Jüdische Rache und jüdischer Widerstand – ein verdrängtes Kapitel deutscher Erinnerungskultur.
Als Nachkomme von Holocaust-Überlebenden macht sich Achim Doerfer auf die Suche nach einem Gefühl, das nach dem Ende des Nationalsozialismus und dessen gigantischen Verbrechen nicht nur in seiner Familie seltsam blass blieb: der Wunsch nach Vergeltung, nach Rache.
Nicht ohne Grund war der Jubel bei der Tel-Aviv-Premiere von Quentin Tarantinos Film »Inglourious Basterds« groß: endlich eine künstlerische Fantasie, die Jüdinnen und Juden als machtvoll darstellte. Aber es gab Widerstand und Racheakte auch in der Realität: in den Gettos Osteuropas, bei den jüdischen Partisanengruppen, bei der jüdischen Brigade der britischen Armee.
Auch wenn es angesichts des gigantischen Massenmords der Nazis viel mehr hätten sein müssen: Achim Doerfer geht diesen Widerstands- und Rachegeschichten nach, um einer Erinnerungs- und Gedenkkultur, die den Opferstatus von Jüdinnen und Juden in unser aller Köpfe zementiert, etwas entgegenzusetzen. Zumal das Versagen der deutschen Justiz nach 1945 nicht minder gigantisch war: Akribisch listet Doerfer auf, wie die Täter systematisch geschont wurden, Millionen von Opfern keinerlei Gerechtigkeit zuteilwurde – und damit letztlich auch keine gesellschaftliche Perspektive im Nachkriegsdeutschland, weder in der BRD noch in der DDR. Dass mit der massenhaften Wiedereingliederung der Täter auch die von der Mehrheitsgesellschaft viel beschworene und bejubelte Versöhnung zwischen Deutschen und Juden bis heute ein unwürdiges Gedenktheater blieb, ist die bittere Erkenntnis dieses brillanten, wütenden und nachdenklich stimmenden Buches.
Es stimmt ja – in der deutschen Erinnerungskultur hinsichtlich des 3. Reichs und vor allem der Shoa, kommen wehrhafte Juden, kommen jüdischer Widerstand in und außerhalb der KZ oder gar jüdische Rache nach dem Krieg kaum vor. Die Deutschen, die von der eigenen Schuld nach 1945 so oder so nichts wissen wollten, sich selbst als „Hitlers erste Opfer“ sahen, die nach Bombenkrieg und Vertreibung der Meinung waren, nun selbst aber auch genug gelitten zu haben und nicht mit Leichenbergen und SS-Willkür belästigt werden wollten, bastelten sich nach und nach das jüdische Opfer, welches diesen Status annahm und vertrat und bestenfalls bereit war, zu verzeihen und sich mit den Deutschen zu versöhnen. Währenddessen konnte sich der Deutsche der frühen und späteren Nachkriegszeit darauf konzentrieren, im Wirtschaftswunderland wieder den Aufstieg zu schaffen und das eigene Unterbewußtsein, aufgeladen mit Schuld, möglichst weit in die düstersten Ecken des Vergessens zu verdrängen. Es gab keine Kollektivschuld, eine kollektive Unschuld allerdings, die wurde nur allzu gern konstatiert[1].
Die Deutschen halten sich sehr viel zugute auf die „Vergangenheitsbewältigung“, die vermeintlich zur Aussöhnung mit Israel und dadurch auch mit „den Juden“ geführt habe. Umso schmerzhafter für die Weltmeister im Vergangenheitsbewältigen, wenn eine neue Generation jüdischer Mitbürger nicht bereit ist, das so zu akzeptieren. Umso schmerzhafter ein Buch wie Achim Doerfers „IRGENDJEMAND MUSSTE DIE TÄTER JA BESTRAFEN“. DIE RACHE DER JUDEN, DAS VERSAGEN DER DEUTSCHEN JUSTIZ NACH 1945 UND DAS MÄRCHEN DEUTSCH-JÜDISCHER VERSÖHNUNG (2021). In genau der aufgeführten Reihenfolge behandelt Doerfer diese Themen und zeigt sehr genau auf, weshalb die Sache mit der Versöhnung wohl nicht klappen konnte. Und es stellt sich – auch wenn der Autor dies so explizit nicht äußert – die Frage, ob es in Anbetracht des Menschheitsverbrechens der Shoa eigentlich Versöhnung geben kann. Es ist, man kann es sich psychologisch gut erklären, natürlich ein großer Wunsch im Tätervolk. Aber womöglich hat das Gros der Opfer schlicht kein Interesse an einer solchen Versöhnung?
