Ein Satz mit X ... Selten hat mich ein Buch so wütend gemacht, wie 1000 Serpentinen Angst. In den letzten Wochen habe ich versucht, zu reflektieren, ob es ein "me problem" oder ein "book problem" ist, aber ich glaube, hier haben wir beide Schuld, Olivia. Ich würde die Rezension gerne mit einem kurzem Abriss der Handlung beginnen, nur leider ist diese nicht mal im Ansatz vorhanden. I kid you not, dieses Buch hat keinen Plot. Daher starten wir gleich mit der Kritik, sorry.
1) Schwarz. Queer. Ostdeutsche.
Mit diesen drei Worten ließe sich Wenzels Debütroman zusammenfassen. Mehr ist hier leider nicht zu holen. Glaubte man dem Klappentext oder Rezensionen aus verschiedenen Zeitungen, dann wäre 1000 Serpentinen Angst die Geschichte einer jungen Frau, die "von Verlust, von Angststörung; von Fragen der Vergangenheit, von Kontinuität, von Traumata" erzählt. "Wie damit umgehen, wenn du als Schwarze Person im Osten aufwächst, dein Vater nicht mehr da ist, deine Mutter dich verlassen hat, dein Bruder weg ist?". Da kann ich nur verwundert den Kopf schütteln. Diese angebliche Tiefe besitzt dieser Roman definitiv nicht.
Mir ist klar, dass all diese Themen im Roman angeschnitten werden, bzw. durch die Identität der Protagonistin abgedeckt sind, das heißt aber noch lange nicht, dass sie auch wirklich im Roman verhandelt oder sinnvoll in die "Handlung" (wie gesagt, diese ist nicht vorhanden) eingebaut werden.
Mir ist ebenfalls klar, dass wenig Schwarze, queere Protagonist*innen aus Ostdeutschland in deutschen Romanen zu finden sind (mir fällt so schnell keine weitere Romanfigur ein, was eine Schande ist!) und dass dies auch auf der Autor*innenseite gilt. Trotzdem ist das nicht genug Stoff für eine gute Geschichte. Und diese Diversity allein rechtfertigt auch nicht das ganze Lob, mit dem dieses Buch überschüttet wurde. Wenzels Roman ist nicht "groundbreaking".
Wenzel versucht, sich an Themen wie Zugehörigkeit, Rassismus, Klasse, Kolonialismus, Privilegien, DDR und Colorism abzuarbeiten; es will ihr aber nicht so recht gelingen. Wir schwanken zwischen Selbstmitleid, inauthentischen Beschreibungen (sorry, aber die Hälfte der beschriebenen Szenen wirken auf mich wie an den Haaren herbeigezogen) und einem Stil, der eher in ein Sachbuch gehört, wie z.B. hier: "Das Problem mit Klischees ist nicht, dass sie nicht stimmen. Sie stimmen ziemlich oft. Das Problem ist, dass sie immer wieder nur dieselbe, eine Perspektive beschreiben." Okay, Chimamanda, auch ich habe "The Danger of a Single Story" gelesen. We get it. Aber warum muss diese Aussage so ungelenk in Wenzels Roman wiedergekäut werden?
Wiederum andere Aussagen haben mich aufgrund ihrer audacity einfach nur aufgeregt, so zum Beispiel: "Wie sollte sie reagieren, wenn ich sie fragen würde, ob sie sich vorstellen könnte, dass ich natürlich erstmal nichts mit von weißen Polizisten hingerichteten Afroamerikanern zu tun habe und auch nichts mit Refugees auf irgendeinem Dach in Kreuzberg, dass ich aber am Ende des Tages doch mit diesen Menschen im Alltag mehr teile als mit ihr, meiner Großmutter, nämlich die Tatsache, einem Blick ausgeliefert zu sein, der uns, wenn ich überhaupt von einem Uns sprechen kann, als das Gleiche begreift, als das Gleiche markiert, als das Nichtweiße, das Andere, als Beleg einer Idee von Hautfarben und Differenz?"
