Rassismus ist strukturell und prägt alle Kinder von klein auf. Dieses Buch bietet Eltern, Pädagog*innen und Interessierten eine Basis, um Kinder antirassistisch zu begleiten. Es führt durch die verschiedenen Altersstufen vom Kleinkindalter bis zur Pubertät und hält grundlegende Informationen und viele praktische Tipps sowie ein Glossar der wichtigsten Begrifflichkeiten bereit. Josephine Apraku zeigt auf, was es braucht, um BIPoC-Kinder zu empowern und weiße Kinder zu sensibilisieren und wie wir gemeinsam solidarisch gegen Rassismus vorgehen können. Beiträge diverser BIPoCAutor*innen zu den verschiedenen Formen von Rassismus und Kurzinterviews mit Expert*innen vermitteln konkrete Zugäng und aktuelle Impulse. Anschaulich illustriert von Le Hong.
Schon im Alter von zweieinhalb Jahren wählen Kinder ihre Spielkamerad*innen anhand des Hauttons aus. Mit etwa drei bis vier Jahren sind äußere Unterschiede für Kinder schon mit einer Wertung verbunden. Daher liegt es auf der Hand, dass Antirassismus und das Sprechen über Diskriminierung eine wichtige Rolle in der (frühkindlichen) Erziehung spielen – sowohl bei weißen als auch bei Schwarzen Kindern oder POC.
Diese schmale Büchlein versucht auf 77 Seiten eine kleine Einführung in die Geschichte des Rassismus zu geben und eine Basis zu schaffen, aufgrund derer Eltern ihre Kinder antirassistisch begleiten können. So finden sich in dem Buch viele Definitionen relevanter Begriffe (wie BIPOC, Mikroaggressionen oder Othering) als auch praktische Tipps, die Eltern im Alltag und im Umgang mit ihren Kindern umsetzen können.
Hierbei versucht die Autor*in Josephine Apraku sowohl Ansätze für weiße Eltern weißer Kinder als auch nicht-weißer Kinder zu geben, und Empowerement-Ratschläge für nicht-weiße Eltern nicht-weißer Kinder. (Hoffentlich war das jetzt irgendwie verständlich.)
Im Großen und Ganzen war mir das Buch zu oberflächlich. Es ist leider nicht mehr als eine seichte Einführung in ein sehr komplexes Thema und auch die Praxistipps sind ziemlich offensichtlich und werden noch nicht mal allumfänglich erklärt.
Ich habe beispielsweise nicht verstanden, warum sich das erste von nur vier Kapiteln damit beschäftigt, den Leser*innen des Buches erstmal in einfacher Sprache zu erklären was Rassismus überhaupt ist und wie er in Deutschland historisch gewachsen ist. Das Kapitel war so kurz und oberflächlich, dass man doch hoffen sollte, dass sich Eltern, die sich für eine antirassistische Erziehung interessieren, bereits anderweitig (und auf deutlich tiefergehende Weise) in den Komplex Rassismus eingearbeitet haben.
Die restlichen drei Kapitel sind nach dem Alter der Kinder aufgeteilt: Kindergarten, Grundschule, Oberschule.
Josephine Apraku nennt folgende Praxistipps zur Vermittlung bzw. Umgang mit Rassismus im frühkindlichen Alter:
1. Diversität von Anfang an als normalen Bestandteil des Alltags vorleben und integrieren (Kita, Spielpartner*innen, Auswahl von Spielzeuge und Medien, inklusive Spielgruppen und Sportvereine etc.)
2. Eigenes Verhalten reflektieren (da: Eltern sind Vorbilder, die Kinder nachahmen)
3. Normen hinterfragen (z.B. warum heißt der beige Stift “Hautfarbe”, wenn es doch so viele unterschiedliche Hautfarben gibt?)
4. Konkrete Situationen “durchspielen” (Wie reagiert man auf Beleidigungen? Wie holt man Hilfe? Was sind Gegenargumente?)
5. Filme, Bücher, Serien auswählen, die auch BIPOC repräsentieren auswählen
Ich verstehe durchaus die Sinnhaftigkeit hinter diesen Tipps, aber zum einen liegen sie auf der Hand (zumindest für mich) und zum anderen hätte ich mir einen praxisorientierteren Ansatz für das Buch gewünscht, indem zum Beispiel eine konkrete Situation durchgespielt wird, bei der klar wird, welche Sprache Eltern in einem solchen Gespräch verwenden könnten. Zumindest sind einige der Tipps so vage formuliert und werden nicht vertieft (z.B. Tipp 2), sodass ich ihre Umsetzbarkeit anzweifle.