Doerfer unterteilt seine Studie in drei große Abschnitte. Der erste handelt von jüdischer Vergeltung unmittelbar nach dem Krieg. Von größeren und kleineren Aktionen, vor allem behandelt er die Gruppe Nakam, eine radikale Organisation, die mit Gift in der Trinkwasserversorgung möglichst viele, wenn irgend möglich sechs Millionen Deutsche töten wollte. Sicher der extremste Vorschlag, getragen von einem klaren Rachegedanken. Doch auch der Widerstand in den Gettos und den KZ wird hier behandelt, ebenso jener Widerstand, der von Juden schon während der Frühphase des 3. Reichs ausging. Keinesfalls waren Juden während des Regimes wehrlos, im Gegenteil, sie setzten sich zur Wehr. Und nach 1945 gab es sehr wohl Rachegelüste, die teils in den Tagen unmittelbar nach der Befreiung auch ausgelebt und in ihrer Radikalität von den Befreiern geduldet wurde. Auch dafür gibt Doerfer Beispiele.
Der zweite Teil beschäftigt sich vor allem mit der juristischen Aufarbeitung der Shoa in Deutschland nach 1949, also nach Gründung der Bundesrepublik. Dem Interessierten sind hier die groben Züge so oder so bekannt. Es gab keine Stunde Null, wie es gern behauptet wurde, aber die Idee eines absoluten Neuanfangs war natürlich charmant – für die Täter. De facto aber setzten sich gerade die Karrieren in der Justiz (und im Auswärtigen Amt) fast ungebrochen fort. Aber auch in anderen Institutionen konnten Alt-Nazis schnell wieder Fuß fassen, sei es im akademischen Umfeld, in den Parteien und auch in den Medien. So kann es auch nicht überraschen, daß auch aus diesen Institutionen heraus nach wie vor antisemitische Ressentiments geschürt und ein antisemitisches Narrativ bedient wurde. Nicht zuletzt begann hier schon die schleichende Opfer-Täter-Umkehr, unterstellte man Juden doch, habgierig zu sein und aus dem „Unglück“, der „Katastrophe“ des 3. Reichs, des Krieges und der Shoa finanzielle Vorteile zu ziehen.
Doerfer, der als Wirtschaftsanwalt arbeitet und somit einiges von Geschäften, Insolvenzen und Vermögenswerten versteht, arbeitet hier anhand minutiöser Berechnungen heraus, wie gering letztlich die Zahlungen an Israel waren, daß im Vergleich die „Heimatvertriebenen“ aus den ehemaligen Ostgebieten weitaus höhere Entschädigungsleistungen erhielten. Ein weiterer Schwerpunkt dieses Abschnitts sind die juristischen Winkelzüge, mit denen es Ende der 60er gelang, das Gros derer, die durchaus Prozesse zu fürchten hatten, als „Mitläufer“ zu markieren und damit unter die Verjährungsklauseln fallen zu lassen. Wie lange der Kampf dauerte, daß nicht auch Mord unter die Verjährung fiel, ist heutzutage vergessen. Doch immerhin wurde Mord erst Ende der 70er Jahre endgültig als nicht verjährbar eingestuft. Doerfer erzählt bei all diesen Beispielen und Analysen allerdings auch immer mit, wie sich zugleich der neue (alte) Antisemitismus diese Auseinandersetzungen zu eigen machte, wie die Schlussstrichdebatte immer wieder befeuert wurde, indem man darauf verwies, auch die Deutschen hätten gelitten und es müsse „nun aber einmal gut sein“. Daß aus politischer Sicht ein gutes Verhältnis zu Israel dringend geboten war, im Gegenzug aber in Israel nicht mehr allzu genau darauf geblickt wurde, wie in Deutschland – abseits der großen Prozesse hinsichtlich der Vernichtungslager in den 60er Jahren – mit den Tätern verfahren wurde, ist bei alldem vielleicht eher ein Nebenaspekt, allerdings ein wesentlicher. Auch auf diesen geht Doerfer ein.
