Dem Irrtum erlegen, "Die Frau vom Meer" gehöre zu den Dramen, die ich noch nicht von Henrik Ibsen gelesen habe, stieß ich bald auf die ersten Unterstreichungen, die ich vor fünfzehn Jahren vorgenommen haben muss. Aber selbst bis zur letzten Seite hin erkannte ich keine Szene und keine Charaktere wieder. Ein Umstand, der gegen dieses Werk spricht? - Nicht unbedingt!
Ellida Wangel, die besagte Frau vom Meer, kann meinem Empfinden nach der Nora aus "Ein Puppenheim" nicht annähernd das Wasser reichen. Ihnen ist immerhin das Hauptthema gleich. Ibsen verleiht auch hierin der Frau des auslaufenden 19. Jahrhunderts eine kritische Stimme, was die damalige Hochzeitspolitik bzw. den gesellschaftlichen Status der Frau betrifft. Ellida sieht sich wie Nora im Ehedilemma gefangen. Sie erkennt, dass sie Wangel den Zuschlag zur Ehe aus Absicherungsgründen gegeben hat. Sie hat sich nicht frei entscheiden dürfen, sondern unter der Last des gesellschaftlichen Druckes, kein Auskommen ohne Ehemann zu haben.
Doch mit der Rückkehr des Fremden, dem sie Jahre zuvor das Eheversprechen gegeben und nicht eingelöst hatte, erkennt sie endlich ihr Problem, das sie die ganzen Jahren ruhelos dahintreiben ließ. Sie muss, nein sie will, sich endlich BEWUSST und FREI entscheiden . . .
Das Thema als solches wurde von Ibsen sensibel vorgetragen und kurzweilig geschildert. Und dennoch versteht Ellida mich nicht so sehr in ihren Bann zu ziehen, wie es Nora vermag.