beobachtungen und Beschreibungen von Sinneseindrücken, Tätigkeiten und Gedankengängen, bei denen ich das Gefühl hatte, endlich Worte für etwas zu haben, das ich schon oft selbst so wahrgenommen habe. - Das Buch hat viel feinen Humor von der Art, die mich albern kichern lässt. - Ich liebe ja generell fiktive Festtags- und Festivalsettings und Feierlichkeiten sehr. So ganz allgemein. Wer das auch mag, kommt bei "Wenn es nicht passiert" auf sehr viel Lesegenuss.
Ein herrlich unaufgeregtes Buch, dass dennoch komplex ist und zum Denken anregt.
Anfangs hatte ich etwas Probleme, mich einzufinden. Gerade, weil die Art der Kommunikation zwischen den Charakteren so ganz anders ist, als man es im von Neurotypischen geprägten Umfeld gewohnt ist. Aber mit der Zeit war es, als wäre ich ein Pinguin, der sein Leben in der Wüste verbracht hat, und zum ersten Mal ans Meer kommt. Die Kommunikationsart (die für mich tatsächlich DAS tragende Element des Romans ist), ist zwar zeitaufwändiger, weil man aus Rücksicht viel mehr abklopfen und Worte genauer wählen muss, kommt mir für mein eigenes Gehirn aber gleichzeitig auch viel natürlicher vor, als die Art, die ich mir durch das Zusammenleben mit neurotypischen Menschen angewöhnt habe.
Die Geschichte drum herum ist sehr ruhig. Nurek lernt Marim kennen, dessen Studie sie begeistert - sie sind sich sympathisch und schließlich verlieben sie sich in einander. Zusammen erkunden sie ihre gemeinsamen Grenzen - mehr Nureks, aber auch Marim lernt mehr über sich selbst und, welche Art von Beziehungen ihm gut tun und womit er sich wohl fühlt.
Dabei kommen ganz natürlich verschiedene Behinderungen, Sexualitäten, Geschlechter und Spezies vor, in einer vielfältigen und rücksichtsvollen Welt.
Alles in allem eine Utopie, die sich vor allem auf zwischenmenschliches Miteinander konzentriert und gerade da eben utopisch (im Sinne von so gut wie möglich und nicht im Sinne von als Ziel illusorisch) ist.
Dieses ist definitiv bisher mein Lieblingsbuch von skalabyrinth. Es hat einfach all die Dinge, die eins von einem skalabyrinth-Buch erwartet - geniales Worldbuilding, tolle Repräsentation, interessante Charaktere, unendlich viele kleine Details, die eins zum Lächeln bringen - und stellt dabei Themen in den Vordergrund, die sich sehr nah an meinem Alltag anfühlen, einfach weil die Charaktere erwachsen sind und (anders als z.B. in Die Flotte der Maare) in relativ alltäglichen Settings leben. Außerdem war das Ende toll!