Das für den Leser vielleicht schmerzhafteste Kapitel dieses Buchs ist der letzte Teil, der sich mit der Aussöhnungspolitik und der Vergangenheitsbewältigung beschäftigt und dieser kein gutes Zeugnis ausstellt. Dabei wird eben auch die Frage nach dem „guten Opfer“, also dem „guten“, weil verzeihenden, Juden aufgeworfen. Wie in der deutschen Erinnerungskultur genau dieser „Jude als Opfer“ aufgebaut und als Narrativ wieder und wieder bedient wurde. Dabei weist auch Doerfer noch einmal darauf hin, daß es in Deutschland keine wirkliche Auseinandersetzung mit den Verbrechen der Shoa gab, bis eine amerikanische Seifenoper namens HOLOCAUST (1978) per Dritten Programmen in die deutschen Haushalte strahlte und eine enorme Wirkung erzielte. Auf einmal sprach man über das, was in den Lagern passiert war, wollte darüber Bescheid wissen. Zugleich setzte sich auf intellektueller Ebene bereits die Reaktion in Bewegung. Namentlich der Historiker Ernst Nolte war es, der mit einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über die „Vergangenheit, die nicht vergehen will“ räsonierte, die somit den Blick auf Gegenwärtiges verstellte. Er untermauerte damit seine These, daß der Angriff auf Russland ein Präventivschlag gewesen sei, bzw. die Gewalt der Lager eine Art Spiegelung der Barbarei unter Stalin war usw. Eine weitere Entlastungsdebatte, um eigene Schuld oder gar Mittätertum zu kaschieren, zu verdrängen und zu marginalisieren. Obwohl die Generation der sogenannten 68er bereits angefangen hatte, die Frage zu stellen, was Papa eigentlich so getrieben habe an der Ostfront, damals, war immer noch keine wirkliche Bereitschaft zu erkennen, sich uneingeschränkt mit der eigenen Schuld und der Verantwortung hinsichtlich dieser Schuld auseinanderzusetzen.
Doerfer untersucht die verschiedenen Versuche von Versöhnung, wobei er, ebenfalls eine äußerst interessante Darlegung, auf die Unterschiede christlichen und jüdischen vergebens hinweist und in diesem Zusammenhang auch die herkömmliche Bedeutung des alttestamentarischen „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ dekonstruiert und verdeutlicht, was sie im Kontext jüdischen Glaubens bedeutet. Auch die fortdauernde Unterscheidung in ein „Wir“ (die Täter) und ein „sie“ (die Opfer) wird thematisiert und anhand dieser Narration erläutert, wie oftmals über Opfer gesprochen wurde, immer schon in einem paternalistischen Ton, weniger mit ihnen.
Dieser letzte Abschnitt des Buchs konfrontiert den Leser auch immer wieder mit eigenen Klischees und Ressentiments, die man möglicherweise als solche erst einmal nicht wahrnimmt. Und man will nur ungern einsehen, daß all das Vergangenheit bewältigen, das man doch so eifrig betrieben hat, möglicherweise nicht zielführend war. Zumindest nicht so. Und man erinnert sich an die Auseinandersetzungen um das Holocaust-Denkmal in Berlin und wie man selber ebenfalls daran zweifelte, ob dies der richtige Umgang mit der Erinnerung sei – eine riesige Grabplatte in der Mitte Berlins, unter der man natürlich auch Erinnerung vergraben kann, anstatt sie tagtäglich zu leben. Ähnliches Unwohlsein beschlich einen, als begonnen wurde, die Stolpersteine auszulegen, die im Asphalt auf Wohnungen jüdischer Mitbürger hinwiesen – und die vor allem Deutsche ganz töfte fanden. Die es aber zugleich erlaubten, noch einmal mit den Schuhsohlen auf jüdische Namen zu treten. Es blieb ein Unwohlsein.
Achim Doerfer, der selbst aus einer Familie stammt, die fürchterlich unter der Shoa gelitten hat, ist Jurist und Philosoph, kein Historiker. Zwar ist sein Buch minutiös mit Quellen ausgestattet, doch erlaubt sich der Autor, was den wenigsten Historikern gegeben ist, persönliche Betroffenheit. Gerade im mittleren Teil der Untersuchung, in der Betrachtung des Versagens von Politik und Justiz in der frühen Bundesrepublik, ist die Empörung zu spüren, die ihn immer wieder ergriffen haben muß, als er dies alles recherchierte, zusammentrug, in Form brachte und niederschrieb. Und direkt wird man mit dem nächsten Reflex konfrontiert und darf sich in Frage stellen. Denn das lesende Ich, geschult an etlichen ausgefeilten Studien, Untersuchungen und Analysen, fragt sich natürlich sofort, wie seriös das denn ist, die eigene Betroffenheit in den Text mit einfließen zu lassen? Und es ist reine Scham, die den Leser dann befällt. Was bitte sollte es denn sein, außer Empörung, die einen befallen könnte? Und schon ist man genau in jene Falle getappt, die Doerfer so genau beschreibt: Man hat eben eine genaue Vorstellung davon, wie man zu berichten hat, wie man zu beschreiben hat, wie Seriosität geht, daß bitteschön die Contenance zu wahren, die professionelle Distanz einzuhalten sei.
