Es fällt mir etwas schwer, eine negative Rezension zu schreiben, besonders weil ich Respekt vor Martina Gercke und ihrer Arbeit habe. Es ist offensichtlich, dass viel Zeit und Mühe in „Liebe unverhofft“ investiert wurde, und die Idee der Geschichte an sich hat durchaus Potenzial. Allerdings konnte ich mich leider überhaupt nicht mit den Charakteren identifizieren und fühlte mich in vielen Passagen durch die Aussagen der Figuren, persönlich verletzt.
Das Buch wirkt auf mich, als wäre es aus einer völlig anderen Zeit. In einer modernen Geschichte erwarte ich eine gewisse Sensibilität und Zeitgemäßheit, doch in „Liebe unverhofft“ fand ich zahlreiche veraltete und teilweise beleidigende Ansichten vor Allem gegenüber Frauen. Schon der Abschnitt, in dem Ella ein Makeover braucht, um angeblich attraktiv genug für New York zu sein, hat mich fassungslos gemacht. Dass Lilly ihr vorschreibt, ihre Kleidung zu ändern und sich sogar über ihre Körperpflege oder ihre Intimbehaarung äußert, geht weit über das Maß hinaus. Ihr Körper, ihre Wahl – diese grundlegende Regel scheint hier vollkommen ignoriert zu werden.
Ein weiterer Punkt, der mich wirklich schockiert hat, war Lillys Umgang mit ihrer trans besten Freundin Paula. Obwohl Paula seit Jahren als Frau lebt, nennt Lilly sie immer noch „er“ an einer Stelle, was absolut respektlos ist. Zusätzlich geht es Lilly nichts an, Ella gegenüber zu erwähnen, dass Paula trans ist. Das sollte allein Paulas Entscheidung sein, wem sie diese Information anvertraut. Die Art, wie die Thematik im Buch behandelt wird, lässt mich befürchten, dass Paula nur als „diverser“ Sidekick eingeführt wurde, um einen modernen Anstrich zu verleihen, ohne sich wirklich mit der Thematik auseinanderzusetzen.
Auch die Dynamik zwischen Ella und Lilly ist äußerst problematisch. Lilly kritisiert Ellas Aussehen, als wäre sie nicht anwesend, und spricht von ihrer Frisur als „Katastrophe“. Das ist nicht nur toxisch, sondern schlichtweg herablassend. Es wäre eine Sache, wenn Ella um Ratschläge gebeten hätte, aber sie wird von Lilly einfach überrollt – und das nach nur wenigen Tagen Bekanntschaft. Eine echte Freundschaft sollte auf gegenseitigem Respekt und Akzeptanz basieren, doch hier wirkt Lilly eher wie eine Tyrannin, die Ella verändern will, um sie in ihr eigenes Weltbild zu pressen.
Dann gibt es noch Nick, der alle Frauen über einen Kamm schert: „Alle Frauen wollen umworben werden und brauchen einen starken Mann“. Solche Pauschalisierungen sind nicht nur falsch, sondern verfestigen alte Geschlechterrollen, die längst überholt sind. Ein weiterer Satz, der mich störte, war: „Männer und Frauen können keine Freunde sein, es sei denn, der Mann ist schwul.“ Das ist einfach nur rückständig.
Auch die Aussage, dass alle Italiener so gastfreundlich wie Franky seien, ist ein weiteres Beispiel für die vielen unnötigen Verallgemeinerungen im Buch, die die Geschichte immer wieder aus der Gegenwart reißen.
Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber man merkt deutlich, dass die Autorin eine andere Generation als die Protagonistin repräsentiert. Das Buch wirkt, als sei es vor vielen Jahrzehnten geschrieben worden, obwohl es recht neu ist. Als Leserin im Alter der Hauptfigur fühlte ich mich oft, als würde ich eine Geschichte lesen, die eher zu meiner Urgroßmutter passen würde. Martina Gercke scheint versucht zu haben, eine lockere und humorvolle Freundschaft zwischen den Figuren zu kreieren, doch mit den veralteten Ansichten und vielen beleidigenden Aussagen ist das leider misslungen.
Kurzum: Die Storyline hat Potenzial, aber die Ausführung wirkt hoffnungslos aus der Zeit gefallen und enthält zu viele unreflektierte, stereotype Aussagen, die einfach nicht mehr in die heutige Zeit passen.