Nach dem Lesen dieses Paragraphen hätte ich am liebsten geschrien. Nein, einfach nein. As a mixed person myself (genau wie bei der Romanfigur ist mein Vater Schwarz und afrikanisch, in meinem Fall kamerunisch, in dem Fall der Protagonistin angolanisch, und meine Mutter weiß und deutsch) muss ich sagen, dass ich diese Aussage einfach unglaublich schwierig finde. Denn natürlich haben wir ungemein viel mit unseren weißen Großmüttern (und Müttern ... und Cousinen) gemein. Unser Leben spiegelt doch vielmehr das ihre wieder, als das Leben von geflüchteten Menschen in Deutschland oder Afroamerikanern in den USA. Genau wie ihre Großmutter besitzt die Protagonistin einen deutschen Pass, hat ein deutsches Bildungssystem durchlaufen, hat eine feste Bleibe, immer genug Essen auf dem Tisch, muss nicht fürchten, abgeschoben zu werden, spricht perfektes Deutsch, etc.
Daher finde ich es schwierig, einfach rauszuhauen, dass afrodeutsche Menschen in Deutschland genauso wahrgenommen werden wie geflüchtete Menschen aus dem arabischen Raum oder Afrika. Das sehe ich absolut nicht so und das spiegelt auch nicht meine Erfahrungen und die Erfahrungen meines Umfelds wieder. Ich sage nicht, dass afrodeutsche Menschen keinem rassistischen, weißen Blick ausgeliefert sind, natürlich sind wir das, aber unsere "proximity to whiteness" und unser "Deutschsein" verschaffen uns ungemeine Vorteile und Privilegien, die wir einfach anerkennen müssen. Zumal wir in der Regel auch als Deutsche anerkannt (wenn auch vielleicht nicht auf Anhieb so wahrgenommen) werden, was geflüchtete Menschen oder Menschen ohne deutschen Pass nicht behaupten können.
So hat mich im ersten Teil des Romans auch die Stelle "Frage: IST DEIN HERKUNFTSLAND SICHER? – Antwort: Nach welchen Kriterien?" total aufgeregt. Natürlich ist dein Herkunftsland (Deutschland) sicher, du Depp. Es ist nicht clever, so darauf hinzuweisen, dass es hier z.B. auch Rassismus und Sexismus gibt, in dem wir es mit wirklich unsicheren Herkunftsländern, die von Krieg zerrissen werden, vergleichen. Wie gesagt, ich verstehe total, was Wenzel damit bezwecken will und zu einem gewissen Punkt gehe ich ja auch mit (=> es ist total wichtig, dass wir über Rassismus/Sexismus/etc. in Deutschland sprechen), aber diese süffisante Art wird dem Ernst der Thematik einfach nicht gerecht.
Den Vergleich zu Schwarzen Menschen in den USA finde ich einfach unpassend, weil sich der systemische Rassismus in beiden Ländern teilweise unterschiedlich ausdrückt. Als Person, die mixed ist und in Deutschland lebt, fürchte ich mich nicht davor, "von weißen Polizisten hingerichtet zu werden", wie Wenzel es ausdrückt. Polizeigewalt gibt es hier natürlich auch, aber die Angst, mit der viele Afroamerikaner*innen täglich kämpfen, teilt der Großteil afrodeutscher Menschen (zum Glück!) nicht.
Leider gibt es nur sehr wenige Momente in dem Buch, in dem die Protagonistin sich selbst hinterfragt, ihre eigenen Rassismen und Vorurteile reflektiert. Diese Szenen sind bei weitem die stärksten und einprägsamsten. So z.B. ihre Vorurteile gegenüber einem betenden arabisch gelesenen Mann am Flughafen. Die Protagonistin fühlt sich unwohl in seiner Anwesenheit und imaginiert ein Gespräch mit ihm ("Excuse me, Sir, do you wanna murder me or is this just a regular prayer?"), was ihr dabei hilft, ihre eigenen ungerechtfertigten Vorurteile zu hinterfragen und quasi wieder auf den Teppich zurück zu kommen. Richtig gut! Hätte es doch bloß mehr solcher Spielereien gegeben.