Nein. Es sind Bücher wie dieses, die ein Schlaglicht werfen auf die ungern gehörte und deshalb verdrängte Geschichte jüdischer Rache, das Versagen der Justiz und die Wohlfühlversöhnung mit Rundumsorglospaket für alle, die gestern noch Täter waren, die unbedingt nottun. Sie sind Stachel im Fleische der bräsigen Selbstgerechtigkeit, die sich bei allem Erinnerungswillen eben auch breit macht im Schatten der Stelen des Denkmals. Man sollte sich dem stellen. Es gibt immer noch einiges zu lernen.
[1] Vgl.: Salzborn, Samuel: KOLLEKTIVE UNSCHULD. DIE ABWEHR DER SCHOAH IM DEUTSCHEN ERINNERN. Berlin/Leipzig, 2020.
Achim Doerfer stellt unbequeme Tatsachen fest. Unbequem deshalb, weil sie ein etwas anderes Bild auf die vielbeschworene gelobte Erinnerungskultur in Deutschland betrifft, wenn es um die Shoah geht. Doch je tiefer ich in das Thema gemeinsam mit Doerfer eingestiegen bin, desto unangenehmer ist eben auch die Ganze Wahrheit: In vielen Bereichen ist diese Erinnerungskultur vor allem auf die Täterkultur ausgerichtet und nicht auf eine Einbindung der tatsächlich betroffenen Opfer. Das fängt schon mit der sogenannten Aufarbeitung nach 1945 an und setzt sich in verschiedenen Narrativen fort, die nur ein bestimmtes Bild über die Opfer zulassen. Achim Doerfer nimmt hier speziell die Geschichte des Judentums nach 1945 aufs Korn und zwar insofern, wie eigentlich über Juden in Deutschland gesprochen wird und wie nicht. Wer wird genannt, wenn es um die Aufarbeitung geht? Es fällt auf, Juden als Widerstandskämpfer kommen in der Öffentlichen Wahrnehmung praktisch nicht vor. Ich würde behaupten das ich mich in einigen Aspekten mit dem Widerstand in Deutschland gegen den Nationalsozialismus gut auskenne, daher fand ich persönlich es ziemlich überraschend, das ich einfach keinen der Namen, die Doerfer aufführt kannte. Und ich hatte nicht nur ein Seminar zum Thema Widerstand, sondern war auch an einer Universität an der eine Zentrale Forschungsstelle dazu angegliedert ist. Ich finde es beschämend um ehrlich zu sein. Jüdischer Widerstand, das gab es und zwar auch in den KZs selbst. Es wirkt als ob es in er Erzählung von der "Deutschen Schuld" Juden nur als Opfer geben soll, nicht aber als Menschen die eben nicht untätig blieben und die sich auch keinesfalls so ruhig zur "Schlachtbank" führen liesen. Doerfer spricht sich vor allem dafür aus, das Narrativ eben insgesamt zu verändern. Nicht nur die Täter lassen sich nicht schlicht in Schwarz-Weiß einteilen auch die Überlebenden und Ermordeten sind keinesfalls ein Einheitsbrei aus deren Erfahrungen die immer gleichen Konsequenzen abgeleitet wurden und werden.
Ehrlicherweise ist mir auch erst durch Doerfers weitere Beispiele wirklich aufgefallen, das selbst die Menschen die wir als Holocaustüberlebende aus verschiedenen Medien kennen, einem bestimmten Roten Faden folgen - der nicht von ihnen stammt, sondern der durch die Wahl der Interviewpartner, der Einladungen zu verschiedenen Gedenkfeiern und und und entsteht. Es gibt in Deutschland scheinbar keinen Platz für zornige, unversöhnliche Menschen die eben nicht verzeihen können oder wollen. Meiner Meinung nach ist die Forderung danach so oder so eine Anmaßung. Jede*r Überlebende hat das Recht selbst zu entscheiden, wie er mit dieser Vergangenheit umgehen möchte. Eine Differenzierte Diskussion ist aber in den breiten Medien nicht möglich, wenn es im Narrativ immer nur um Versöhnung geht.
