Irgendetwas führt Sportreporter Addi Schmuck im Schilde, als er arrangiert, dass seine junge Kollegin Moni Gottlieb für ihn von allen redaktionellen Pflichten freigestellt wird. Ebenso zwingend selbstverständlich scheint, dass sie ihr Smartphone zu Hause lassen muss, bevor sie die Arena des Bundesliga-Clubs am Südrand der Stadt ansteuern. Der dortige Greenkeeper hat mit einem rätselhaften Naturphänomen zu kämpfen und erhofft sich von Schmuck einen rettenden Rat. Allerdings ist Schmuck in dieser Frage selbst des Beistands bedürftig. Er macht seine Kollegin mit einem brüderlichen Freund bekannt, der ein merkwürdig verwachsenes Refugium bewohnt und nur «der Auskenner» genannt wird. Ein Spiel zu dritt beginnt. Und Moni Gottlieb, die ebenso vorsichtig wie hellsichtig ist, darf erfahren, wie sich Diesseits und Jenseits verflechten können. Kaum ein Schriftsteller unserer Zeit handhabt die Mittel der erzählenden Literatur subtiler als Georg Klein, kaum einer treibt das Spiel mit größerem Vergnügen und Eigensinn voran. Sein neuer Roman führt uns in die Redaktion einer traditionsreichen süddeutschen Regionalzeitung – und in das Zwischenreich von Medialität und belebter Natur. Eine dunkle Komödie in leuchtender Prosa.
“Die Gräfin ging voran. Mit einem minimalen Nicken und einem trügerisch natürlichen Lächeln ihres kunstreich verbesserten Gesichts hatte sie MoGos Vorschlag zugestimmt, ein ausdrückliches Ja war ihr offenbar nicht nötig erschienen. Jetzt, wo MoGo ihr folgte, fiel ihr das Schuhwerk auf, in dem die Eszerliesl unterwegs war. Es handelte sich um ein Modell, das die Machart klassischer Sportschuhe recht getreu nachahmte, allerdings wiesen das Gold der drei Streifen, die dem schwarzen Wildleder aufgenäht waren, zusammen mit dem seidig glänzenden Knallrot der Schnürsenkel aus der Welt der Fitness in das Reich des Modischen hinüber.”
Ebenso wie dem Gesicht von Gräfin Eszerliesl (= Leser Ziel?) erscheint das Augsburg aus “Bruder aller Bilder” trügerisch natürlich, denn Georg Klein weiß die Wirklichkeit kunstvoll umzuarbeiten. So trägt der Wittelsbacher Park dort den Namen der Gräfin, welche im Buch Besitzerin der Augsburger Allgemeinen ist. Zusammen mit den schwarz rot goldenen Schuhen wird also ein Zusammenhang zwischen dieser Zeitung und einem deutschen Adelsgeschlecht angedeutet, der vermutlich eher fiktionaler Natur ist (?), die Figur aber nicht weniger ominös erscheinen lässt. Zudem hat mich meine vorausgehende Lektüre von Arno Schmidts “Abend mit Goldrand” in der Verlese-Kunst geschult (=bisschen gaga gemacht) und so höre ich in dem Paragraphen auch eine "Welt der Finsternis" und ein "Reich des Mörderischen" anklingen. Und wenn Georg Klein einen seiner Charaktere auf Tortenholfahrt schickt und anschließend die verstorbene Mutter der Protagonistin wieder mitmischt, dann kann ich gut verstehen, warum die Arno Schmidt Stiftung diesem Autor ein Stipendium gewährt hat. Ein wunderbar verworrener Roman.
Zwischen Zeitungsmeldung und Zwischenwelt: Was als gemütliche Zeitungssatire mit Augsburger Lokalkolorit beginnt, gleitet langsam, aber sicher in ein surreal überdrehtes Zwischenreich: Taubendreck, Tunnel, Tote. Manches wirkt charmant schräg, anderes schlicht überfrachtet.
Doch je weiter man liest, desto mehr droht die Konstruktion unter ihrer eigenen Opulenz zu kollabieren. Wenn Tote reden, soll es ja eigentlich spannend werden, hier allerdings: eher geschwätzig.