Denn: nur antirassistische, reflektierte Eltern können eine antirassistische Erziehung umsetzen. Das Problem in Deutschland ist aber, dass viele Eltern (genauso wie andere Teile der Gesellschaft) eher ignorant und farbenblind sind/agieren, wenn es um den Themenkomplex Rassismus geht. Ich hätte mir gewünscht, dass die Autor*in verstärkt herausstellt, dass antirassistische Erziehung bei den Eltern selbst anfängt (und möglicherweise Ressourcen zur Weiterbildung bereitstellt), anstatt es primär auf die Kinder zu beziehen.
Im dritten Kapitel – über Kinder im Grundschulalter – kommen folgende Tipps hinzu:
1. Rassistische Stereotype benennen, wenn sie uns begegnen
2. Haltung zeigen, wenn sich Menschen im Umfeld rassistisch äußern
3. Mit Kinder über Gerechtigkeit sprechen (Metapher des Wettlaufs, bei dem Kinder von unterschiedlichen Positionen starten müssen)
4. (Schul-)Materialien zu Rassismus und Kolonialismus gemeinsam durcharbeiten
Und wieder – an und für sich habe ich nichts gegen diese Tipps einzuwenden, ich weiß nur nicht, wie hilfreich sie wirklich sind. Ich kann mir gut vorstellen, dass es viele Eltern gibt, die selbst gar nicht rassistische Stereotype erkennen oder mitbekommen, wenn sich jemand in ihrem Umfeld rassistisch äußert, geschweige denn wissen, wie sie dagegen anreden können. Auch hier hätte ich mir eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Komplex gewünscht, bei dem bspw. bestimmte rassistische Verhaltensweisen, die Kindern oft begegnen, aufgedröselt werden.
Das fand ich in dem kleinen Exkurs zu antiasiatischem Rassismus, bei dem explizit Dinge wie das Hochziehen von Augenlieder oder Begriffe wie "Ching Chang Chong" genannt wurden. Ich denke, vielen Eltern, vor allem weißen Eltern weißer Kinder, ist gar nicht bewusst, wie sich Rassismus bei Kindern äußert. Ich selbst bin kürzlich an einem Kindergarten vorbeigelaufen und ein kleiner weißer Junge auf einem Fahrrad rief mir "Kaka" hinterher – ich denke nicht, dass so ein Verhalten seinen Eltern bewusst ist. Wenn man mit Kinder über Rassismus spricht, kann man dies nicht auf eine abstrakte Art und Weise tun. Man muss es direkt machen, mit anschaulichen Beispielen. Konkrete Wörter, Aussagen und Verhaltensweisen ansprechen und erläutern, warum diese verletzend sind.
Zum anderen möchte ich anmerken, dass mir der intersektionale Ansatz in dem Buch total gefehlt hat. So finde ich den dritten Tipp (mit dem Wettlauf) auch total unbrauchbar. Denn nicht alle bspw. Schwarzen Kinder würden bei so einem Wettlauf schlechtere Startpositionen haben als weiße Kinder, es kommt schließlich auch auf Klasse, Gender, etc. an. Ein Schwarzes Kind mit deutschem Pass und einem Anwalt und einer Ärztin als Eltern hat vermutlich bessere Voraussetzungen als ein weißes Kind, welches von einer alleinerziehenden Mutter, die Hartz IV bezieht, großgezogen wird.
Auch finde ich die Aussage "Vorurteile und Diskriminierung sind nicht das Gleiche" (so richtig sie auch ist), für Kinder unpassend. Ob ein vierjähriger Junge im Kindergarten nun gemobbt wird, weil er eine dunkle Hautfarbe hat oder weil er eine Brille trägt, ist dem Jungen vermutlich egal, und beides kann ihn im gleichen Maße verletzen. Daher finde ich es angemessener, Kindern zu vermitteln, Normen zu hinterfragen und Diversität (sei es nun bezogen auf Race, Körperfülle, Zahnspangen oder whatever) als normal zu sehen.