Aber auch da Bild von Juden im allgemeinen, wird in Deutschland oft davon geprägt das zunächst ein mal ein Wir und die anderen aufgebaut wird. Damit wird dieses Othering das im Antisemitismus schon immer Zentral war letztendlich nicht aufgebrochen, sondern zementiert - egal wie gut man es gemeint hat. Bestimmte ""Erzählungen" werden auch deshalb fortgeführt, weil sie gar nicht unterbrochen wurden. Das Ende des Krieges, die Befreiung der Konzentrationslager, das hat zwar das töten und Morden beendet. Aber in den Köpfen hat sich ja nicht pünktlich um Mitternacht einfach so verflüchtigt. Der berühmte Schlusstrich der immer wieder gefordert wird - selbst von jenen, die man damit gar nicht in Verbindung bringen würde (Willi Brandt???? Ich war ehrlich gesagt echt überrascht um seine Haltung...). Wie kann ein Schlussstrich gezogen werden, um einen Völkermord??? Vor allem wenn eigentlich keine wirkliche Auseinandersetzung stattgefunden hat? Sowohl die BRD als auch die DDR haben letztendlich darin versagt, Schuldige klar zu benennen und dann auch zu verurteilen. Und zwar so, das man wirklich von Gerechtigkeit hätte sprechen können oder von irgendeinem Eingeständnis einer Schuld. Und ja explizit auch die DDR, die ihre sogenannt Aufarbeitung vor allem für ihre eigene Propaganda benutzte und in derren Reihen sich genauso die ehemaligen Nazis versteckten, die das in der BRD der Fall war. Wenn man sich derren Verurteilungen genauer anschaut, erkennt man das viele von ihnen nur unter dem Deckmantel der Nazizugehörigkeit verurteilt wurden weil sie für die DDR unbequem waren. Nicht aber weil eine echte Täterschaft bestanden hätte. (Und nein das sind keine Einzelfälle. Wer mehr dazu wissen möchte, sollte sich unbedingt einschlägige Literatur zu diesem Thema näher anschauen. z.B. Ausschwitz und Staatssicherheit von Henry Leide, Braunbuch DDR von Olaf Kappelt usw.) Einer Entschuldigung ohne eine Einforderung von Vergebung. Spannend fand ich persönlich das der Autor an die unterschiedlichen Blickwinkel von Rache aus dem Judentum und aus dem Christentum erklärt, was eigentlich der Fehler, im Ansatz der in Deutschland verfolgt wird, ist. Und auch, welche andere Möglichkeiten bestanden hätten um von Anfang an ein sehr differenziertes BIld zu zeichnen. Eines in dem dann auch alle Menschen gehört oder gesehen werden und nicht nur die, die ins eigene erwünschte Weltbild passen sollen. Jüdische Geschichte findet nur dann statt, wenn sie mit der Shoah verknüpft wird, in den seltensten Fällen werden die vielen Jahrhunderte in den Blick genommen, in der jüdische Geschichte auch schon ein Teil der Geschichte der Welt war. Zumindest in der Schule und ohne Judaistik Studium wird es eher schwer auf das Thema einfach so zu stoßen. Auch unbewusst wirkt die Propaganda der Nationalsozialisten weiter fort und schreibt sich weiterhin ein. Das sollte man nicht aus den Augen verlieren.
Ja, bequem und kuschelig ist anders. Doerfer ist definitiv wütend und macht seinen Gefühlen Luft. Kann dies aber immer auch belegen. Die Literaturliste ist eine Fundgrube für jeden der mehr über jüdischen Widerstand lesen möchte. Ansonsten kann man ja auch einfach mal Google Bemühen und sich schlau machen, welchen Kulturbruch die Shoah wirklich darstellt. Das kann man meiner Meinung nur dann verstehen, wenn man diesen Zeitraum nicht im leeren Raum betrachtet, sondern mit dem Davor wirklich verknüpfen kann.
Nicht bei allem würde ich total mit Achim Doerfers Meinung mitgehen. Aber erstens geht es darum auch gar nicht und zweitens, hat mir das Buch ziemlich viele Erkenntnisse gebracht und Lücken aufgezeigt. Es wird Zeit für einen neuen Weg, denn natürlich kann die Antwort nicht sein, die Shoah nicht mehr zu besprechen und eben diesen "Schlussstrich" zu ziehen. Die Antwort muss sein, zu zu lassen, das man nicht selbst über die eigene Schuld entscheidet und sich schon gar nicht aussuchen kann, wer über diese Schuld richten darf. Und ja, die eigene Schuld kann auch sein, sich nur so mit der Shoah auseinander zu setzen wie es einem passt und für die gewünschte Außendarstellung funktioniert.
Teilweise leider Wikipedia als Quelle. Der Rest scheint aber plausibel, sodass trotzdem durchaus noch von Seriosität gesprochen werden kann. Inhaltlich auf jeden Fall erhellend und lehrreich sowie durch eine zuvor mir weniger bekannte Perspektive den Horizont erweiternd.