2) Am Ziel vorbei: Wenzels Erzählstil
Eines muss man ihr lassen: Wenzel versucht sich an einer neuen Sprache. 1000 Serpentinen Angst ist ein experimenteller Roman. Sie streift alte, tradierte Erzählweisen ab und wählt stattdessen eine Dialogform, ohne dass jemals erklärt wird, mit wem die Protagonistin eigentlich spricht. Diese fragende Stimme begleitet Leser*innen durch den Roman, stellt unangenehme Fragen und nimmt oft auch eine wertende Haltung ein. Das kann man mögen ... oder eben auch nicht. Ich fand Wenzels Erzählweise einfach nur nervig; nicht clever oder erfrischend, sondern einfach nur belastend.
Das einzig Positive daran war, dass sich der Roman so schneller lesen ließ. Ansonsten kaschiert der Erzählstil mehr schlecht als recht, dass Wenzel nicht an einem Plot interessiert ist, sondern nur pseudo-psychologisches Geschwafel von sich gibt. Where is the real introspection?
Wenzels Roman ist in drei Teile angelegt. Während Teil eins und drei in Dialogform daherkommen, stellt Teil zwei einen Bruch dar (bis heute bin ich mir nicht sicher, warum und zu welchem Zweck...): in Teil zwei werden vor allem Bilder beschrieben, Fotos von der Mutter der Protagonistin, eine Ex-Punkerin aus der DDR, das Cover des Roots-Albums Things Fall Apart, das Gemälde Madeleine de la Martinique, etc. Wenzel beschreibt auch viele Alltagssituationen und Alltagsrassismen und ich fand's einfach nur selbstbemitleidend und langweilig.
3) Schocken. Um jeden Preis
Die Protagonistin blieb für mich einfach eine blasse Figur. Eine Figur, mit der ich weder mitfühlen, noch mitgehen konnte. Leider. Am meisten interessierte mich ihre Auseinandersetzung mit dem Suizid ihres Zwillingsbruders. Diese Beziehung konnte ich greifen, die Figur des Bruders hat mich unheimlich interessiert, leider kam sie viel zu kurz. Stattdessen flüchtet sich Wenzel in das Liebesleben der Protagonistin, von "einem Fick" (nicht meine Wortwahl!) zum nächsten, ihre toxische Beziehung zu Kim etc. Es war kaum auszuhalten.
Einige Szenen wirkten auf mich so, als ob Wenzel einfach um jeden Preis schocken wollte. Ohne Sinn und Verstand. Zum Beispiel in der Szene, in der die Protagonistin lernt, dass Donald Trump zum neuen Präsident der USA gewählt wurde. Zum Zeitpunkt des Wahltags war sie gerade im Bett mit irgendeinem Mann. Wenzel schreibt: "Donald Trumps Familie sieht tatsächlich geschockt aus, denke ich, während ich mich im 16. Stock von einem Mann ficken lasse, dessen Firma programmatisch die Umwelt zerstört." Und ich denke mir einfach nur WHY? Es ist so billig. "...der programmatisch die Umwelt zerstört"... okay, queen, pop off, warum dann selber in die USA fliegen und nach Vietnam und und und... interessierst du dich wirklich für die Umwelt? Ich find's überhaupt nicht schlimm, wenn nicht, aber gurl?? Wer "lässt sich ficken" (diese Wortwahl alleine bringt mich schon auf die Palme) und denkt währenddessen darüber nach, dass der Mann für eine Firma arbeitet, "die programmatisch die Umwelt zerstört." Ugh, dafür kriegt sie keine woken brownie points von mir.
Im zweiten Teil des Romans finden wir eine weitere verstörende Anekdote, deren Sinn sich mir bis heute nicht erschließt und ich wünschte, ich könnte sie einfach auf ewig aus meinem Gedächtnis löschen. And I quote: "Der merkwürdige Moment, in dem ich der dreijährigen Millie den kleinen, schmalen Arsch abwische, die sich in einer öffentlichen Toilette stehend vornüber beugt und mir zuruft: Ich bin fertig. Als wären mein Zeige- und mein Mittelfinger für den Spalt zwischen ihren Arschbacken gemacht." Es tut mir wirklich leid, Schockfaktor in allen Ehren, aber wer beschreibt so EIN DREIJÄHRIGES MÄDCHEN??? UND IHREN TOILETTENGANG??? ARE YOU OKAY?? Do you need help? Ich find's einfach nur eklig und dumm... "Als wären mein Zeige- und mein Mittelfinger für den Spalt zwischen ihren Arschbacken gemacht." GEHT ES DIR GUT???