Im vierten und letzten Kapitel – zum Umgang mit (Pre-)Teens – kommen folgende Tipps hinzu:
1. Filme oder Serien schauen, die Rassismus behandeln
2. Über rassismusrelevante Momente/ Nachrichten ins Gespräch kommen
3. Politisch aktiv werden (auf Demos, in Vereinen etc.)
Dieses Kapitel fand ich wohl am enttäuschendsten. Es ist einfach zu oberflächlich und nicht wirklich hilfreich. Wenn man so einen Ratgeber schreibt, muss man sich bewusst werden, wer die Adressat*innen sind. Für mich wirkt es so, als hätte Apraku ein Buch geschrieben, welches sich an Leute richtet, die bereits das wissen, was in dem Buch vorkommt – so hippe Kreuzberg-Eltern, die ihre Kinder in einen bilingualen Kindergarten schicken. Wenn ich mir aber vorstellen würde, dass ich das Buch meiner Tante auf dem Land zukommen lasse, wüsste ich nicht, ob sie damit auch nur irgendetwas anfangen könnte, geschweige denn, ob es in ihrem Dorf überhaupt auch nur eine inklusive Spielgruppe gibt.
Wie gesagt, ich habe im Grunde nichts gegen die Aussagen, die in diesem Buch getätigt werden, ich frage mich nur, wem diese etwas nützen sollen. Preaching to the choir, don't you think? Daher gibt's von mir leider nur 2,5 Sterne.
Ein praktischer Ratgeber, der alles in Kürze darstellt und in jeder Schulbibliothek platzenden sollte.
Das Buch führt dabei durch die verschiedenen Altersgruppen und schildert, wie mit Kindern altergerechts gesprochen werden kann. Dabei hätte ich mir gerne mehr konkretere Beispiele für einen Einstieg oder mögliche Verläufe gewünscht, ein FAQ, welche Fragen besonders häufig in welchem Alter gestellt werden.
Der Ansatz und die liebevolle Gestaltung eines Ratgebers mit Illustrationen von Le Hong sind toll, aber inhaltlich bleibt das Buch leider recht oberflächlich. Es stecken viel guter Wille, knappe Definitionen und Tipps zum Weiterlesen darin, nur an konkreten Praxisbeispielen hapert es irgendwie. Es werden zwar durchaus Beispiele erwähnt, aber die gehen nicht über eine grobe Richtung hinaus. Ich weiß nach der Lektüre immer noch nicht, wie ich Kinder in meinem Umfeld konkret antirassistisch begleiten kann, außer dass ich darauf achte, dass ihre Spielsachen und Medien divers sind und dass Rassismus offen be- und angesprochen werden sollte (bloß wie?). Gut als Anreiz und Wegweiser für weitere Ressourcen.
Das Buch ist eine kurze Sammlung von erklärenden Erläuterungen zu Rassismus selbst, Interviews und Praxisempfehlungen, gegliedert in die 4 Abschnitte "Rassismus ist ein System", "Wie du Kinder von Anfang an antirassistisch begleitest", "Wie du Rassismus mit Kindern im Grundschulalter besprichst" & "Wie du mit Pre-Teens und Teenagern über Rassismus sprichst". Dass bei der Kürze des Buches (ca. 70S.) so komplexe Themen wie die Geschichte des Rassismus, systematische Unterdrückung und Intersektionalität nicht in vollem Umfang aufbereitet werden, hatte ich schon erwartet. Die Autorin ist sich dessen, denke ich, allerdings auch bewusst (siehe Titel "Eine sehr kurze Geschichte des Rassismus") und stellt jede Menge Literaturhinweise, further reading Vorschläge und Materialsammlungen zur Verfügung. Für komplette Neueinsteiger*innen in diese Thematik könnte das Buch etwas zu oberflächlich sein, wie in anderen Reviews erwähnt wird, ist eine eigene Auseinandersetzung mit kritischem Weißsein z.B. oder den persönlichen rassistischen Prägungen definitiv notwendig, um diese Handlungstipps in der Praxis sensibel umzusetzen. Ich bin trotzdem froh über ein weiteres Buch, dass diverse Autor*innen zu Wort kommen lässt, sich mit antirassistischer (Früh-) Pädagogik auseinandersetzt und weiterführendes Material zusammenstellt, da die Thematik(en) bisher einfach noch kein fester und kritischer Bestandteil pädagogischer Ausbildungen sind.
Diese Anleitung ist ein ziemlich gute Lektüre für Personen, die mit Kindern oder junge Erwachsenen über das Thema Rassismus sprechen möchten. Es hat eine tolle Gliederung, beschreibt viele Dinge sehr klar und verständlich und schafft vor allem ein Verständnis dafür, was es braucht, Kinder von klein auf antirassistisch zu begleiten.