Vorneweg muss ich euch gleich sagen, dass ich dieses Buch nicht bewerten kann. Es war für mich ein klassischer Fehlkauf, aber nicht seiner selbst wegen, sondern weil es thematisch für mich einfach ungeeignet war. Ich lese keine Klappentexte und irgendwann musste ich damit ja mal auf die Schnauze fallen - Jetzt war es soweit. Ich lese lediglich Triggerwarnungen, jedoch verfügt dieses Buch leider über keine, wahrscheinlich weil der Klappentext das zentrale Thema spoilert, wobei diese Geschichte durchaus noch weitere potenziell triggernde Themen enthält, weswegen eine deklarierte Triggerwarnung in meinen Augen dennoch sinnvoll wäre.
Ihr bekommt hier keine klassische Rezension von mir, aber ich möchte dennoch ein paar meiner (subjektiven!) Gedanken mit euch teilen:
Ich kann Vieles lesen und ertragen, aber Alkoholabhängigkeit und Sucht sind für mich persönlich sehr hart. Trotzdem wollte ich es versuchen und das war womöglich ein Fehler. Ava's Geschichte hat mich nicht einmal an meine eigene Kindheit erinnert, denn hier lief alles ganz anders ab und genau das machte es so schmerzhaft. Sucht ist eine Krankheit, gegen die man tagtäglich ankämpfen muss und genau das tut Ava's Vater. Er macht im Grunde alles richtig. Er hat sein Problem erkannt, sich selbst in eine Entzugsklinik eingewiesen und versucht nun zu heilen. Er will seine Sucht in den Griff bekommen, für sich und seine Familie, denn trotz allem verhält er sich noch wie ein liebevoller Vater und sorgt sich um seine Familie. Er kämpft um seine Ehe und für seine Kinder, obwohl er sich unheimlich viel Gegenwind ausgesetzt sieht.
Ava ist wütend und bis zu einem gewissen Grad konnte ich das nachvollziehen, aber häufig hat sie sich in meinen Augen auch viel zu sehr in die leidende Opferrolle gedrängt, und das nicht nur in Bezug auf ihren Vater, sondern bei allem und jedem. Ava erwartet immer mehr als sie selbst zu geben in der Lage oder auch nur bereit ist. Nichts ist jemals gut genug für sie und das war einfach anstrengend. Wir haben als Leser:innen nichts von Ava's Kindheit oder dem Verhalten ihres Vaters unmittelbar vor der Einweisung mitbekommen, was in meinen Augen aber äußerst aufschlussreich hätte sein können und mir hier dementsprechend gefehlt hat. Die spärlichen Hinweise lassen allerdings auf eine schöne Kindheit schließen, was Ava's Verhalten meines Erachtens noch unfairer erscheinen lässt. Sie ist selbstgerecht, überheblich und uneinsichtig. Ava war für mich schlicht und ergreifend keine sympathische Protagonistin, welche diese Geschichte aber dringend gebraucht hätte.
Warum Ava gerade Chay wählte, hat sich mir bis jetzt nicht erschlossen. Ich kann gut verstehen, dass sie sich nicht um noch einen Süchtigen in ihrem Leben sorgen müssen möchte. Es ist völlig legitim und nachvollziehbar, aber wenn du genau das tausendmal erwähnst und immerzu betonst, dann ziehe es doch auch durch! Dann lässt Ava Chay auch noch ewig lange zappeln, was an sich schon unfair und mies ist - Immer, aber in diesem besonderen Fall ist es auch noch das Letzte, das Chay gerade brauchte. In einer Beziehung sollte man einander Halt geben und sich unterstützen, aber das können die beiden nicht. Stattdessen machten sie sich das Leben gegenseitig nur noch schwerer.
Das florierende Hin und Her zwischen Ava und Chay bereitete mir Magenschmerzen und hat leider mehr negative als positive Gefühle in mir ausgelöst. Ich konnte zwischen den beiden auch keine Liebe oder tiefe Verbundenheit spüren, sondern maximal körperliche Anziehungskraft, was die Beziehung der beiden für mich noch unsinniger erscheinen ließ. Ich hatte beim Lesen selbst das Gefühl, dass Chay nicht gut genug für Ava ist, weil sie mir dieses Gefühl ebenso sehr gab wie sie es Chay vermittelt hat. Ich mochte sie mit jeder weiteren Seite noch weniger und bleibe dabei, dass CHAY etwas Besseres verdient hätte, auch wenn in ihren Augen immer nur sie etwas Besseres verdient haben kann.
Hinzu kommt, dass mehrfach beschrieben wurde, wie Ava Angst vor Chay empfindet und in seiner Gegenwart gehäuft einen Fluchtinstinkt verspürt, was mir trotz meiner Antipathie ihr gegenüber sauer aufstieß. Wie soll man ihre Beziehung so noch romantisch finden?! Sie treibt das Wort 'toxisch' auf ein ganz neues Level. Nicht jede Angst muss überwunden werden. Angst kann auch etwas Gutes sein und uns schützen. Wenn dein Körper dir also wiederholt signalisiert, dass du vor einem Mann wegrennen sollst, dann solltest du dieses Gefühl ernst nehmen und dich nicht zwingen zu bleiben, geschweige denn dich diesem Mann noch weiter zu öffnen und anzunähern. Was wird hier bitte vermittelt?!
Unabhängig meiner persönlichen Schwierigkeiten mit der Thematik dieses Buches kann man hier definitiv einige Punkte kritisch betrachten, gerade was die Beziehung von Ava und Chay anbelangt.
Darüber hinaus habe ich die Charaktere als sehr gezeichnet und nur wenig nahbar empfunden. Auf emotionaler Ebene kam trotz Innensicht kaum bis gar nichts bei mir an. Ich hätte mir mehr Greifbarkeit, Gefühlsintensität und Tiefe im Schreibstil der Autorin gewünscht. Suchterkrankungen sind so ein sensibles Thema und doch hat dieses Buch nur sehr wenig in mir ausgelöst. Es hat mich in erster Linie wütend gemacht. Wütend und frustriert. Das Handeln der Charaktere war für mich häufig überhaupt nicht nachvollziehbar und in den anderen Fällen hat es mich aufgeregt. Ich hatte selten das Gefühl, dass zwei Charaktere so wenig füreinander bestimmt sind wie hier. Die expliziten Szenen waren übrigens ebenfalls mehr unangenehm als prickelnd und vor allem meist auch sehr deplatziert.
Mein Fazit ist, dass ich dieses Buch definitiv nicht hätte lesen sollen, aber selbst wenn ich versuche meine persönlichen Gefühle außen vorzulassen, würde ich euch diese Geschichte eher nicht empfehlen. Ich maße mir nicht an, dass meine persönlichen Erfahrungen die einzig richtigen und diese hier kein bisschen authentisch wären, jedoch betrachte ich Ava auch unabhängig davon als schwierige Protagonistin und ihre Liebesgeschichte mit Chay als höchst problematisch.